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37 Grad  | 06.10.2015  Ich lass' die Sau raus

Biohof statt Agrarfabrik

Von Dietmars altem Schweinestall stehen nur noch die Außenwände. Drinnen baut er alles neu. Geräumige Holzbuchten für Sauen und Ferkel, keine Spaltenböden mehr, dafür viel Liegefläche auf Stroh – und vor allem: Auslauf ins Freie. Alles selbst geplant und geschreinert, ohne jede Förderung, denn das hätte bedeutet: erweitern müssen, größer bauen als ihm lieb ist. 

Dietmar mit zwei Ferkeln

Video: Ich lass' die Sau raus

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(06.10.2015)

Der eigensinnige 49-jährige Bauer mit dem wilden Haarschopf geht einen ganz anderen Weg als die Berufskollegen ringsum: Im "Schweineland" Hohenlohe, rund um Schwäbisch Hall, stehen am Rande der Dörfer riesige Hallen mit hunderten, wenn nicht tausenden von Tieren. Hinein kommt man, wie bei Dietmars Freund Bernd, nur durch eine Schleuse - und keine Sau steht jemals im Regen oder in der Sonne.

"Lieber aufhören als so etwas", sagt Dietmar. Bloß keine Tierfabrik. Er wird ab jetzt Bioferkel züchten, mit nur noch 65 Muttersauen. "Eine überschaubare Größe". Sein Vater Werner (76), der als Altenteiler noch jeden Tag mit in den Stall und aufs Feld geht, ist skeptisch: "Früher hieß es doch: Jedes Jahr ein paar Kühe oder Schweine mehr. Wachsen oder weichen." Gibt es einen Ausweg aus diesem Dilemma? Dietmar und seine Lebenspartnerin Almut (46), die an einer Landwirtschaftsschule unterrichtet, sind zuversichtlich. Wenn die Umstellung auf Bio gelingt, bekommen sie für ihre Ferkel künftig mindestens doppelt so viel wie früher. Kontakte zu einem Biomäster und einem Schlachthof in der Region gibt es auch schon. Also keine langen Transportwege.

Milch, die wie früher schmeckt

Wie Schweinezüchter Dietmar kämpfen ein paar Dutzend Kilometer weiter Anja und Pius um eine gute Zukunft für ihren bäuerlichen Familienbetrieb. 50 Kühe, das reicht nur zum Leben, weil die beiden ihre Milch selbst abfüllen und vermarkten – unbehandelt: "Die schmeckt noch so wie früher." Mehrmals in der Woche fahren sie die Flaschen zu Privatkunden und kleinen Naturkostläden in der näheren Umgebung. Ein anderer Teil der Milch geht an eine Biomolkerei.

Der Arbeitsaufwand ist hoch, die Auflagen sind streng. "Und unterm Strich bleiben uns etwa vier Euro Stundenlohn", hat Anja (38) ausgerechnet. "Aber wir beide und die Kinder haben ein Dach über dem Kopf auf einem wunderschönen Hof, den wir lieben. Wir haben unser Obst, unser Gemüse. Kunden, die unser Produkt und unsere Arbeit wertschätzen. Das gute Gefühl, diesem schönen Stück Land und unseren Tieren einigermaßen gerecht zu werden, sie nicht auszubeuten." Und dazu gehört eben auch, die Kälber drei Monate bei ihren Müttern zu lassen, den Kühen ihre Hörner nicht auszubrennen oder wegzuzüchten, keine Hochleistungsrassen zu halten, wo es nur um maximale Erträge geht und die Tiere schnell ausgelaugt sind.

Viel Arbeit, wenig Freizeit und Geld

"Glück muss man sich schaffen“, sagt Pius, während er seine Herde auf die Sommerweide treibt. „ Also eben auch so arbeiten, wie es zu einem passt“.  Der 54-jährige Landwirtschaftsmeister mit traditioneller Ausbildung hat diesen Hof vor vielen Jahren mit zwei Freunden und seiner damaligen Lebensgefährtin gepachtet, um überschaubar ökologisch zu wirtschaften. Alle außer ihm sind wieder gegangen: zu viel Arbeit, zu wenig Freizeit, zu wenig Geld.

Mit Anja kam dann "die Richtige". Eine die wusste, was sie nicht will, nach mehreren Jahren in einem konventionellen Landwirtschaftsbetrieb. Seit elf Jahren bewirtschaften die beiden den idyllisch gelegenen Hof nun gemeinsam. Jetzt steht das Paar vor schwierigen Entscheidungen. Die alten Kuhställe sind zwar schön anzuschauen, allerdings zu alt, zu dunkel, zu klein für eine optimale Tierhaltung. Am liebsten würden Anja und Pius neu bauen. Aber der Hof ist nur gepachtet. Die Eigentümer wollen keinen Neubau, keine größere Veränderung.

