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37 Grad  | 19.05.2015  Pflege im Akkord

Zwischen Zeitdruck und Zuwendung

Wie gehen Krankenpfleger mit den größer werdenden Belastungen in ihrem Beruf um? Fallpauschalen geben vor, wie lange Patienten im Krankenhaus bleiben können - unabhängig vom Gesundheitszustand. Wir begleiten Frank, Christina und Cornelia in ihrem anstrengenden Alltag und fragen Pfleger und Krankenschwestern nach der Freude am Beruf. Wie hoch ist die Belastungen und den Druck durch die gewählte Profession? 

Frau im Bett in der Klinik (unscharf)

Abrufvideo: Pflege im Akkord

Sehen Sie hier den Film in der Mediathek!

(19.05.2015)

"Die Patienten, die hier sind, sollen Lebensfreude haben, dabei helfe ich ihnen. Denn das ist, was uns Menschen ausmacht, dass wir Lebensfreude haben bis zum letzten Atemzug." Frank Möbus ist seit 24
Frank Möbus
Frank Möbus (Quelle: ZDF)
Jahren Krankenpfleger auf der Krebsstation. Immer wieder ist er mit dem Tod konfrontiert. Das muss man aushalten können. "Ich würde es immer wieder tun, denn Zuwendung ist für die Patienten wichtig." Und dafür braucht Frank Zeit. Zeit, die nicht mehr da ist im Krankenhausbetrieb. "Wenn ich einem Patienten die Haare waschen will, muss ich mir die Zeit bei einem anderen Patienten klauen."

Auch die 35-jährige Krankenschwester Christina Carneiro spürt den immer größer werdenden Zeitdruck bei ihrer Arbeit, aber sie nimmt es sportlich. "Klar krieg' ich es hin, mich um alle zu kümmern, ich muss ja. Aber oft ist die Zeit zu knapp." Die Patienten gut zu pflegen, das ist ihr Anspruch. Den Druck aus dem Krankenhaus will sie nicht mit nach Hause zu Mann und Sohn nehmen. "Den Stress lass' ich dort, aber wie sich der Mensch fühlt, der da im Bett liegt, das geht mir nicht aus dem Kopf. Und darüber rede ich auch oft mit meinem Mann."

Je älter die Deutschen werden, desto mehr Pflegepersonal müsste es in Krankenhäusern geben - stattdessen gibt es immer weniger. Mittlerweile haben Kliniken Schwierigkeiten ihre Stellen zu besetzen. Durchschnittlich zehn Patienten betreut ein Pfleger in deutschen Kliniken, mehr als doppelt so viele wie in den Niederlanden oder der Schweiz.

Gute Pflege bei zu wenig Zeit?

Cornelia Schmitt und Christina Carneiro
Cornelia Schmitt und Christina Carneiro (Quelle: ZDF)
"Das Krankenhaus ist mein zweites Zuhause", so Cornelia Schmitt. Sie ist 51 Jahre alt, und vor 35 Jahren wurde sie Krankenschwester. Heute arbeitet sie auf der Inneren als Pflegebereichsleiterin. "Wir haben viele ältere Patienten, die brauchen einfach länger. Wenn wir sie entlassen müssen, bevor sie richtig fit sind, frustriert mich das schon. Denn ich weiß, in zwei Tagen ist der Patient wieder da, und es geht ihm vielleicht schlechter als vorher." Trotz des Drucks liebt Cornelia ihren Job. "Pflege ist schön, aber nicht, wenn man durch den Dienst hetzt." Jeden Tag läuft sie zehn Kilometer mit ihrem Hund Paul. Das hilft, den täglichen Stress besser wegzustecken.

Wie gehen Pfleger und Krankenschwestern mit immer größeren Anforderungen um? Wie wirkt sich dieser Umstand auf ihr Privatleben aus? Und was bedeuten diese Entwicklungen im Krankenhaus für unsere Gesellschaft?

