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37 Grad  | 09.06.2015  Scheidung vom Kind

Väter nach der Trennung

Wir begleiten Väter, die sich nach der Scheidung aus dem Leben ihrer Kinder zurückgezogen haben. Wie kam es zum Kontaktabbruch, und wie wurden die Jahre ohne einander erlebt? Bis heute quälen die Männer Schuldgefühle. Nach einer Zeit des Schweigens versuchen die Väter und ihre Kinder sich wieder anzunähern. Wir sprechen mit den betroffenen Vätern, den Kindern und den Ex-Frauen beziehungsweise Müttern. 

Vater und Tochter

Video: Scheidung vom Kind

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(09.06.2015)

Sebastian A. erlebte die Trennung von seiner Frau als Abwertung, die sein Selbstwertgefühl verletzte und seine väterliche Autorität untergrub. Er setzte einen Schlussstrich und zog von Bayreuth nach Ludwigshafen. Hier begann er ein neues Leben, stürzte sich in die Arbeit, übernahm viele Ehrenämter
Sebastian und Laura
Nach jahrelanger Funkstille kommt es zu einem ersten Treffen. (Quelle: ZDF)
und füllte damit die Lücke, die nach dem Verlust der Familie bei ihm entstanden war. Bei seiner Tochter meldete er sich nur noch selten. "Dass der Kontakt zu meiner Tochter abbrach, lag daran, dass ich in Wartestellung war. Wenn sie sich bei mir gemeldet hätte, hätte ich sie nicht abgewiesen." Zum Zeitpunkt der Scheidung war Tochter Laura 13, steckte mitten in der Pubertät und versuchte, sich massiv von ihrem Vater abzugrenzen. Das alles überrollte Sebastian A. wie eine Lawine.

Er zog sich zurück und wartete darauf, dass sich seine Tochter beruhigte und ihn als Vater in ihrem Leben wünschte. "Vielleicht hätte ich auf sie zugehen müssen, statt abzuwarten. Aber sie gab mir das Gefühl, mich nicht zu brauchen, mich komplett abzulehnen." Zwischenzeitlich brach der Kontakt zu seiner Tochter komplett ab, und es herrschte Funkstille. Mittlerweile ist Laura 25, verheiratet und Mutter eines sechs Monate alten Sohnes. Ihr Vater versucht seit einiger Zeit den Kontakt zu ihr wieder aufzunehmen und einen Neuanfang zu starten, doch Laura ist verletzt. Für sie war Sebastian A. all die Jahre der unsichtbare Vater, der sich ihrem Konflikt nicht stellte.

Den Kontakt verloren

Auch Michael J. wurde von seiner Frau verlassen. Damals war Sohn Laron gerade zwölf, als er seinen Vater mit gepackten Koffern aus seinem Leben verschwinden sah. "Dieser Moment zerreißt mir noch heute das Herz, als ich den Kleinen anschaute und mir sagte, ich muss jetzt stark sein für ihn, ihm sagen,
Michael und Laron
Der 22-jährige Laron lädt seinen Vater Michael ein. (Quelle: ZDF)
dass auch er stark sein muss, denn vielleicht sehen wir uns niemals mehr wieder." Den Kontakt zu seinem Sohn hat er seitdem mehr oder weniger verloren. Michael J. gründete eine neue Familie, doch bis heute quälen ihn Schuldgefühle, seinem Sohn kein Vater geblieben zu sein. Nun aber will er sich seinem Sohn stellen, in der Hoffnung, einen Anknüpfungspunkt für eine Zukunft zu finden, die dem mittlerweile 22 Jahre alten Laron den gebührenden Platz in seinem Leben zurückgibt.

Nach einer Scheidung wachsen die meisten Kinder nach wie vor bei der Mutter auf. Die meisten Männer bleiben verantwortungsvolle, liebevolle Väter, andere wären es gern, aber verlieren den Kontakt zum Kind, weil die Ex-Frau ihn verhindert. Einem Drittel der Väter aber fällt es schwer, den Kontakt zum Kind zu halten: Plötzlich sind sie nicht mehr am Alltag beteiligt und treffen ihre Kinder nur noch am Wochenende. Manche Väter sehen ihre Kinder sogar noch seltener: Die Beziehung wird distanzierter, schnell stellt sich eine Entfremdung ein, bis es in manchen Fällen sogar zu einem kompletten Kontaktabbruch kommt.

