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37 Grad  | 12.01.2016  Dorf des Vergessens

Selbstbestimmt leben mit Demenz

Die Menschen, die in Tönebön leben, verstehen die Welt nicht mehr. Wir begleiten die Bewohner des ersten Demenzdorfes in Deutschland über ein halbes Jahr, erzählen ihre persönlichen Geschichten und die ihrer Angehörigen. Zur Philosophie des Hauses gehört, sie nicht andauernd mit dem Verlust ihrer Erinnerung und des Denkvermögens zu konfrontieren, sondern sie zu Selbständigkeit zu motivieren. 

Barbara und Dieter beim Streichen im Garten

Abrufvideo: Dorf des Vergessens

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(12.01.2016)

Es begann schleichend: Sie verlegte Kreditkarten, ließ Essen auf dem Herd anbrennen und vergaß, wo sie ihr Fahrrad abgestellt hatte. Mit 50 Jahren bekam Barbara dann die Diagnose: Alzheimer. Irgendwann konnte sie den Alltag mit ihrer gerade erwachsen gewordenen Tochter nicht mehr bewältigen; selbstbestimmt leben wollte sie trotzdem. So fand sie Tönebön am See – eine in Deutschland einmalige Einrichtung für Demenzkranke.

So selbstbestimmt wie möglich

Hier soll so viel wie möglich an zu Hause erinnern. Die Bewohner stehen auf, wann sie wollen und entscheiden selbst, wie sie den Tag verbringen. Sie kaufen in "Töneböns Minimarkt" ein und kochen gemeinsam in ihrer Wohngruppe. Die Bedürfnisse der Bewohner haben Vorrang vor dem Zeitplan der Pfleger.

Wilma, die 82-Jährige, wird in der Gesangsstunde plötzlich unruhig und strebt mit ihrem Rollator zum Ausgang. Sie müsse nun dringend nach Hause, ihre Kinder kämen von der Schule, und die Kleinste bräuchte ihr Fläschchen. Nur widerstrebend lässt sie sich beruhigen. Die Betreuer sagen ihr nicht, dass ihre fünf Kinder längst erwachsen sind. Sie lenken sie ab, der Bus käme erst in einer halben Stunde, und sie habe noch Zeit für einige Lieder. Dieter läuft jeden Tag 50 Runden im großen Garten des Innenhofs. Schon immer ist er gerne gewandert, und er glaubt, er sei zur Kur hier. Tatsächlich wirken die Flachbauten am Rande Hamelns wie eine freundliche Ferienanlage.

Vergesslich oder dement?

Bis 2050 sollen über drei Millionen Menschen allein in Deutschland an einer Demenz leiden. Wo hört Vergesslichkeit auf - wo fängt Demenz an? Hier finden Sie Zahlen und Fakten: Diagnose Demenz: Was nun?

Offene Türen - geschlossene Anlage

Rund 50 Demenzkranke wohnen in Tönebön. Es gibt ein Haupthaus mit Rezeption, einen Supermarkt, einen Friseur und ein Café. Die vier Wohnhäuser tragen Namen wie "Villa am Reiterhof" und "Villa am See". Im Demenzdorf sind alle Türen unverschlossen, die Bewohner können einander besuchen und im Garten spazieren gehen. Alle Wege führen auf den runden Dorfplatz, so dass niemand in einer Sackgasse landet. Die Einrichtung war anfangs nicht unumstritten. Es gab auch Stimmen, die kritisierten, dass ein Zaun die Abgrenzung der Kranken vom Rest der Gesellschaft fördere. Frau Dohmeyers Tochter ist glücklich, dass ihre Mutter hier betreut wird. Aus dem Pflegeheim, in dem sie zuvor wohnte, ist sie oft weggelaufen. Angst hat die Tochter nur vor dem Moment, wenn ihre Mutter sie eines Tages nicht mehr erkennt. Es ist die Geschichte eines ungewöhnlichen Projekts, eines noch jungen Experiments im Umgang mit Demenzkranken.

