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37 Grad  | 19.01.2016  Kein Smalltalk, keine Lügen

Leben mit Autismus

Sie lieben Logik und Wahrheit. Lügen und Smalltalk schätzen Autisten gar nicht. Ihre Gefühle sind eben anders. Wie kommen sie damit in unserer Welt zurecht? Menschen mit dem Asperger-Syndrom nehmen die Welt optisch, akustisch und vor allem Gefühle anders wahr. Welche Herausforderungen begegnen ihnen in "unserer" hektischen, lauten Welt, in der nicht immer die Wahrheit zählt? 

Denise

Kein Smalltalk, keine Lügen

Sehen Sie hier die komplette Sendung in der Mediathek!

(19.01.2016)

Laut Wissenschaft ist ein Gendefekt dafür verantwortlich, dass das Gehirn vor allem im "Gefühlsbereich" anders funktioniert. Schweregrad und Erscheinungsformen sind dabei sehr verschieden. Manche sind hochbegabt, andere brauchen ein Leben lang Betreuung. 37 Grad begleitet drei Menschen, die das Asperger-Syndrom haben.

Was unterscheidet sie eigentlich von den "Normalos"? Wie kommen sie mit den Herausforderungen in unserer Welt zurecht, in der Kommunikation häufig nicht klar und direkt abläuft? Wie gehen sie mit Gefühlen um - in der Familie und mit ihren Partnern? Ein Film mit humorvollen Situationen und mit Momenten, die uns nachdenklich über unser Verhalten machen. Ist es wirklich so sonderbar, wahrhaftig zu sein?

Was ist schon normal?

Wenn Autisten über Nicht-Autisten sprechen, dann sagen sie: "Die Neurotypischen", und das klingt manchmal fast wie "Langweiler". In einer Gesellschaft, in der zunehmend Singles leben, die Kommunikation mit Handy und Computern den Alltag bestimmen und "autistisches" Verhalten schon fast zum Lifestyle gehört, stellt sich die Frage: Was ist schon normal?

Leben nach Plan - unsere Protagonisten:

Peter

Peter im Park

Peter, 49, hat das geschafft, was viele "gesunde" Menschen nicht hinbekommen: Er hat in Geophysik promoviert, eine Familie gegründet, arbeitet in der IT-Abteilung eines Pharmakonzerns. Das ist sein Lebensplan, und den verfolgt er exakt. In Peters Leben gibt es immer Plan A, Plan B und notfalls auch Plan C. Mit seiner Frau Martina ist er seit 22 Jahren verheiratet, er liebt sie - auf seine Art. Die erste Liebeserklärung zeichnete er am Strand in den Sand: Ein mathematisches Koordinatensystem, das zeigt, dass "Liebe ein Zugewinn an Vertraulichkeit" darstellt. Wird in Peters Leben auch weiterhin alles nach Plan laufen?

Marcello

Marcello auf einer Parkbank

Wenn Marcello lächelt, strahlen seine Augen. Der 27-Jährige mag Menschen, zu seiner Mutter hat er eine enge Beziehung. Zahlen aber faszinieren ihn. Schon als kleines Kind kann er rechnen, in der ersten Klasse lernt er schnell flüssig lesen. Und er hat eine Vorliebe für Grammatik – sie ist klar und logisch. So logisch wie auch das Programmieren - nach dem Abitur studiert er einige Semester Informatik. Mit der Zeit entwickelte er besonderes Interesse für spirituelle Schriften und die vegane Ernährung. Jetzt macht Marcello eine Ausbildung zum Elektroniker für Geräte und Systeme und betreut ehrenamtlich einen alten Mann im Hospiz.

Denise

Denise am Bahnhof

Denise wirkt auf den ersten Blick wie andere auch. Sie schaut in die Augen, runzelt die Stirn, lächelt. Doch vieles an ihrem Verhalten hat sie sich hart antrainiert. Es fehlt die Empathie, das Hineinversetzen in das Gegenüber. Gefühle müssen mit Worten benannt werden. Denise schreibt in einer Stunde einen Artikel, für den andere zwei Tage brauchen. Trotzdem lebt sie noch bei ihrer Mutter, die ihr bürokratische Dinge abnimmt.