Gedanken der 37 Grad-Autorin

Katrin Wegner über das Thema

Im Film geht es um zwei Väter, die sich nach der Scheidung von ihren Kindern zurückgezogen haben. Die Idee, einen Film über sie zu machen, entstand im Sommer 2014: Über Umwege erhielt ich die Nachricht vom Tod eines nahen Verwandten, der seit zehn Jahren nicht mehr auffindbar gewesen war. Nach der Scheidung hatte er alles abgebrochen, auch die Beziehung zu seinen Kindern. Er hatte ein neues Leben begonnen, dabei jedoch für alle Menschen aus seinem alten Leben jede Spur verwischt. Keiner wusste, wo er danach lebte, was er machte und wie es ihm ging.

Die Gruppe der Väter, die den Kontakt zu ihren Töchtern und Söhnen abbrechen, ist klein. Gerhard Amendt leitete 2004 an der Universität in Bremen eine Studie, an der 3.600 Männer teilnahmen. Sie berichteten darüber, ob und wie sie ihre Vaterrolle nach der Scheidung weiterleben konnten. 18 Prozent der Männer hatte bereits kurz nach der Trennung nur noch wenig Kontakt zum Kind. 30 Prozent verloren ihn sogar komplett. Viele von ihnen waren Opfer von Entfremdung durch Manipulation und Kontaktblockade seitens der Mutter geworden. Manche aber brachen den Kontakt auch ab, weil sie ihre neue Rolle nicht finden konnten.

Väter voller Scham und Schuldgefühle

Während meiner Recherchen durchstöberte ich die Foren des Internets. Ich stieß auf 113 Threads, in denen sich Töchter und Söhne austauschten, die nach Trennung ihrer Eltern den Kontakt zum Vater komplett verloren hatten. Ihre Geschichten ähnelten sich: Sie waren damals bei den Müttern geblieben und schon kurze Zeit nach der Scheidung hatte sich der Vater nicht mehr gemeldet. Ich schrieb alle Betroffenen an und erhielt von der Hälfte eine Antwort. Teilweise durfte ich auch den Kontakt zu den abwesenden Vätern aufnehmen, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen. Die Väter waren voller Scham und Schuldgefühle. Sie litten unter dem Kontaktabbruch, aber hatten über all die Jahre den Weg zum Kind nicht mehr zurückgefunden.

Schon in der Trennungszeit schlich sich bei einigen von ihnen das Gefühl ein, gescheitert zu sein. Vor der Scheidung hatte es viele heftige Auseinandersetzungen mit der Ex-Frau gegeben, die zu massiven Abwertungen führten. Jede Begegnung mit dem Kind hätte auch die Begegnung mit der Ex-Frau bedeutet. In der alten Rolle als Vater innerhalb der noch intakten Familie hatten sich viele Väter stark gefühlt und eine ausfüllende Stellung genossen. Sie liebten ihr Kind und waren vollkommen selbstverständlich von ihrem Kind geliebt worden. Nach der Trennung aber war es häufig zu Situationen gekommen, in denen das Kind sie ablehnte, ihnen die Schuld für die Trennung zuwies oder den Vater sogar nicht mehr besuchen wollte. Die meisten befragten Väter zogen sich daraufhin verletzt zurück und scheuten die weitere Konfrontation. Andere fürchteten die Macht ihrer Ex-Frauen und wollten ihre Kinder nicht zwischen zwei Fronten bringen. Sie glaubten, es sei besser für sie, in Ruhe und Frieden das Leben nach der Scheidung zu führen - ohne Vater und der ständigen Zerrissenheit zwischen zwei Elternteilen.

Inzwischen jede zweite Ehe geschieden

In Deutschland werden laut Statistischem Bundesamt 36 Prozent der Ehen geschieden: Mit betroffen sind circa 170.000 Kinder. 90 Prozent der Mädchen und Jungen bleiben nach Scheidung der Eltern bei ihren Müttern - eine schwierige Situation für alle Beteiligten, denn plötzlich nehmen Väter nicht mehr am normalen Alltag teil. Sie können die täglichen Dinge, die ihr Kind erlebt, nicht mehr direkt erfahren. Oftmals sehen sie ihren Nachwuchs nur zu bestimmten Zeiten und damit kann der Vater schnell zum "Sonntags-Papa" oder lediglich zum zahlenden Elternteil werden.

In Deutschland stehen jährlich geschätzte 20.000 Kinder zwischen den erbitterten Kämpfen ihrer Eltern. Nicht selten kommt es vor, dass der Elternteil, bei dem das Kind bleibt, versucht, den getrennten Partner schlecht zu machen. Die fatale Folge: Irgendwann verliert das Kind jeden Bezug zum nicht anwesenden Vater (oder der nicht anwesenden Mutter) und will ihn nicht mehr sehen.

