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37 Grad  | 16.02.2016  Ohne Eltern im fremden Land

Jugendliche auf der Flucht

Weit weg von den Eltern, allein im fremden Land - das ist für die meisten Kinder und Jugendlichen schwer vorstellbar. Für viele junge Flüchtlinge ist dies Realität. Samir aus Afghanistan, Abdifatah aus Somalia und Yeshi, ein Waisenmädchen aus Tibet, sind ohne ihre Familien in Deutschland. Sie sind minderjährige unbegleitete Flüchtlinge, die vor Terror und Gewalt in ihrer Heimat gefohen sind. 

Samir

Video: Ohne Eltern im fremden Land

Sehen Sie hier die 37 Grad Sendung in voller Länge!

(16.02.2016)

Nach Schätzungen des zuständigen Bundesfachverbands (BumF e.V.) sollen 2015 über 30.000 Kinder ohne Eltern nach Deutschland gekommen sein. Die meisten von ihnen werden nach der ersten "Inobhutnahme" durch die Jugendämter in betreuten Wohngemeinschaften in der Jugendhilfe untergebracht.

Alleine auf der Flucht

"Was hättest du an meiner Stelle getan, wenn du nie weißt, ob du abends noch lebst", fragt Samir. Er ist im Alter von 15 Jahren in der letzten Sekunde vor den Taliban aus dem besonders gefährlichen Osten Afghanistans geflohen. Sein Vater ist tot und seine Mutter hat er auf der Flucht verloren. Samir hat in nur zehn Monaten so gut Deutsch gelernt, dass er es in die neunte Klasse einer Wiesbadener Realschule geschafft hat. Er ist fleißig und macht in seinen Ferien Praktika. Aber der sensible Junge setzt sich stark unter Druck und leidet darunter, dass sich sein Asylverfahren so lange hin zieht. Seine Betreuerin, eine Sozialpädagogin, hilft ihm bei Behördengängen, wie der üblichen "erkennungsdienstlichen Behandlung" beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Und sie versucht, ihm eine Perspektive in Deutschland zu geben, um ihn so gut wie möglich von seinen Problemen abzulenken.

Abdifatah
Abdifatah (Quelle: ZDF/Michele Parente)
Abdifatah aus Somalia wurde mit 13 Jahren von seiner Mutter auf die Flucht geschickt. Er vertraut uns an, dass Al-Shabaab-Milizen vor seinen Augen seinen Vater ermordet haben. Seine Mutter lebt inzwischen mit den beiden kleinen Geschwistern in einem Flüchtlingslager in Kenia. Abdifatah ist gerade 16 geworden und kämpft mit Unterstützung einer Hamburger Anwältin für ein Wiedersehen mit der Familie. Aber dann kommt ein Brief von der Ausländerbehörde, der erst mal alle Hoffnung zunichte macht. Zuspruch erfährt er von einem pensionierten Lehrer, der auch sein privater Vormund geworden ist. Er macht Abdifatah immer wieder Mut - und spornt ihn an, weiter zu trainieren für seinen Traum von einer Fußball-Karriere beim HSV.

Warten und Hoffen

Yeshi in ihrem Zimmer
Yeshi (Quelle: ZDF/Michele Parente)
Yeshi ist aus Tibet geflohen. Ihre Mutter ist bei einer Demonstration gegen die chinesischen Machthaber spurlos verschwunden. Sie pflegte ihren Vater, bis er schließlich an den Folgen chinesischer Haft starb. Dann lebte sie ohne Eltern. Als Yeshi 16 ist, gibt ihr eine Freundin der Familie Geld für die Flucht in ein sicheres Land. Yeshi ist Buddhistin und möchte Krankenschwester werden. Eine "harmonische Beziehung zu anderen Menschen" ist ihr wichtig. Sie liebt alte Leute und geht liebevoll mit den Patienten in der Klinik um, in der sie ein Praktikum macht. In München besucht sie die "Schlauschule" für unbegleitete Flüchtlinge. Obwohl sie schon seit über 14 Monaten eine sechsstündige Anhörung beim BAMF in Karlsruhe hatte, weiß Yeshi immer noch nicht, ob sie bleiben darf.

37 Grad begleitet die Jugendlichen über einen Zeitraum von vier Monaten, dokumentiert ihr Leben im für sie so fremden Land, zeigt ihre Sorgen - und ihre Hoffnungen auf eine bessere Zukunft. Wie wird ihr langwieriges und kräftezehrendes Asylverfahren ausgehen?

