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37 Grad  | 29.09.2015  Gesichter der Armut

Leben mit ein paar Cent

Sie nähen unsere Kleidung, gerben Leder für Schuhe und Taschen. Zwölf Stunden Arbeit, jeden Tag. Trotzdem sind die Menschen in den Lieferländern oft bitterarm. Wie kommt es zu dieser Armut? Dieser Frage geht Manfred Karremann am Beispiel von Bangladesch nach, wo viel von dem produziert wird, was wir täglich benutzen. 

Kind und Frau schlafen auf der Straße

Video: Gesichter der Armut

Sehen Sie die Sendung in der Mediathek!

(29.09.2015)

Bangladesch ist nach China der zweitgrößte Textilproduzent der Welt. Hauptgrund für die Armut: Die Waren werden in Bangladesch unglaublich billig produziert. Etwa neun Cent pro Stunde gibt es für die gefährliche Arbeit in einer Gerberei. Etwas mehr bekommen die Näherinnen in den Textilfabriken. Gerade genug, um zu überleben. Denn darum geht es den Männern, Frauen und Kindern, die jede Arbeit machen, für jeden Lohn.

37 Grad zeigt die Lebensumstände der Menschen, die acht Flugstunden entfernt
für uns arbeiten. Erwachsene, aber auch Kinder. Wir fragen nach den Ursachen, aber auch nach Lösungen. Denn schnell wird klar: Gerechtigkeit in einer globalisierten Welt sieht anders aus.

Gedanken des 37 Grad-Autoren

Manfred Karremann über seinen Film

Es ist ein Dilemma: Allein in Bangladeschs Hauptstadt Dhaka lebt fast die Hälfte der sechzehn Millionen Einwohner in Elendsvierteln. Und es werden immer mehr: Vor allem durch die vielen Überschwemmungen, die das Land heimsuchen, verlieren viele Bauern ihre Existenz.

Mittellos ziehen ganze Familien in die Hauptstadt. In die Hoffnung auf irgendeine Arbeit, Frauen vor allem in der Textilindustrie. Dreieinhalb Millionen Menschen arbeiten dort. Bangladesch ist nach China der größte Textilexporteur der Welt. Das hat auch seinen Grund: Dort T-Shirts, Jeans oder Kleider nähen zu lassen, ist extrem billig. Entsprechend sind aber auch die Arbeitsbedingungen: 10, 12, ja bis zu 16 Stunden Nähen an sechs oder sieben Tagen in der Woche - für 58 Euro. Noch vor zwei Jahren lag der Lohn sogar bei 28 Euro. Luxusmarken, so haben wir festgestellt, zahlen nicht besser als Textildiscounter: Sie produzieren oft in denselben Fabriken.

Aber: Vielleicht sind 58 Euro in Bangladesch gar nicht so wenig? Doch. Man kann damit dort zwar mehr kaufen, als bei uns. Aber schon die Miete einer Wellblechhütte kostet etwa 25 Euro im Monat. 58 oder auch 70 Euro im Monat sind auch in Bangladesch zu wenig zum Leben, gerade mal genug zum Überleben.

Einfach unschlagbar billig

Im Lederbereich sieht es nicht viel anders aus: Auch hier stoßen wir auf Löhne von neun Cent oder 16 Cent in der Stunde. Sprechen mit einem vierzehnjährigen Jungen, der an sieben Tagen in der Woche in einer Gerberei arbeitet , für 46 Euro. Trotzdem ist jeder froh, wenn er arbeiten darf. In vielen Familien auch die Kinder - weil nur mehrere Löhne zum Leben reichen.

Bangladesch ist eines der ärmsten Länder der Welt. Mehr als ein Drittel aller Kinder sind unterernährt. Fast 160 Millionen Menschen wohnen auf einer Fläche gut doppelt so groß wie Bayern. Das Reservoir an Menschen, die jede Arbeit für jedes Geld machen, scheint unerschöpflich. Denn die Alternative ist nur allzu oft: zu hungern.

Deutschland ist nach den USA der wichtigste Exportpartner von Bangladesch. Textil läuft auf Hochtouren. Die Lederproduktion hat 2014 die Marke von einer Milliarde Dollar überschritten. Denn auch Leder aus Bangladesch ist gefragter denn je. Weil: Unschlagbar billig.

"Wanderheuschrecken" aus dem Westen

Und hier liegt das Dilemma: Schon mit 120 Euro im Monat könnte eine Textilarbeiterin zum Beispiel leben. Scheinbar nicht viel, aber: Es gibt - bitterarme - Länder in Afrika, die dann billiger nähen. Billiger gerben. Und so weiter. Manche Firmen wandern dann dahin ab, ziehen weiter. Wie Wanderheuschrecken. Dann sind Arbeitsplätze in Bangladesch weg. Die Alternative zu Schuften und Hungern kann dann auch sein: Verhungern.

Es sind freundliche Menschen, fleißige Menschen in Bangladesch. Fünf Mal waren wir jetzt dort. Und immer bleibt beim Abflug ein schales Gefühl zurück. Jemand aus dem Westen zu sein, aus dem sich manche -nicht alle- Firmen dort benehmen, wie zur Kolonialzeit.
Am Ende geht es nicht mehr nur um Textil oder Leder - sondern auch darum, wie wir 2015 in einer globalisierten Welt mit anderen Menschen umgehen. Wenn schon Kinder den ganzen Tag schuften müssen, statt zu spielen und zur Schule zu gehen, wächst damit die nächste Generation in Armut heran. Billigarbeiter für morgen. Mit fairem Handel hat das nichts zu tun.

29.09.2015

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Sendungsinformationen

Mittwoch 30.03.2016, 21:00 - 21:45 Uhr

Länge: 45 min.

Bangladesch , Deutschland , 2015

Altersfreigabe: 6

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