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37 Grad  | 13.10.2015  Hilfe, wohin mit unserem Kind?

Der Kraftakt zwischen Familie und Beruf

Viele junge Familien wünschen sich beides: Kinder und Beruf. Doch in der Realität mangelt es immer noch an qualifizierten Betreuungsmöglichkeiten. Der Alltag wird zum Kraftakt. Kerstin, Yvonne und Tosca wollen nach der Elternzeit wieder arbeiten. Die Familien brauchen also dringend eine Kinderbetreuung. Der Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz ist sehr ungleich erfüllt. Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie: ein nervenaufreibender Balanceakt. 

Kerstin und Adam mit ihren zwei Kindern

Video: Hilfe, wohin mit unserem Kind?

Sehen Sie hier die ganze Sendung in der Mediathek.

(13.10.2015)

Immer mehr junge Familien wollen Kinder und Beruf vereinbaren. Dabei sind es oft die Frauen, die nach der Elternzeit zurück in den Beruf wollen oder müssen. Weil ein Einkommen allein nicht mehr ausreicht, sie nicht umsonst in Ausbildung und Studium investiert haben oder den Anschluss verlieren könnten. Mit dem Wunsch beginnt ein nervenaufreibender Prozess: die Suche nach geeigneter, qualifizierter Kinderbetreuung.

Rechtsanspruch - aber zu wenige Plätze

Zwar gibt es den Rechtsanspruch auf einen Kitaplatz für unter Dreijährige. Seit August 2013 hat jedes Kind ab dem vollendeten ersten Lebensjahr einen Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz. Zwei Jahre später hinkt er der gestiegenen Nachfrage noch hinterher. Zurzeit werden zwar 660.750 Kinder unter drei Jahren in Kitas oder anderen öffentlich geförderten Kindertagespflegen betreut. Doch der Bedarf ist damit lange nicht - gerade in ländlichen Gebieten - gedeckt. Ist die Suche dennoch erfolgreich, geht das Jonglieren erst richtig los: zwischen den Anforderungen im Beruf, unterschiedlichen Öffnungszeiten, langen Anfahrtswegen und dem schlechten Gewissen den Kindern gegenüber.

37 Grad begleitet drei Familien beim Versuch, Kinder und Berufstätigkeit unter einen Hut zu bringen. Das Jonglieren zwischen Arbeit, Kitaplatz am Vormittag und Nachmittagsbetreuung bei Tagesmüttern oder Großeltern machen den Alltag für sie zu einem organisatorischen und emotionalen Kraftakt.

Familien aus unserer Sendung

Tosca, Timo und ihre Kinder

Tosca, Timo und Kinder

"Wir sind doch keine Rabeneltern, nur weil auch ich wieder arbeiten gehen möchte!" Die 27-jährige Tosca ist sauer, immerhin ist sie für ihre beiden Kinder fast vier Jahre zu Hause geblieben. Tosca ist Gesellin für Maler- und Tapezierarbeiten, nun will sie unbedingt wieder in ihrem Beruf arbeiten. Mit zwei Kindern war sie für das Arbeitsamt schwer vermittelbar, man bot ihr eine Halbtagsstelle als Putzfrau an. Durch Zufall hat sie sich bei einem Bauunternehmen beworben. Sie empfindet es als Riesenglück, dass der junge Chef sie genommen hat, trotz der beiden Kinder. Tochter Tamara ist fünf Jahre alt und Torsten vier. Ihr Mann Timo pendelt zum Arbeiten in die Schweiz, Tosca hat für die Kinder nur einen Halbtagesplatz bekommen, deshalb braucht sie für den Nachmittag eine Tagesmutter. Doch die wiederum ist kilometerweit vom Arbeitsplatz und der Kita entfernt. Nun absolviert Tosca täglich ein unglaubliches Fahrpensum zwischen Beruf auf der Baustelle, Kita und Tagesmutter. Wie lange kann sie diesen Stress durchhalten?

