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37 Grad  | 07.07.2015  Im Bannkreis der Erwählten

Sektenaussteiger und ihre Erfahrungen

Zehntausende Menschen leben in Deutschland in Sekten. Viele unterwerfen sich strengen Ritualen, sind total abhängig von ihren Gurus und selbst ernannten Auserwählten. 37 Grad hat zwei Sektenaussteiger begleitet, erzählt von ihrer Vergangenheit und ihren vorsichtigen Versuchen, sich außerhalb der Sekte zurechtzufinden. 

Sascha

Abrufvideo: Im Bannkreis der Erwählten

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(07.07.2015)
Sektenaussteigerin Jasmina kniet auf Wiese.

Bericht: Ausstieg aus der Sekte

Warum ist es so schwierig, aus einer Sekte auszusteigen? Das erklärt Gary Lukas Albrecht.

(07.07.2015)

Sascha ist als Sohn eines ehemaligen Pastors vor über 30 Jahren im "totalitären System" einer Sekte im Rhein-Main-Gebiet hineingeboren worden. Die Dogmen und Gewalt, mit der die Herrschaft der "Prophetin" und ihres Ehemannes durchgesetzt werden, basieren auf der Einbildung, "dass die Prophetin angeblich Gottes Wort hört", berichtet Sascha. Was der Herr durch sie verkündet ist Gesetz. Circa 30 Menschen unterwerfen sich ihr und ihrem Mann, auch ein ehemaliger Pastor.

Viele von ihnen arbeiten im Medienunternehmen der Gurus meist nur für Kost und Logis und zu absoluten Dumpinglöhnen. Kinder werden mit gnadenloser Härte von der ganzen Gemeinschaft erzogen und bestraft, wenn sie nicht bedingungslos folgen. Sascha hat all das nicht mehr ertragen. "Ich bin nachts weg und es war mir in dem Moment auch klar, dass ich den Kontakt zu meiner Familie verliere, zu meinen Eltern, zu meinem kompletten Umfeld. Dass ich meinen Arbeitsplatz verliere, meine Wohnung, dass das alles auf einen Schlag weg ist." Allein, ohne Erfahrung mit dem richtigen Leben, versucht er sich nun "draußen" eine neue Existenz aufzubauen.

Leben in totaler Abhängigkeit

Yasmina ist froh, dass sie der Sekte entkommen ist und wieder mit ihrem Partner zusammengefunden hat.
Jasmina und ihr Partner sind froh, dass sie der Sekte entkommen ist. (Quelle: ZDF/Marc Nordbruch)
Ganz anders ist der Fall von Jasmina. Sie hat sich im Zusammenhang mit einer Ehekrise einem Paartherapeuten anvertraut und wurde von diesem langsam und fast unmerklich immer tiefer in eine Sekte mit fernöstlichen Glaubensregeln hineingezogen. Der Therapeut herrscht über eine Gruppe von 20 Menschen, vorwiegend Akademikern, diktiert deren Leben bis in den privatesten Winkel ihres Lebens, trennt Paare, bestimmt neue Beziehungen und bringt sie in die totale psychische und materielle Abhängigkeit.

"Alles auf freiwilliger Basis", sagt Jasmina, weshalb er juristisch kaum zu greifen ist. "Am meisten gelitten habe ich unter dieser dauerpsychischen Belastung, unter diesem Dauerstress, der fast täglich stattgefunden hat. Der einem eingepflanzt wurde und man hat es zuhause weitergemacht. Das ständige Beobachten, Kritisieren, Hinterfragen, alles reflektieren, was man tut und denkt und fühlt." Wie das mit intelligenten Erwachsenen geschehen kann, ist ihr zwei Jahre nach ihrem Ausstieg selbst nicht mehr so klar, aber "letztlich sind es alles Menschen, die emotionale oder psychische Krisen durchmachen und dann anfällig sind für die Heilsversprechen".

