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37 Grad Jubiläum (2/3)  | 02.12.2014  Jung.erfolgreich

Neue Macher und das wilde Leben

Wir zeigen drei Beispiele für erfolgreiche und ideenreiche junge Menschen in Deutschland. Erfolgreich zu sein, das bedeutet nicht in erster Linie, reich zu sein, sondern etwas aus den eigenen Möglichkeiten und Fähigkeiten zu machen. Dafür arbeiten sie mal das Wochenende oder Nächte durch, ziehen ständig um, werden manchmal belächelt - "Man muss für seine Idee brennen, sonst schafft man das alles nicht", so sagen sie. 37 Grad fragt: Welche Denkweisen und Erfolgsmodelle kennzeichnen die Jungen und Erfolgreichen im Jahr 2014? Eine Generation, die sich auf die rasch verändernde Welt einstellt. 

Gründer von MyBoshi

Abrufvideo: Jung.erfolgreich

Sehen Sie den Film in der ZDF-Mediathek!

(02.12.2014)

"Wir haben mit einer Häkelnadel und zwei Knäuel Wolle begonnen", sagt Thomas Jaenisch, einer der beiden Gründer von MyBoshi. "Damals sind wir zur Bank gegangen, um einen Kredit für unsere Geschäftsidee zu bekommen. Die haben uns nicht mal ein Konto gegeben." Fünf Jahre später ist die Erfolgsgeschichte perfekt. Thomas (30) und sein Mitgründer Felix Rohland (29), zwei Jungs aus der bayrischen Kleinstadt Hof, haben mit bunten Mützen die Szene erobert.

Jungunternehmer mit Häkel-Omi-Angestellten

Thomas Jaenisch und Felix Rohland, die Gründer von MyBoshi.
Thomas Jaenisch und Felix Rohland, die Gründer von MyBoshi (Quelle: ZDF/Michael Damm)
MyBoshi ist der Trendsetter im Handarbeits-Bereich. Die Wolle in modernen Farben, Handarbeits-Sets und Bücher haben Häkeln und Stricken für junge Leute wieder attraktiv gemacht. Wer nicht selbst eine Häkelnadel zur Hand nehmen will, kann sich auf der Homepage von MyBoshi seine Mütze selbst konfigurieren. Hergestellt wird sie dann von einer der "Häkel-Omis" in und um Hof. Je nach Saison beschäftigen die beiden Firmengründer bis zu 40 von ihnen. "Wir haben eher ein Großmutter-Enkel - als ein Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Verhältnis", so Felix Rohland über die Häkel-Omis. Wenn sie vorbeikommen, wird immer auch geplaudert, gerne mal Kaffee getrunken und Kuchen gegessen.

Bodenständig sind sie geblieben, die beiden Firmenchefs, und ihre Heimatstadt verlassen, um zum Beispiel in die Szene-Stadt Berlin zu ziehen, das kommt für sie nicht in Frage. "Da wären wir wahrscheinlich nur eine von vielen verrückten Ideen. Hier sind wir was Besonderes", so Thomas. Aber die Mützen verkaufen sich längst weit über Hof hinaus. 15 europäische Länder beliefert MyBoshi, acht Mitarbeiter arbeiten fest bei der Handarbeits-Firma. Und 2014 wurden Thomas und Felix für den Deutschen Gründerpreis 2014 nominiert.

Erfolgreich mit youtube Kicker-Videos

Konzi von Freekickerz
Konzi betreibt den erfolgreichen youtube-Kanal "Freekickerz" (Quelle: ZDF)
"Konzi" nennt sich ein 28-Jähriger aus der Nähe von Stuttgart, der zusammen mit zwei Freunden Deutschlands erfolgreichsten Youtube-Fußball-Kanal betreibt. "Freekickerz" hat über eine Million Abonnenten, mehr als jeder deutsche Bundesliga-Verein. Die Tutorials, also Online-Anleitungen für Fußball-Tricks, Tests und Zusammenschnitte von Fußball-Spielen, werden weit über die Grenzen Deutschlands hinaus angeklickt. "Ich habe immer davon geträumt, unabhängig zu sein. Jeden Tag von acht bis fünf am Schreibtisch sitzen, das wäre nichts für mich", so Konzi, der mit bürgerlichem Namen Konstantin Hert heißt. Während des Studiums hat er angefangen, erste Videos zu drehen und bei Youtube hochzuladen. Dass er davon eines Tages leben könnte - damals noch nicht mal ein Traum.

