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37 Grad  | 08.03.2016  Für mich gab's keine Grenzen

Jan Ullrich und Paulus Neef nach ihrem Scheitern

Jan Ullrich, Spitzensportler, und Paulus Neef, Ausnahmeunternehmer, haben alles verloren, wofür sie gekämpft haben. Anerkennung, Erfolg, Geld, ihre Glaubwürdigkeit. Wie lebt man damit? Es war ein Sturz ins Bodenlose. Ihr Scheitern war allumfassend, schmerzhaft und öffentlich. Doch Aufgeben ist für beide nie eine Option gewesen. Sie blieben im Kern, was sie schon immer waren: Kämpfer. 

Jan Ullrich

Video: Für mich gab's keine Grenzen

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(08.03.2016)

Wie berauschend war es, an der Spitze zu stehen? Jan Ullrich, der Junge aus einfachen Verhältnissen, liebte es, mit dem zu glänzen, was ihm am allermeisten Spaß machte - Radfahren. Er genoss die Bewunderung seiner Fans, die Möglichkeiten, die sich ihm boten. Paulus Neef konnte die Menschen begeistern und für seine unternehmerischen Pläne gewinnen. Doch emotional blieb er davon merkwürdig unberührt. "Ich konnte mich nie wirklich freuen oder Erfolge feiern. Geld war reichlich da, nach dem Börsengang sogar über eine Milliarde, doch bedeutet hat es mir nichts. Es musste immer weiter gehen, ich war wie getrieben."

Jan Ullrich machte sein historischer Sieg bei der Tour de France 1997 über Nacht zum Star. Zugleich stellte dieser sportliche Meilenstein einen Erfolg dar, an den er bis zu seinem unrühmlichen Karriereende immer wieder anzuknüpfen versuchte. Aber es gab auch viele Negativschlagzeilen: Verletzungen, Gewichtsprobleme, Trainingstiefs, Alkoholfahrten, Aufputschpillen, verpatzte Wettkämpfe. Auch Paulus
Paulus Neef
Paulus Neef (Quelle: ZDF/Felix Greif)
Neef fühlt sich zu der Hoch-Zeit von Pixelpark nicht frei. Ein Bodyguard bewacht ihn rund um die Uhr, zu groß ist die Angst vor einer Entführung. "Es war wie ein goldener Käfig", erzählt der 55-Jährige rückblickend. "Freunde wandten sich von mir ab, Beziehungen scheiterten, meine Ehe ging in die Brüche."

"Zu weit gegangen"

Wie weit sind die Protagonisten für ihre Ziele gegangen? "Zu weit", meinen beide heute. 2006 will Jan Ullrich noch ein letztes Mal bei der Tour de France angreifen. Er ist in Bestform, er kann es noch einmal schaffen – und danach seine große Karriere beenden. Doch es sollte anders kommen. Er wird des Dopings beschuldigt und gesperrt, seine Mannschaft, "Team Telekom", distanziert sich von ihm. Die Medien stürzen sich auf ihn, der einstige Held wird zum Buhmann der Nation. Der Schock über das plötzliche und hässliche Karriereaus sitzt tief und ist auch heute noch spürbar. Warum hat er so lange zu den Dopingvorwürfen geschwiegen? Warum fiel es ihm so schwer, Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen?

Paulus Neef, Gründer der Multimedia Agentur Pixelpark, war hoch verschuldet, als er nach dem plötzlichen Börsencrash von Pixelpark und vermeintlicher Veruntreuung 2002 aus seiner eigenen Firma geworfen wurde. "Nach außen hin habe ich mir nichts anmerken lassen, aber mir war der Boden unter den Füßen weggezogen."

Verantwortung übernehmen und weitermachen

Heute greifen die beiden nicht mehr nach den Sternen – aber sie haben Pläne und Visionen, von denen sie uns erzählen. Und so unterschiedlich sie auch sind, so unterschiedlich ihre Leben und Karrieren verlaufen sind – die Lehre, die sie aus ihrem Scheitern gezogen haben, ist erstaunlicherweise dieselbe. Jan Ullrich meint dazu: "Ich bin ein extremer Mensch. Und scheitere deswegen vielleicht auch so extrem, selbst heute noch. Aber das habe ich mittlerweile akzeptiert, es gehört zu mir. Entscheidend ist wohl nur, dass man nicht liegen bleibt, sondern Verantwortung übernimmt und weitermacht!"

Gedanken der 37 Grad-Autorin

Annette Heinrich über ihren Film

Ein Film über Prominente und deren Scheitern? Als meine Redakteurin mit dieser Anfrage an mich herantrat, war ich zugegebenermaßen nicht sofort Feuer und Flamme. Zu selten – so schien es mir – gelingt es, prominenten Persönlichkeiten wirklich nah zu kommen, sie spontan, emotional und authentisch zu erleben. Doch für all das steht das Format 37 Grad. Wie sollte dieser Spagat also gelingen, wo doch die meisten Prominenten, die wirklich etwas zu sagen haben, viel zu medienerfahren und kontrolliert sind, um die Dinge einfach „mal laufen zu lassen“.