Gedanken der 37 Grad-Autorin

Iris Pollatschek über den Film

Im Krankenhaus wollen die meisten nicht sein – weder möchte man so krank sein, dass man medizinische Hilfe und Pflege braucht, noch sich um Schwerkranke kümmern. Christina Carneiro, Cornelia Schmitt und Frank Möbus tun das tagein, tagaus - genau wie hunderttausende andere Gesundheits- und Krankenpfleger. Im Schichtdienst, kaum Pausen, körperlich und psychisch ein harter Job. Und ständig mehrere Sachen - und vor allem mehrere Menschen - gleichzeitig im Blick haben, trotzdem nichts vergessen oder verwechseln und jedem die nötige Zeit und Aufmerksamkeit geben. Das ist ein Spagat, der kaum leistbar scheint.

Dauerlauf im Krankenhaus

Wir haben Christina Carneiro, Cornelia Schmitt und Frank Möbus immer wieder bei der Arbeit begleitet. Wir haben erlebt, wie sie die Schwierigkeiten ihrer Arbeit meistern, an ihre Grenzen kommen, darüber hinausgehen. Oft stand ich da und dachte: Würde ich das jetzt auch schaffen? Nein, das würde ich nicht. Etwa ganz langsam eine hochbetagte Patientin füttern, mit ihr plaudern, als ob ich alle Zeit der Welt hätte, und dabei genau wissen: Die Zeit, die ich jetzt hier brauche, die habe ich eigentlich nicht, weil da noch ganz viele andere sind, die meine Hilfe brauchen. Kaum draußen aus dem Zimmer, muss man weiterrennen - ohne Pause. Der nächste Patient soll das nicht merken. Als Team sind wir den dreien kaum hinterher gekommen, immer sind sie uns weggerannt. Das war wie Dauerlauf. Sport im Krankenhaus.

Zu viele Patienten, zu wenig Zeit

Besonders betroffen gemacht hat mich der Tag, als dann sieben Krankmeldungen auf dem Tisch von Cornelia Schmitt lagen. Sieben Kollegen und Kolleginnen krank - und sie musste sich um die Patienten kümmern und gleichzeitig versuchen, ihre Mitarbeiter aus den freien Tagen zu klingeln, um die nächsten Schichten zu besetzen. Ich spürte ihren Druck sehr deutlich – und ihre Verantwortung für die Kollegen und die Patienten. Sie wollte nicht diejenige sein, die die Kollegen um ihre wohlverdienten freien Tage bringt. Und gleichzeitig ist da immer das schlechte Gewissen, nicht genug Zeit für die Patienten zu haben. So erging es unseren drei Protagonisten immer wieder während der Dreharbeiten: Zu viele Patienten, zu wenig Zeit. Irgendwie haben sie es trotzdem fast immer super hinbekommen. Ja, es sind Fehler passiert, aber erstaunlich wenige und ohne größere Folgen. Ja, es gab Situationen, in denen nur das Nötigste gemacht werden konnte und die individuelle Pflege auf der Strecke blieb.

Pflegekräfte bleiben auf der Strecke

Vor allem gab es die Situationen, in denen ich das Gefühl hatte, dass die Pflegekräfte auf der Strecke bleiben. Sie selbst haben das gar nicht so wahrgenommen wie wir. Alle drei arbeiten schon sehr lange in der Pflege, Christina 15, Frank fast 25 und Cornelia 33 Jahre. Sie liegen damit weit über dem Durchschnitt. Deutsche Pflegekräfte halten es durchschnittlich nur maximal acht Jahre im Beruf aus. Ich möchte mich noch einmal ganz ausdrücklich bei Cornelia, Frank und Christina bedanken - und auch beim Krankenhaus Nordwest in Frankfurt am Main, wo wir die drei filmen konnten.

Sendungsinformation

Ein Film von Iris Pollatschek
Kamera:  Nina Werth, Tobias Franz, Frank Reimann
Schnitt: Stefan Hoog
Produktion: Joli TV
Produktion (ZDF): Marlies Schwab
Redaktion: Marina Fuhr
Online-Redaktion: Uschi Hansen

19.05.2015

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Dienstag 26.05.2015, 00:10 - 00:40 Uhr Nachtprogramm

VPS 27.05.2015, 00:10 Uhr


Länge: 30 min.

Dokumentation

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