Gegen den Strom schwimmen

Auch bei Dietmar gibt es ein paar Probleme bei der Umstellung. Das Veterinäramt sieht im Freilauf für seine Sauen Gefahren. Das Gehege muss doppelt und dreifach gegen Wildschweine gesichert werden, aber auch Schwalben und Katzen könnten in den offenen Stall Krankheiten einschleppen. Antibiotika sind weitgehend tabu in einem Biobetrieb.
Anfangs bereitet deshalb jedes hustende Ferkel dem rebellischen Bauern Kopfzerbrechen. Auch sein Vater schwankt zwischen Zuversicht und Sorge. Und er schämt sich manchmal für das Unkraut draußen auf den Feldern, das sein Sohn "Beikraut" nennt und nur mechanisch mit dem Striegel entfernt, ohne Chemie. Manchmal auch per Hand. So gut es eben geht. Der alte Mann weiß, was die Nachbarn denken. Aber er weiß auch: Wenn sein Sohn von einer Sache überzeugt ist, zieht er sie durch.

Dietmar stört es nicht, gegen den Strom zu schwimmen. Im Gegenteil. Es tut ihm gut. Auch Anja und Pius folgen einfach nur ihrem Wunsch, ehrliche Bauern zu sein. Gut zu den Tieren, der Natur und sich selbst. 37 Grad-Autorin Ulrike Baur hat alle drei auf ihren Höfen ein halbes Jahr lang durch gute und schlechte Tage begleitet.

Gedanken der 37-Grad Autorin

Ulrike Baur über ihren Film

Deutschland ist der größte Absatzmarkt für Biolebensmittel in Europa. Aber gerade mal 6,3 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen hierzulande werden biologisch bewirtschaftet. Vieles, was als Bioware im Supermarktregal liegt, ist Importware, teilweise von weit her. Längst herrscht auch in der Ökolandwirtschaft Preiskampf und Verdrängungswettbewerb: Groß gegen Klein.

Wie behaupten sich kleine Biobauern wie Pius? Der 54-jährige hat schon in den achtziger Jahren angefangen, seinen Milchhof nach strengen Öko-Richtlinien zu führen – aus tiefer Überzeugung, mit Hingabe und einem enormen Arbeitseinsatz, wovon wir uns an jedem einzelnen Drehtag auf dem idyllisch gelegenen Völkleswaldhof überzeugen konnten. Vor elf Jahren fand Pius Anja, die Frau seines Lebens. Seelengefährtin. Mitstreiterin auch in harten Zeiten, wie jetzt gerade. In dem halben Jahr, durch das wir die beiden begleiten, wachsen die Spannungen mit ihrer Verpächterin. Die Hoferbin aus der Stadt hat architektonische Veränderungen an ihrem Bilderbuchhof bislang abgelehnt. Anja und Pius aber wünschen sich einen modernen hellen Laufstall für ihre fünfzig behornten Kühe.

Umstellung ist kein Kinderspiel

Bei Ferkelzüchter Dietmar lernen wir, wie steinig und trotzdem beglückend der Weg der Umstellung zum Biobetrieb sein kann. Veterinärämter sind gewöhnt an die heute üblichen hermetisch abgeschlossenen Großställe – und skeptisch, wenn einer, wie in alten Zeiten, seinen Sauen und Ferkeln plötzlich wieder Freilauf gewährt, Stroh einstreut, draußen Misthaufen auftürmt und auch Schwalben, Katzen und Kinder in den Stall lässt. Kann das gut gehen? Oder werden möglicherweise Krankheitserreger eingeschleppt, die den ganzen Bestand gefährden können?

Auch Dietmars Weg, als Biobauer seine Schweine bald komplett mit Futter vom eigenen Acker zu versorgen: ein Abenteuer. Zum ersten Mal hat er Soja angepflanzt – auf der Hohenloher Ebene. Wie wird die Ernte? Eines ist klar: Die Preise für Milch und Schweinefleisch aus konventioneller Herstellung sind gerade so tief gefallen, dass sich selbst die Massenproduktion immer weniger rechnet. Pius, Anja und Dietmar haben uns zuversichtlich gestimmt, dass das "Wachsen oder Weichen" kein Naturgesetz ist. Dass auch kleine Höfe andere Wege gehen können. Zum Wohle der Böden, der Tiere, der Menschen. Wir wünschen ihnen viel Erfolg!

06.10.2015

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Sendungsinformationen

Dienstag 13.10.2015, 00:13 - 00:42 Uhr Nachtprogramm

Länge: 29 min.

2015

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