Und natürlich war mir klar, dass ich mich nicht mit Persönlichkeiten beschäftigen wollte, deren Schicksale in den Medien bereits hoch- und runter erzählt worden sind. Ich wollte immerhin ein paar Facetten an diesen Protagonisten entdecken können, die noch nicht jedem bekannt sind. Und ich wollte Persönlichkeiten finden, die nicht nur von ihrem Scheitern sprechen, weil es sie um jeden Preis wieder in die Öffentlichkeit drängt – sie sollten auch ein anderes, echtes Anliegen haben, ihre Erfahrungen und ihre Erkenntnisse aus der Krise mit den Zuschauern zu teilen.

Langwierige Protagonistensuche

Die Suche nach den "richtigen" Protagonisten ist bei 37 Grad-Produktionen immer irgendwie aufwendig und zeitintensiv – und sie war es auch hier. Gute Namen und Geschichten zu finden, die leicht im Getöse so vieler Prominenter zu übersehen sind, Kontakte anzubahnen, sich mit Managements auseinanderzusetzen und diese zu überzeugen, noch bevor man ein Wort mit der eigentlichen Person wechseln konnte und dann mitunter sehr lange auf eine Antwort zu warten – das alles hat viele Monate und viele Nerven gekostet.

Doch schließlich habe ich Jan Ullrich und Paulus Neef für das Projekt begeistern können. Eine spannende Mischung, die gut funktionieren könnte, wie ich dachte. Denn so unterschiedlich die zwei auch sind: Beide haben in ihrer jeweiligen Branche ganz an der Spitze gestanden. Beide sind sehr tief gefallen. Beide haben gelitten. Beide sind Kämpfernaturen. Und beide haben sich trotz ihrer großen Erfolge eine Natürlichkeit und Herzlichkeit bewahrt, die mich sofort überzeugt und die Dreharbeiten sehr leicht gemacht haben.

Beide stellen sich der Herausforderung

Sicher musste der Dreh ein bisschen genauer und detaillierter geplant werden als bei nicht prominenten Protagonisten. Doch ich hatte dieselbe Freiheit, alle Fragen zu stellen und mich in den Wohnräumen der Protagonisten bewegen zu können, wie bei allen anderen Filmen auch. Das Vertrauen, das mir Jan Ullrich und Paulus Neef entgegen gebracht haben, empfand ich als sehr groß. Mitunter waren es eher kleine, lebhafte Dialoge als das klassische Prominenten-Frage-und-Antwort-Spiel mit vorhersehbarem Ausgang. Ich hatte tatsächlich den Eindruck, dass meine Protagonisten sich mit manchen Fragen sehr intensiv auseinander gesetzt und zum Teil mit ihren Antworten gerungen haben. Nicht immer fiel es ihnen leicht, über das Vergangene zu sprechen. Gerade bei Jan Ullrich war spürbar, wie sehr manche Dinge noch in ihm arbeiten.

Doch statt hier dicht zu machen, stellte er sich dieser "Herausforderung". Und er konnte über sich selbst lachen, als ihn diese auch einmal buchstäblich ins Schwitzen brachte. Es hat mich berührt zu sehen, wie liebevoll er mit seinen Jungs, mit seiner Frau Sara und seiner Mutter Marianne umgeht. Ich kann mir gut vorstellen, wie viel Kraft ihm seine Familie gegeben haben muss und ich glaube ihm aufs Wort, wie dankbar er für dieses Glück ist. Auch Paulus Neef wirkte sehr authentisch auf mich, als er sich von seiner langjährigen Freundin Christiane "den Kopf waschen" ließ, als er uneitel über seine Fehler und Versäumnisse sprach oder als er gelöst mit seiner Freundin Niki durch den Park spazierte und vom Wert des Augenblicks erzählte.

Fallen, aufstehen - und weitermachen!

Ich fand es spannend zu entdecken, dass beide Protagonisten – so unterschiedlich sie auch in ihrem Wesen sind – ähnliche Erkenntnisse aus ihrem Scheitern gezogen haben. Beide sind mit ihrem Leben heute glücklicher als mit dem Leben ganz an der Spitze. Und beide empfinden sich durch die Erfahrung mit der jeweiligen Krise geerdeter, stärker und mehr bei sich selbst als zuvor.

Warum also haben wir eine solche Angst vor dem Scheitern? Wir alle wissen doch, dass es die Fehler sind, aus denen wir lernen. Warum ist in unserem persönlichen Selbstoptimierungsplan und in unserer Leistungsgesellschaft so wenig Platz für Versagen? Paulus Neef hat mich mit einem Ausspruch zumindest sehr nachdenklich gemacht: "In Deutschland wirst Du 'bestraft', wenn Du scheiterst. In Amerika wirst Du 'bestraft', wenn Du scheiterst und liegen bleibst."

Ob prominent oder nicht - letztendlich geht es doch wirklich nur darum, wieder aufzustehen, wenn man fällt. Und sich vorzunehmen, es beim nächsten Mal besser zu machen.

08.03.2016

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ZDFmediathek: 37 Grad

Sendungsinformationen

Dienstag 26.04.2016, 03:40 - 04:10 Uhr Nachtprogramm

VPS 27.04.2016, 03:40 Uhr


Länge: 30 min.

Deutschland , 2016

Altersfreigabe: 6

Ein Film von Annette Heinrich
Kamera: Philip Fläming, Felix Greif, Alexis Jentzsch, Sami Karim
Schnitt: Stefan Knauer
Produktion: Christian Stachel
Redaktion: Brigitte Klos
Online-Redaktion: Uschi Hansen

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