Yvonne, Christian und ihre Tochter

Yvonne und Christian mit Anna

Yvonne ist mit 35 Jahren zum ersten Mal Mutter geworden und unglaublich glücklich. Tochter Anna ist jetzt 14 Monate und wurde von ihrem Vater Christian während der Elternzeit betreut. In dieser Zeit konnte Yvonne weiter in ihrem Traumberuf als Lehrerin arbeiten. Seit dem Frühjahr allerdings ist die Arbeitsteilung der Familie auf den Kopf gestellt. Christian übernahm einen neuen Job mit neuer Verantwortung. Kein Problem, dachten sich die modernen Eheleute, für Tochter Anna würden sie in Wangen im Allgäu schon einen Kitaplatz finden. Ein großer Irrtum, wie sich herausstellte. Nach vielen Telefonaten können sie zumindest ab September mit der Betreuung bei einer Tagesmutter rechnen. Bis dahin aber ist die ganze Familie gefragt. Während Yvonne vor ihrer Klasse steht, springen ihre Eltern bei der Betreuung für Anna ein. Yvonnes Vater hat seinen Jahresurlaub genommen und die Mutter, als selbständige Geschäftsfrau, eine zusätzliche Arbeitskraft eingestellt. Eine Lösung auf Zeit, denn schon jetzt hat Yvonne ein schlechtes Gewissen.

Kerstin, Adam und ihre Kinder

Kerstin und Adam ziehen von Frankfurt nach Köln. Sie brauchen dringend Kitaplätze.

Kerstin, 32, und Adam, 39, sind Stress gewohnt. In den letzten vier Jahren mussten sie dreimal umziehen, denn Adam ist Berufssoldat. Nun steht wieder ein Umzug an. Diesmal von Rodgau bei Frankfurt nach Bergisch Gladbach in NRW. Kerstin hatte gerade für ihre vierjährige Tochter Sophie einen Kita-Halbtagsplatz ergattert, nun geht die komplizierte Suche von vorne los. Dutzende Kindergärten hat sie bereits angeschrieben. Bei einigen stehen die Kinder wenigstens auf der Warteliste - Hoffnung gibt es allerdings kaum. Dabei braucht sie nun auch für ihren fast zweijährigen Sohn Jasper einen Kitaplatz, denn die Elternzeit ist bald zu Ende. Die studierte Architektin will so schnell wie möglich wieder arbeiten. Doch ohne Kitaplatz braucht sie sich gar nicht erst zu bewerben - und ohne Arbeit findet sie keinen Ganztageskitaplatz. Ein schier unlösbares Problem?

Gedanken der 37-Grad Autorin

Meike Materne über das Thema

"Hilfe wohin mit unserem Kind?" – diese Frage musste ich mir nie stellen. Meine beiden Kinder sind in den späten 1980er Jahren in der DDR geboren. Zu diesem Zeitpunkt war ich Studentin an der Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg. Viele meiner Kommilitoninnen bekamen während des Studiums ihre ersten Kinder. Mit Babyjahr, Sonderstudienplänen und Krippenplätzen in nahegelegenen Kindergärten war das kein Problem. Nur ein Jahr später als geplant, im Wendejahr 1989, beendete ich mein Studium. Da mein Partner und ich voll berufstätig waren, besuchten unsere Kinder Krippe und Kindergarten und waren später im Schulhort. Ein limitiertes Stundenkontingent kannten wir nicht. Überall waren die Öffnungszeiten ähnlich, meist zwischen 6.00 Uhr bis 18.00 Uhr. Das Wort "Fremdbetreuung" lernte ich erst im Westen.

Ich wollte immer Mutter sein und zugleich meinen Beruf ausüben. Durch die guten Betreuungsmöglichkeiten für meine Kinder war das möglich. Heute, im 25. Jahr der Deutschen Einheit, finde ich es wichtig, daran zu erinnern.

Kinder und Beruf - warum ist das so schwierig?