Das Cochemer Modell unterstützt Trennungspaare und ihre Kinder dabei, den neuen Alltag zu bewältigen. Die meisten Familien in Deutschland aber müssen ihre veränderte Situation alleine meistern. Vielen Ex-Paaren gelingt das sehr gut und die Väter (oder Mütter) können, in Kooperation mit der Mutter (oder Vater), liebevoll, verantwortungsvoll und aktiv bleiben. Andere wären es gern, aber können nicht, weil der alleinerziehende Part den Kontakt verhindert.

Manchmal ist die Verzweiflung groß

Während meiner Recherchen sprach ich mit verzweifelten Vätern, die Woche für Woche hunderte von  Kilometern fuhren, um ihr Kind zum vereinbarten Umgangstermin zu sehen. Immer wieder standen sie vor verschlossenen Türen, weil die Mutter das Treffen verhinderte. Einige Väter hatten sich längst zurückgezogen, um ihre Kinder nicht mehr in weitere Loyalitätskonflikte zu bringen. Andere Väter versuchten sich ihr Recht auf eine aktive Vaterrolle einzuklagen, doch der Rechtsstreit dauerte zu viele Monate. In der Zeit entfremdeten sich die Kinder immer mehr vom Vater und der Richter sprach schließlich der Mutter das alleinige Sorgerecht zu. Noch immer beherrscht ein Muttermythos die öffentliche Meinung, dass ein Kind im Zweifelsfall doch besser bei der Mutter aufgehoben sei. Das Kind gerät dabei komplett aus dem Blick: Auch wenn Vater und Mutter sich nicht mehr verstehen, so hat es  nicht nur ein Anrecht auf die gleichberechtigte Erziehung von Vater und Mutter, es braucht beide Elternteile gleichermaßen. Das aber scheint bei manchen Gerichten, Jugendämtern und familienunterstützenden Maßnahmen nicht immer erkannt zu werden und der getrennte Part – in der Mehrzahl die Väter – wird herausgedrängt und hat keine Chance, die Beziehung zum Kind intensiv weiter zu führen.

Große Distanz und große Sehnsucht

Die beiden Väter im Film mussten die Trennung von der einst geliebten Frau und vom geliebten Kind ohne Hilfe bewältigen. Sie zogen sich zurück. Die Scheidung war nicht von ihnen ausgegangen, sondern von ihren Frauen. Diese heirateten wieder und ein neuer Vater nahm sich der Kinder an. Einer der Väter berichtete, er wollte nicht zum Störfaktor werden, die neue Familie in ihrem Findungsprozess nicht irritieren. Deshalb wartete er all die Jahre auf ein Zeichen seiner Kinder, aber verlor dabei den Anschluss und die Nähe zu ihnen. Vielleicht fühlte er sich überflüssig in der neuen Konstellation, weil er glaubte, keine Bedeutung mehr für die Familie zu haben. Zumindest fand er seine neue Vaterrolle nicht.

Der andere Vater im Film hatte seine Frau damals sehr geliebt, dann trennte sie sich von ihm und eine Welt brach zusammen. Eigentlich wollte er für immer alleine bleiben, doch dann traf er seine jetzige Frau. Er verliebte sich wieder und gründete schon bald eine neue Familie mit ihr. Seiner Vergangenheit aber ging er aus dem Weg und trotzdem denkt er jede Sekunde an seinen Sohn. Beide Väter sehnen sich bis heute nach ihren Kindern, aber sind kaum in der Lage, auf sie zuzugehen. Mittlerweile sind seit der Scheidung zehn beziehungsweise zwölf Jahre vergangen. Ihre Kinder sind erwachsen und der seltene Kontakt zu ihnen hat tiefe Spuren hinterlassen. Sie haben viel Zeit miteinander verpasst und wichtige Momente versäumt. Viele Fragen, warum sich der Vater nicht mehr kümmerte, sind offen geblieben und haben bei den Kindern Verletzungen geschaffen. Die Distanz zum Vater ist groß, aber die Sehnsucht nach ihm ist bis heute geblieben. Es gelingt der zaghafte Versuch, wieder am Leben des anderen anzuknüpfen.

09.06.2015

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ZDFmediathek: 37 Grad

Sendungsinformationen

Dienstag 16.06.2015, 23:55 - 00:25 Uhr

VPS 16.06.2015, 23:55 Uhr


Länge: 30 min.

Dokumentation

Weitere Sendungsinformationen

Ein Film von Katrin Wegner
Kamera: Boris Blumenthal
Schnitt: Dirk Farin
Produktion: Marlies Schwab
Redaktion: Silvia Schmidt-Kahlert
Online-Redaktion: Uschi Hansen

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