Oft sind Akademiker betroffen

"Wir beobachten, dass immer mehr Akademiker solche Angebote wahrnehmen", bestätigt auch Sektenexperte Dieter Rohmann: "Der hat doch studiert, dem haben die Eltern doch mindestens das Abitur finanziert, warum läuft der denn so einem Guru nach, der komische Sachen erzählt von UFOS, von Weltuntergang und Verschwörung. Die Antwort ist ganz einfach: Niemand geht mit dem Kopf in so eine Sekte. Man geht mit dem Bauch hinein. Das heißt, der Bereich, der bei vielen Akademikern etwas unterbelichtet ist, nämlich das Emotionale, ist genau der Bereich, an dem jetzt angedockt wird. Worauf sich ein Akademiker oder ein intelligenter Mensch immer verlassen konnte, das war seine Erfahrung im rationalen Bereich, sein scharfer Verstand, Dinge entscheiden zu können. Kulte setzen allerdings am sogenannten Bauch an. Und da sind viele Akademiker ziemlich blank."

Gedanken des 37 Grad-Autoren

Broka Herrmann über die Recherche

"Warum interessiert dich dieses Thema so sehr, dass du die schwierige Recherche und die komplizierten Dreharbeiten auf dich nimmst?“, fragen nicht nur Freunde, sondern auch Kollegen immer wieder. Zugegebenermaßen kein einfaches Thema, weil es so angstbesetzt und fremd ist. Mein persönliches Interesse daran war schon seit geraumer Zeit die Vermutung, dass die Herrschaftsmechanismen in totalitären Sekten im Kleinen ganz ähnlich funktionieren wie in faschistischen Diktaturen im Großen. Das Führerprinzip, die Totalüberwachung, das Spitzelwesen, das zum grundsätzlichen Misstrauen führt, die Vereinzelung und totale Abhängigkeit vom Guru oder Sektenführer, sowohl psychologisch als auch materiell.

Und genau diese Wirkungsmechanismen machten die Recherche und das Drehen so schwierig. Ein halbes Jahr lang waren viele Vorgespräche notwendig, um das Vertrauen der ehemaligen Sektenmitglieder soweit zu gewinnen, dass sie wirklich aus dem Inneren dieser wahnwitzigen Welt erzählten und ihre tiefen Verletzungen öffentlich machen konnten. Viele fühlen sich auch Jahre nach dem Ausstieg noch verfolgt und bedroht.

Beeindruckende Protagonisten - große Offenheit

Ganz besonders beeindruckend war der Versuch von Aussteiger Sascha, nach zwei Jahren den ersten Kontakt mit seinen Eltern, die noch in der Sekte sind, herzustellen. Fast schon gespenstisch mutete es an, wie er da alleine vor dem Klingelstock stand und keiner machte ihm auf oder meldete sich an der Sprechanlage, obwohl alle im Haus waren. "Die stellen sich jetzt tot", brachte er mit zittriger Stimme gerade noch hervor. Gänsehaut.

Sehr schön waren die Dreharbeiten mit Jasmina und ihrer Familie. Jasmina war eigentlich schon bereit, ihre Familie zu verlassen. Das Glück kehrte zurück, sie besann sich im letzten Moment.

Die Offenheit, mit der alle Protagonisten ihre Scham und ihre Ängste überwanden, war das Ergebnis einer mehrmonatigen vertrauensvollen Zusammenarbeit, die auch uns professionelle Filmemacher nachhaltig beeindruckt hat.

07.07.2015

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ZDFmediathek: 37 Grad

Sendungsinformationen

Dienstag 07.07.2015, 23:00 - 23:35 Uhr

VPS 07.07.2015, 23:00 Uhr


Länge: 35 min.

Dokumentationsreihe, Deutschland, 2015

Weitere Informationen

Regie: Broka Herrmann

Buch: Broka Herrmann

Weitere Sendungsinformation

Ein Film von Broka Herrmann
Kamera und Schnitt: Marc Nordbruch
Produktion: Marlies Schwab
Redaktion: Brigitte Klos
Online-Redaktion: Uschi Hansen

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