Gedanken der 37 Grad-Autorin

Ulrike Schenk über ihren Film

Die Recherche für den Film war mühsam, die Rechtslage kompliziert. Für alle minderjährigen Protagonisten brauchte ich verschiedene Drehgenehmigungen (vom Jugendamt, ggf. vom privaten Vormund und von der Jugendhilfe-Einrichtung). Viele der Jugendlichen waren stark traumatisiert. Sie litten unter Panikattacken und Schlafstörungen, waren gar nicht in der Lage, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Andere wollten im Film nicht gezeigt werden, sie hatten Angst, von Terrormilizen aufgespürt zu werden. Ein junger Flüchtling ist nach dem ersten Drehtag abgesprungen, weil er Probleme in der deutschen Familie bekam und ausziehen musste. Trotz großer Hilfsbereitschaft der Jugendämter - hagelte es monatelang erst mal Absagen.

Auf einer Pressekonferenz des Bürgermeisters in Wiesbaden lernte ich den gerade 16-jährigen Samir kennen. Er war erst 10 Monate in Deutschland und hat geduldig alle Journalistenfragen in ziemlich gutem Deutsch beantwortet. Auch als einige Pressekollegen insistieren, um schreckliche Details seiner Flucht aus ihm herauszupressen, blieb er standhaft. Ich war beeindruckt – und erzählte ihm von unserem Film. Ich erklärte ihm, dass es mir nicht um eine möglichst krasse Schilderung der Vergangenheit ging, sondern viel mehr um sein Ankommen in Deutschland. Darum, wie und ob Integration funktionieren könnte. Samir und seine Betreuer gaben ihr Ok – ein echtes Glück.

Interviews in der Muttersprache

Samir war bei Drehbeginn erst ein knappes Jahr in Deutschland, Yeshi und Abdi fast zwei Jahre. Alle drei haben ihr Bestes gegeben, um alle Fragen auf Deutsch zu beantworten. Trotzdem habe ich mich dafür entschieden, zusätzlich längere Interviews mit Dolmetschern in ihrer Heimatsprache (Dari, tibetisch und somalisch) zu machen. Mir war wichtig, dass die Jugendlichen so reflektiert und clever im Film rüber kommen, wie sie in Wirklichkeit sind. Und über die Sehnsucht nach der Heimat spricht es sich einfach leichter in der Muttersprache. Anders als für viele deutsche Jugendliche hat der Begriff "Heimat" für Samir, Yeshi und Abdi, die in der Fremde leben, große Bedeutung.

Wir begleiteten das Leben der drei Jugendlichen vier Monate lang. Sie sind nach Deutschland gekommen, bevor die Flüchtlingszahlen extrem anstiegen und die Stimmung zu kippen begann. Weil sie jung nach Deutschland kamen, konnten sie gleich zur Schule gehen und wurden intensiv in der Jugendhilfe betreut. In Schule und WG lernten die Jugendlichen die deutsche Kultur zu verstehen. Für 20-25-Jährige gibt es diese großzügigen Angebote nicht mehr. So sind Samir, Yeshi und Abdi sicher nicht repräsentativ für alle Flüchtlinge, die zu uns kommen. Aber vielleicht für andere minderjährige, unbegleitete Flüchtlinge. Nach Ende der Dreharbeiten war die einhellige Meinung des Filmteams: Wenn die Jugendlichen keine Perspektive in Deutschland bekommen, dann wären viel Arbeit, Kosten und Bemühungen um ihre Integration umsonst gewesen!

Wie lange dauert ein Asylverfahren?

660.000 unbearbeitete Asylanträge liegen laut Behördenchef Weise derzeit im BAMF, dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge. Und ganz unten im Stapel befindet sich irgendwo auch der Asylantrag von Yeshi. Der wird bereits im Juni 2014 gestellt, im November 2014 hat sie eine sechsstündige Anhörung beim BAMF in Karlsruhe. Seitdem wartet Yeshi geduldig auf ihren Asylbescheid - inzwischen seit über 14 Monaten nach der ausführlichen persönlichen Befragung. Zusammen mit den Kameramännern Michele Parente, Jan Prillwitz und Cutter Andreas Lupczyk erlebte ich im Lauf unseres Films die immense Belastung, die das Warten für die Jugendlichen mit sich bringt.

Sendungsinformation

Ein Film von Ulrike Schenk
Kamera: Michele Parente, Jan Prillwitz
Schnitt: Andreas Lupczyk
Produktion: Christian Stachel
Redaktion: Michael Petsch
Online-Redaktion: Uschi Hansen

16.02.2016

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Sendungsinformationen

Montag 11.04.2016, 23:56 - 00:26 Uhr

Länge: 30 min.

Deutschland , 2016

Altersfreigabe: 6

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