Jetzt wagt sie den Schritt in die Selbstständigkeit: Sie zieht mit ihrem neuen Freund in eine eigene Wohnung. Ein Experiment. Für Denise ist Autismus nicht bloß Defizit, sondern auch Bereicherung.

Gedanken der 37 Grad-Autorin

Daniela Agostini über ihren Film

Gleich vorweg: Das waren für mich unglaublich interessante, spannende, aber auch sehr fordernde Drehtage. Das ist nicht neu für 37 Grad-Filme, denn der Auswahl der Menschen geht immer eine intensive Recherche zuvor. Oft sind es auch heikle und schwierige Themen, und schon das Finden der Protagonisten, die bereit sind, vor der Kamera zu sprechen, ist eine Herausforderung für die Autoren.

Ausnahmsweise war für diese Dokumentation das Finden der Protagonisten weniger schwierig. Es gibt Menschen mit dem Asperger-Syndrom, die bereit sind, darüber in der Öffentlichkeit zu sprechen, um auf das Thema aufmerksam zu machen, um Vorurteile zu bekämpfen. Denn Vorurteile gibt es viele: Asperger-Betroffene hätten keine Gefühle, sie würden sich nicht für andere Menschen interessieren, sie seien hochbegabt wie die Hauptfigur im Spielfilm "Rain Man" oder, anderes Extrem, bräuchten Betreuung, weil sie der Alltag überfordert.

Eine Ausnahmesituation für alle Beteiligten

Die große Herausforderung für mich als Autorin war es, die Dreharbeiten zu organisieren – vorab und dann auch vor Ort. Denn eines der Grundmerkmale von Menschen mit dem Asperger-Syndrom ist es, dass sie Zeit brauchen, um sich auf das Unerwartete einzustellen (falls es überhaupt gelingt), und dass sie sehr an ihren Ritualen festhalten. Diese Rituale sind für sie völlig logisch und klar - für mich aber waren diese "Pläne" oft nicht durchschaubar.

Dreharbeiten aber erfordern eine Umstellung des Tagesablaufs. Allein schon die Präsenz eines dreiköpfigen Kamerateams war eine Herausforderung. Dazu kamen noch viele, viele kleine Veränderungen: Wir mussten aus organisatorischen Gründen einen Zug um 13:58 Uhr und nicht - wie sonst immer - um 18:58 Uhr nehmen. Wir hätten gerne spontane, authentische Gesprächssituationen eingefangen, doch spontane Gespräche - Smalltalk eben - finden nicht statt. Wir wollten einfach mit dabei sein, doch das ist ein Ding der Unmöglichkeit. Es gab lange Telefonate und Diskussionen am Telefon und vor Ort über das wie, wo, wann, mit wem und so weiter. Vor allem aber das "Warum" war wichtig.

Klar, mit der Zeit lernte ich dazu, verstand einigermaßen, warum bestimmte Abläufe so sein müssen und warum bestimmte Dinge möglich sind und andere nicht. Es gibt ein System in dem Denken und Handeln der Protagonisten, und das zu ergründen war meine Aufgabe. Ich habe dabei viel gelernt; vor allem zwei Dinge nehme ich mit: Autistische Menschen sind sehr verschieden - kennt man einen, kennt man … einen. Und ich habe vor allem eines verstanden: Menschen handeln ständig unlogisch. Vielleicht ist es genau das, was für autistische Menschen so anstrengend ist.

Sendungsinformationen

Ein Film von Daniela Agostini
Kamera: Sebastian Hattop, Hanno Kunow
Schnitt: Tobias Füller
Produktion: Julia Blankenburg, Christian Stachel
Redaktion: Martina Nothhorn
Online-Redaktion: Uschi Hansen

19.01.2016

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Sendungsinformationen

Dienstag 19.01.2016, 03:50 - 04:20 Uhr Nachtprogramm

VPS 20.01.2016, 03:50 Uhr


Länge: 30 min.

Deutschland , 2015

Altersfreigabe: 6

Weitere Informationen

Buch: Daniela Agostini

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