Gedanken der 37 Grad-Autorinnen

Jana Matthes und Andrea Schramm über den Film

Bevor wir zum ersten Mal nach Tönebön kamen, hatten wir vor allem negative Bilder von Pflegeheimen im Kopf: Demenzkranke, die orientierungslos durch enge, krankenhausähnliche Flure irren, Pflegekräfte in weißen Kitteln, denen die Uhr im Nacken sitzt, und die doch nur Zeit für das Nötigste haben. Wir hatten gehört, dass in Tönebön am See alles anders sein soll, doch vorstellen konnten wir es uns nicht richtig. Ist es möglich, dass Menschen mit Demenz ein erfülltes Leben führen können, das trotz aller Tragik, die der Verlust der geistigen Fähigkeiten mit sich bringt, auch glückliche Augenblicke bereithält?

Gleich bei unserem ersten Besuch fallen uns Kleinigkeiten auf: Eine Bewohnerin läuft noch mittags im Morgenrock herum, eine andere malt selbstvergessen mit Kaffee Bilder auf den Frühstückstisch. Ein älterer Herr trägt verschiedenfarbige Socken. Niemand korrigiert oder weist die Menschen zurecht, denn - so klärt uns Qualitätsmanagerin Kerstin Stammel auf, so lange keiner zu Schaden kommt, soll jeder hier tun, was ihm Spaß macht - den Tag und den Moment genießen. Die Bewohner begegnen uns und der Kamera mit einer großen Offenheit, erzählen gern von sich und lassen uns mit in ihre Welt.

Leben wie in einer Zwischenwelt

Unsere drei Protagonisten sind es, die uns das außergewöhnliche Konzept der Hamelner Einrichtung wirklich verstehen lassen. Ihre Welt ist aus den Fugen geraten, nichts passt mehr wie früher zusammen. Keiner von ihnen käme mit dem Alltag zu Hause noch klar, aber nur Frau Thiede, die Jüngste, hat ein Bewusstsein ihrer Krankheit.

Als wir Herrn Jorek kennenlernen, sind wir zuerst verwirrt: Dieser agile, gesprächige und jugendlich wirkende ältere Herr soll dement sein? Was er von seinen Reisen mit dem Wohnmobil und der Autovermietung, die er betreibt, erzählt, klingt ganz und gar plausibel. Erst allmählich bekommen wir mit: Dieselben Geschichten erzählt er mehrmals am Tag, und Autos hat er nie vermietet. Herr Jorek lebt in einer Zwischenwelt: Er hat noch viele klare Momente, aber sehr oft bringt er Wirklichkeit und Ausgedachtes durcheinander. Gerade das macht den Umgang mit ihm für die Betreuer und seine Töchter manchmal schwierig.

Eine Herausforderung auch für die Angehörigen

Im Laufe der Recherche haben wir erfahren, wie sehr auch die Angehörigen von der Krankheit betroffen sind. Deshalb haben wir sie verstärkt in die Dreharbeiten einbezogen. Genau wie die Kranken selbst machen die Angehörigen eine Reise, sie verabschieden sich nach und nach von dem Menschen, den sie kannten und liebten. Manchmal entstehen Konflikte und Situationen, die ratlos machen. Die Betreuer von Tönebön sind in solchen Momenten für die Angehörigen da und suchen mit ihnen gemeinsam nach einer Lösung.

Während unserer Arbeit mit unseren Protagonisten haben wir traurige, aber auch lustige Momente erlebt. Beim Drehen wurde oft gelacht, und wir haben versucht, diese Stimmung in den Film zu tragen. Ein wenig hat sich auch unsere Angst vor der Krankheit verändert: Mit einem Konzept, das die Bedürfnisse von Demenzkranken ernst nimmt, ist die Krankheit immer noch ein schweres Schicksal, aber sie ist nicht das Ende des Lebens.

Sendungsinformationen

Ein Film von Jana Matthes, Andrea Schramm
Kamera: Bernd Meiners, Jörg Johow
Schnitt: Andrea Trüper
Produktion: Christian Stachel
Redaktion: Silvia Schmidt-Kahlert
Online-Redaktion: Uschi Hansen

12.01.2016

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ZDFmediathek: 37 Grad

Sendungsinformationen

Dienstag 19.01.2016, 23:53 - 00:23 Uhr

Länge: 30 min.

Deutschland , 2016

Altersfreigabe: 6

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