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37 Grad  | 15.12.2015  Araber im Allgäu

Wie Flüchtlinge heimisch werden

Seit einem Jahr begleitet 37 Grad syrische Flüchtlinge in dem Allgäuer Dorf Fischen. Die Gemeinde stellt sich der Herausforderung und zeigt im Kleinen, was Deutschland in Zukunft erwartet. Was kommt nach der Willkommenskultur? Was bedeutet es, wenn Flüchtlinge nicht nur ankommen, sondern auch dauerhaft bleiben, wenn sie zu Kollegen, Nachbarn und Schulkameraden werden? Und wie geht man hier mit der angespannten Stimmung im Land um? 

Flüchtlingsfamilie mit Helferin Steffi

Video: Araber im Allgäu

Sehen Sie hier die ganze Sendung in der Mediathek!

(15.12.2015)
Flüchtlinge im Klassenraum

Erster Teil: Willkommen in Deutschland

Rückblick: 37 Grad beobachtet fünf Monate lang das kleine Dorf Fischen im Allgäu.

(10.03.2015)

Muhannad, der gelernte Computeringenieur, hat endlich die Anerkennung als Asylbewerber und verdient sein eigenes Geld mit einer Vollzeitstelle als Fahrradmechaniker. "Ich habe die besten fünf Jahre meines Lebens durch den Krieg verloren, ich muss vergessen und neu anfangen." Jetzt will er nur noch raus aus der Unterkunft, eine eigene Wohnung finden. Doch das ist schwieriger als gedacht.

Ibrahim, der Familienvater, kann endlich seine Frau und die fünf Kinder aus einem türkischen Flüchtlingscamp zu sich ins Allgäu holen - und er hat einen Job als Maler gefunden. Mit dem Deutsch hapert es noch, aber mit den Kollegen und einer Kollegin versteht er sich bestens. Was hier anders ist als in Syrien? "Eine Frau, die malt und Chef ist."

Erster Teil

Unter dem Titel " Willkommen in Deutschland Ein Dorf und seine Flüchtlinge" haben wir bereits im März über Fischen im Allgäu berichtet.

Über eine Million Flüchtlinge

Als Ibrahim und die anderen Flüchtlinge in Fischen ankamen, ging man für ganz Deutschland noch von 300.000 Flüchtlingen für 2015 aus. Mittlerweile liegen die Schätzungen bei über einer Million. Das bekommt man auch rund um Fischen zu spüren. Eine Tennishalle im Nachbarort ist jetzt zur Notaufnahme für 200 Menschen umfunktioniert worden. Amjad, Palästinenser, und seit über 20 Jahren im Allgäu heimisch, ist hier im Dauereinsatz als Übersetzer - ehrenamtlich. Nie waren Helfer so wichtig wie zur Zeit. Denn es fehlt überall an Personal. Ohne die Engagierten im Ort wäre kein Job vermittelt worden, hätten die, die sich schwertun, Fuß zu fassen, keine Chance.

"Am Anfang dachte ich, ein bisschen Klamottenspende und Deutsch lernen. Dass es mal so viel Arbeit wird, hätte ich nie gedacht." Die Wirtin Steffi ist Ansprechpartnerin für Ibrahims Familie und hilft in ihrer Freizeit mit Behördengängen und Arztterminen. Immer dabei: Mohammad Ali, der Wirtschaftsstudent. Die beiden sind mittlerweile ein eingespieltes Team. Ihre unterschiedlichen Ansichten über Frauen, Männer, Hunde und Alkohol diskutieren sie mit viel Humor und Herz. Ein Unternehmer im Ort hat Mohammad Ali jetzt für die Akquise neuer Kunden eingestellt. Mit seiner Hilfe will er den arabischen Markt mit Spezialduschen erobern. "Da wär ich ja früher nie drauf gekommen."

Neue Nachbarn

Nach einem heißen Sommer in Deutschland mit Zehntausenden neu angekommener Flüchtlinge hieß es: Wir schaffen das! Doch wie schaffen wir das? Die Autoren Tine Kugler und Günther Kurth zeigen, was auf Deutschland die nächsten Jahre zukommt: Die Menschen verlassen die Flüchtlingsheime, vis-à-vis in die direkte Nachbarschaft, in örtliche Betriebe und den Alltag der Einheimischen. Das verändert die Gesellschaft, nicht nur in Fischen.

Gedanken der 37 Grad-Autoren

Tine Kugler und Günther Kurth über ihren Film

Seit einem Jahr begleiten wir Flüchtlinge und Einwohner in Fischen – mit und ohne Kamera. In diesem Jahr hat sich viel getan. Von der "Willkommenskultur" zur "Flüchtlingskrise": Frau Merkel sagte "Wir schaffen das!" Viele Deutsche sagten, sie hätten Angst. Eine Million ist schwer vorstellbar.

Niemand kennt eine Million Schicksale. Wir auch nicht, aber wir kennen die Geschichten der Flüchtlinge in Fischen - Menschen, die in erster Linie froh sind, hier sein zu dürfen. Die Respekt haben, vor unserem Rechtsstaat, weil es so etwas in ihrer Heimat nicht gibt. Die dieselben berechtigten Wünsche und Bedürfnisse haben wie die Einheimischen - nach Arbeit, Wohnung, einer Perspektive. Und die nach ihrer Anerkennung auch feststellen, dass es nicht so einfach ist mit der Sprache, der Wohnungssuche, dem deutschen Alltag. Dass auch der Fußballweltmeister Deutschland, den viele so bewundern, vorher erst die Qualifikation und danach viele Gruppenspiele gewinnen musste. Wesentliche Einsichten über das System Deutschland haben wir ausgerechnet von Arabern erfahren, die schon lange im Allgäu sesshaft sind – und die zeigen, was wir gewinnen können, wenn Integration funktioniert.