Doch dann nahm die Zahl der Abonnenten immer weiter zu, User aus Deutschland, aber auch aus ganz Europa und den USA schauen sich die Filmchen der "Freekickerz" an. "Das ist schon verrückt", sagt Konzi. "Ich sitze da in meinem Zimmer und schneide die Videos und überall auf der Welt schauen sich Leute an, was ich mache." Ein Phänomen unserer Zeit. Konzi hat seine Leidenschaft für den Fußball zum Beruf gemacht. Und das, ohne selbst bei einem Verein unter Vertrag zu stehen. Das Internet macht's möglich.

Eigene Ideen auf den Weg bringen

Freya ist die Gründerin der Shopping-Plattform Spottster
Freya ist die Gründerin der Shopping-Plattform "Spottster". (Quelle: ZDF/Boris Mahlau)
24 Jahre jung ist Freya Oehle. Direkt nach dem Studium hat die Hamburgerin ihre erste eigene Firma gegründet. "Spottster" ist ein IT-Start-Up, eine Preisverfolgungsplattform, mit der man nach Produkten suchen, sie auf einen Merkzettel setzen und zum günstigsten Preis kaufen kann. "Ich selbst kann mit Shopping gar nichts anfangen. Da bin ich für eine Frau eher untypisch", sagt Freya. "Wahrscheinlich habe ich die Seite auch deshalb gegründet. Da kann man ganz pragmatisch nach dem günstigsten Preis suchen, ohne durch die Läden rennen zu müssen."

Die junge Unternehmerin wünscht sich, dass noch mehr junge Leute, besonders Frauen, den Mut haben, ihre Ideen umzusetzen, etwas zu wagen und "einfach zu machen". "Die Institutionen", so bemängelt sie, "bringen einem das nicht bei. An der Uni oder in Unternehmen lernt man doch nur, die Erwartungen anderer zu erfüllen. Und es braucht Mut, dann irgendwann zu sagen: Nein, danke, ich mache es jetzt ganz anders." Sie selbst hatte mehrere Angebote für Festanstellungen, war eine der erfolgreichsten in ihrem Studien-Jahrgang. "Ich lehne das Wort Streber ab", lacht sie laut. "Aber ich bin auf jeden Fall immer schon ehrgeizig gewesen. Und motiviert. Aber das muss man auch sein, sonst schmeißt man so ein Start-Up spätestens nach einem Jahr wieder hin." Denn der Traum, seine Gründung nach kurzer Zeit für viel Geld zu verkaufen, so Freya, sei unrealistisch. "Zu Gründen ist so ähnlich wie Fallschirmspringen. Nur dass man erst im Fallen darüber nachdenkt, ob man einen Fallschirm hat."

Drehbericht der 37 Grad-Autorin

Doro Plutte über ihren Film

Häkeln? Das ist doch total altmodisch! Youtube? Ist das nicht Fernsehen für Arme? Und wie ist das mit den Leuten, die IT-Start-Ups gründen? Sind das nicht Nerds, die in ihrer eigenen Welt leben?

Ganz bewusst spielt der 37-Grad-Film mit Vorurteilen. Und zeigt als Antwort darauf junge Menschen, die Karriere machen - mit Häkelmützen, Youtube und einem IT-Start-Up. Menschen, die sich auszeichnen durch Kreativität, Frische und eine große Portion Durchhaltevermögen. Junge Menschen. Die Leben und Arbeit neu denken und manch althergebrachtes Muster durchbrechen.

Was ist denn eigentlich Erfolg?