Auch die jungen Frauen aus meinem Film wollen Kinder und Beruf miteinander verbinden. Nur wird es ihnen ungleich schwerer gemacht. Eine Ganztagsbetreuung ist in allen drei Fällen nicht möglich, so dass die Kinderbetreuung zwischen Kita und Tagesmutter gesplittet werden muss oder nur am Vormittag, ohne Mittagessen möglich ist. Wenn dann noch weite Wege, wie im Falle von Tosca, absolviert werden müssen, ist der  Spagat zwischen Kindern und Beruf unglaublich kräftezehrend. Da Toscas Mann Timo als Fliesenläger zwischen Deutschland und der Schweiz pendelt, ist er mitunter 11 Stunden unterwegs. Trotzdem ist es der 27-Jährigen wichtig, in ihrem erlernten Beruf arbeiten zu gehen. Der Vorwurf, eine "Rabenmutter" zu sein, prallt an ihr ab. Mehrere Jahre hat sie sich ausschließlich um die Erziehung ihrer Kinder gekümmert, nun will sie ihren Radius auch beruflich vergrößern. Im Juni haben wir mit unseren Dreharbeiten begonnen, Tosca war gerade eine Woche in ihrem neuen Betrieb. Mittlerweile hat sie ihre Probezeit überstanden und wird mit größeren Aufgaben betraut. Möglicherweise sitzt sie bald wieder in der Schulbank und macht noch ihren Meister.

Ohne Job keine Kita, ohne Kita keinen Job

Als wir Yvonne in ihrer Schule beobachtet haben, spürten wir, wie beliebt sie bei ihren Schülern ist. Mit großer Leidenschaft ist sie Lehrerin und überträgt das auch auf ihre Schüler. Seit anderthalb Jahren ist sie nun auch Mutter. Kein Problem würde man denken, denn nach der Elternzeit, die ihr Mann Christian genommen hat, kann ihre Tochter einen Kita besuchen. Die Vergabe von Kitaplätzen wird allerdings in jedem Bundesland, in jeder Kommune deutschlandweit unterschiedlich gehandhabt. Gleich neben der Schule von Yvonne befindet sich eine Kita. Die aber darf Yvonne keinen Kitaplatz geben, weil die Familie nicht in der Gemeinde wohnt. Bis sie eine Tagesmutter fand, haben sich vier Erwachsene (ihre Eltern, Christian und Yvonne) um die Betreuung eines Kleinkindes gekümmert.

Auch Kerstin hatte sich die Betreuung ihrer Kinder leichter vorgestellt. Nachdem sie die volle Elternzeit genommen hat, will sie nun wieder arbeiten. Für ihren zweijährigen Sohn hat sie noch gar keine Aussicht, für die fast fünfjährige Tochter gerade mal Betreuung für den Vormittag gefunden. Da die Elternzeit nun bald zu Ende ist, hat sie sich bereits bei der Agentur für Arbeit gemeldet. Die Ironie: Da sie nur halbtags vermittelbar ist, bekommt sie auch nur die Hälfte des Arbeitslosengeldes. Nun wird auch sie dringend nach einer Tagesmutter suchen. Vermutlich wird von ihrem Arbeitslosengeld kaum etwas übrig bleiben.

Vereinbarkeit von Beruf und Familie - ein Thema!

Bei der Recherche zu diesem Film war ich immer wieder erstaunt, wie sehr das Thema, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie, ideologisch besetzt ist. Dabei geht es doch gar nicht um das Eine oder das Andere, es geht um eine wirkliche Entscheidungsmöglichkeit und um eine gesellschaftliche Verabredung. Wenn Frauen oder Väter meinen, sie wollen für längere Zeit zu Hause bleiben, sollen sie das tun können. Entscheiden sich Eltern wiederum für eine Berufstätigkeit, sollten sie die Möglichkeit haben. Mit einer Ganztags-Kinderbetreuung, mit Mittagessen und Öffnungszeiten, die der modernen Arbeitswelt tatsächlich entsprechen.

Ausdrücklich möchte ich mich bei meinen Protagonisten bedanken, die uns von ihren Erfahrungen erzählt haben und die wir in ihrem Alltag begleiten konnten. Herzlichen Dank auch an den Tagesmütterverband Baden Württemberg, der uns bei der Suche nach betroffenen Eltern und engagierten Tagesmüttern unterstützt hat.

13.10.2015

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Sendungsinformationen

Dienstag 13.10.2015, 03:15 - 03:45 Uhr Nachtprogramm

VPS 14.10.2015, 03:20 Uhr


Länge: 30 min.

Deutschland , 2015

Ein Film von Meike Materne
Kamera: Fayd Jungnickel
Schnitt: Daniela Hanus
Produktion: Marlies Schwab (ZDF), Max Milhahn, Beate Kriesel
Redaktion: Martina Nothhorn
Online-Redaktion: Uschi Hansen

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