Integrationsarbeit von Anfang an

Wir haben im letzten Jahr tolle Menschen kennen gelernt, bei denen wir uns von Herzen bedanken für Ihre Ehrlichkeit und ihr Vertrauen. Wir haben wenige Menschen getroffen, die Angst haben. Aber viele, die sich bewusst sind und sich aufgerufen fühlen, an der Integration der Flüchtlinge in unsere Gesellschaft mitzuwirken. Die nach einem Jahr auch müde und frustriert sind, weil sie nicht allen deutsch beibringen können, es zu wenige Wohnungen gibt, sich die Neuankömmlinge manchmal selbst im Weg stehen und man sich immer kümmern muss.

Unser persönliches Fazit nach den Dreharbeiten: Wer Angst hat, sollte ihn treffen, den Flüchtling in seiner Nachbarschaft und sich ein eigenes Bild machen, bevor er urteilt. Und der Staat sollte Menschen, die helfen nicht länger so alleine lassen. Was Helfer nicht leisten können: Qualifizierende Sprachkurse für alle von Anfang an, schnelle Entscheidungen im Asylverfahren, systematisch berufliche Kompetenzen erfassen.

Wenn man es ernst meint mit der Willkommenskultur, darf man sich nicht vor der Integrationsarbeit drücken, indem man sie den Ehrenamtlichen überlässt.

Sendungsinformationen

Ein Film von Tine Kugler, Günther Kurth
Kamera: Günther Kurth
Schnitt: Günther Kurth
Produktion: Christian Stachel
Redaktion: Silvia Schmidt-Kahlert
Online-Redaktion: Uschi Hansen

Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen

Verkraftet Deutschland den Flüchtlingsstrom?

Zurzeit kommen viele Flüchtlinge aus Krisengebieten zu uns. Was meinen Sie, kann Deutschland das verkraften, oder kann Deutschland das nicht verkraften?


Deutschland kann Flüchtlinge...
... verkraften                                 48%
... nicht verkraften                        48%

... weiß nicht                                     4%

Bringen die Flüchtlinge Vor- oder Nachteile?

Glauben Sie, dass die vielen Flüchtlinge, die aus Krisengebieten zu uns kommen und bleiben, Deutschland langfristig gesehen eher Vorteile bringen, eher Nachteile bringen oder dass sich Vor- und Nachteile ausgleichen?
 

Flüchtlinge bringen langfristig ...

... eher Vorteile                               16%

... Vor- und Nachteile                   46 %

... eher Nachteile                          28%

... weiß nicht                                   10%

Meinung zu einem Einwanderungsgesetz

Und wenn es um die Zuwanderung von Arbeitskräften von Ländern außerhalb der Europäischen Union geht, brauchen wir da ein Einwanderungsgesetz, also zusätzliche Regelungen, um den Zuzug von Arbeitskräften zu steuern, oder brauchen wir da keine zusätzlichen Regelungen?


Ein Einwanderungsgesetz ...
... brauchen wir                   74%
... brauchen wir nicht             19%
... weiß nicht                            7%

Kulturelle Bereicherung vs. Überfremdungsgefahr?

Wenn Sie an die Flüchtlinge denken, die zurzeit zu uns kommen: Sehen Sie darin für Deutschland eher eine kulturelle Bereicherung, eher die Gefahr einer Überfremdung oder wird sich dadurch bei uns nicht so viel ändern?

Flüchtlinge bedeuten eher ...
... kult. Bereicherung                24%
... Überfremdungsgefahr         44%
... werden nicht viel ändern     26%

... weiß nicht                                  6%

Ehrenamtliches Engagement

Wollen Sie in absehbarer Zeit ehrenamtlich Flüchtlingen helfen, wollen Sie das nicht oder helfen Sie bereits?

Ehrenamtlich helfen ...
... will ich                              18%
... will ich nicht                   56%
... mache das bereits             22%
... weiß nicht                           4%

Erklärungen zur Erhebungsmethode

Die hier sowie ihn der ZDFzeit-Sendung präsentierten Daten sind von der Forschungsgruppe Wahlen e. V. (Mannheim) erhoben worden und basieren auf insgesamt 1.052 Interviews, die vom 12. bis zum 15. Oktober 2015 mithilfe von 97 Interviewern telefonisch in Deutschland durchgeführt wurden.

Die Umfrage ist repräsentativ für die deutschen Wahlberechtigten. Die Stichprobe wurde aus der Gesamtheit der deutschen Wahlberechtigten gezogen, die in Privathaushalten leben und dort über eine Festnetznummer (Nummer mit Ortsvorwahl) telefonisch erreichbar sind.
Für die Stichprobe wurde eine regional geschichtete, zweifach gestufte Zufallsauswahl verwendet. Die Zufallsauswahl der Haushalte erfolgte proportional zu den Wahlberechtigten in den regionalen Schichten, dann wurde zufällig eine wahlberechtigte Person im Haushalt ausgewählt.

Alle Fragen wurden außerdem nach den Ausprägungen folgender Merkmale aufgeschlüsselt: Alter, Geschlecht, Kombination Alter und Geschlecht.
Infolge von Gewichtung und Rundung kann es vorkommen, dass sich einzelne Prozente nicht auf 100 addieren.

15.12.2015

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Sendungsinformationen

Mittwoch 23.03.2016, 18:00 - 18:30 Uhr

VPS 23.03.2016, 18:00 Uhr


Länge: 30 min.

Film, 2015

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