Woran lässt sich Erfolg messen? Als wir begannen, diesen Film zu planen, sollte er noch "jung.reich" heißen. Davon haben wir schnell Abstand genommen. Denn der Konsens der jungen Erfolgreichen, mit denen ich es bei meinen Recherchen zu tun hatte, war: "Es geht uns viel weniger als den Generationen vor uns um finanzielle Ziele." Geld zu verdienen ist wichtig und selbstverständlich auch ein Anreiz. Doch viel erstrebenswerter ist den neuen Machern, die im Film vorgestellt werden, die Erfüllung, die sie in dem finden, was sie tun. Freya Oehle beispielsweise hatte nach dem Studium jede Menge Jobangebote. Alle mit hervorragender Bezahlung. Sie hat sie abgelehnt und ackert jetzt stattdessen oft Nächte und Wochenenden durch für ihr IT-Start-Up Spottster. Aber sie macht ihr eigenes Ding. Als ich Freya für den Film angefragt habe, damals noch unter dem Titel "jung.reich" hat sie übrigens lachend und dankend abgelehnt und meinte, reich sei sie nun wirklich nicht. Noch nicht. Erfolgreich, damit konnte sie sich identifizieren. Weil Erfolg, wie sie es so schön stellvertretend auch für die anderen Protagonisten formuliert: "... ist, wenn man von etwas leben kann, was man mit Überzeugung und Leidenschaft tut."

Anpacken und ausprobieren

Das war es auch, was mich an diesem Film am meisten gereizt und begeistert hat. Diese jungen Leute haben so viel Feuer, sind so begeistert bei der Sache. Und sie gehen Risiken ein für ihre Leidenschaft. Da wird nicht lange gegrübelt und abgewogen, sondern angepackt und ausprobiert. So funktioniert beispielsweise auch das ganze Konzept von Youtube. Bis bei den großen Fernsehsendern mal die Entscheidung für ein Projekt getroffen wird, können Monate ins Land gehen. Diese neuen Filmemacher, so wie Konstantin Hert, gehen einfach los und drehen mal ein paar Einstellungen. Schauen dann, was sich verwerten lässt. Das Leben - und damit auch Karrieren - scheinen flexibler, spontaner, beweglicher zu werden. Aber eben auch schneller. Dem kann man sich kaum entziehen. Freya ist in den letzten Jahren alle paar Monate umgezogen, hat nur aus dem Koffer gelebt. Konzi muss ständig neuen Content für seinen Youtube-Kanal liefern, damit die Nutzer nicht abspringen. Selbst die so bodenständigen Jungs von MyBoshi merken, dass Ihnen die Arbeit beginnt, über den Kopf zu wachsen. Längst können sie nicht mehr alle beruflichen Termine zu zweit wahrnehmen, müssen sie Effizienz über persönliche Interessen stellen.

Ob diese Konzepte alle aufgehen werden?

Ob die drei Geschichten aus dem Film auch in Zukunft Erfolgsgeschichten bleiben? Die Reportage hat nicht den Anspruch, darauf Antworten zu geben. Sie begleitet vier junge Leute auf einem Stück ihres Weges. Wertet nicht, welcher der Ansätze am überzeugendsten ist. Denn wie immer bei 37 Grad geht es nicht um Geschäftsmodelle, sondern um Menschen. Ganz unterschiedliche Menschen. Thomas und Felix von MyBoshi, die in ihrer oberfränkischen Gelassenheit nichts aus der Ruhe bringt. Freya, die Macherin, der Gewinnertyp, der sich durchbeißt und dabei immer noch einen frechen Spruch auf den Lippen hat. Und Konzi, der so viel bedachter und reflektierter ist, als man zunächst erwartet. Was alle vier schon jetzt geschafft haben: Sie haben eine Möglichkeit gefunden, Karriere zu machen und dabei ganz sie selbst zu bleiben. Ihre Persönlichkeit einzusetzen für den Erfolg. Und so ihre ganz persönliche Erfolgsgeschichte zu schreiben.

Ach, und übrigens … Auch ich dachte bis vor kurzem, Häkeln sei altmodisch. Seit ich Felix und Thomas kennen gelernt habe, häkele ich eine Mütze nach der anderen. Manchmal ist es ganz gut, mit Vorurteilen aufzuräumen.

Sendungsinformation

Buch und Regie: Doro Plutte
Kamera: Michael Damm, Boris Mahlau, Roland Breitschuh, Enrico Mock
Schnitt: Hannes Glückert
Produktion: Heike Haedecke, Marlies Schwab
Redaktion: Ingo Witt
Online-Redaktion: Uschi Hansen

02.12.2014

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