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37 Grad  | 25.04.2016  Unser täglich Tier

Mehr. Schneller. Billiger.

Heute laufen in einer einzigen Brüterei am Tag 300.000 Küken vom Band. Alles vollautomatisch. Maschinen brüten die Eier aus, Fließbänder transportieren die Küken, sortieren sie in Versandkisten. Es sind Hähnchen des Typs "Fleischansatz". In nur gut vier Wochen liegen sie bereits auf einem Teller. Die meisten jedenfalls, denn bis zu 20 Millionen Tiere pro Jahr überleben die kurze Mastzeit nicht. 

Hähnchen

Abrufvideo: Unser täglich Tier

Sehen Sie den Film in der Mediathek.

(21.10.2014)
Hähnchenküken

Tiere in Zuchtbetrieben

(21.10.2014)

Mehr als 600 Millionen Hähnchen wurden 2013 in Deutschland verarbeitet. Geflügel liegt voll im Trend. Der Hähnchenkonsum hat sich von 2001 bis 2010 verdoppelt. Längst sind diese Tiere schon genetisch auf schnelles Wachstum "programmiert". Vor allem die Brust wächst überdimensional, denn sie ist besonders gefragt. Tiere werden heute den Essgewohnheiten angepasst. Immer mehr werden immer schneller produziert, nur deshalb ist ihr Fleisch so billig.

Wiederholungstermin auf 3sat

Vor einigen Wochen haben wir bei facebook darauf hingewiesen, dass diese Sendung aus dem Netz muss und einen Ausschnitt erneut veröffentlicht. Diese Meldung hat sich rasant im Netz verbreitet. Die Reaktion zeigt, dass das Thema so aktuell und wichtig ist wie bei der Erstausstrahlung. Wir konnten die Sichtbarkeit in der Mediathek verlängern. Im TV wiederholen wir 37 Grad "Unser täglich Tier" am 25.04.2016 um 23:45 Uhr (auf 3sat). Danach steht der Film weitere 12 Monate in der ZDFMediathek.

Immer mehr, schneller, billiger

Vergleich am 18.Tag
Im Vergleich: ein "normales" und ein auf Wachstum gezüchtetes Hähnchen (Quelle: KAG-Freiland)

Megabetriebe für die Produktion von Hähnchen- und Putenbrust oder auch Schnitzel sind entstanden. Eine moderne Fleischfabrik schlachtet heute 22.000 Schweine oder 240.000 Hähnchen am Tag. Der Mensch kommt kaum mehr mit diesen Tieren in Berührung. Schon gar nicht der, der sie letztendlich isst. Oft wissen wir gar nicht, wo unser Essen überhaupt herkommt. Ob Hähnchen, Puten oder Schweine - Tiere scheinen eine anonyme Masse zu sein, die irgendwo lebt und irgendwie auf unseren Teller kommt.

37 Grad durfte hinter die Kulissen schauen und zeigt ungewöhnliche Einblicke in die oft verschlossene Welt der Tierproduktion. Autor Manfred Karremann begegnet dabei Dimensionen der Massenproduktion, die noch vor einigen Jahren Utopie waren. Dabei überrascht, dass sich im Tierschutz trotzdem manches verbessert hat. Nur eine Frage bleibt angesichts der Massenproduktion: Wie viel ist ein Tierleben wert? Thema des Films sind deshalb auch Alternativen. Denn die gibt es. Sie sind besser für die Tiere, aber auch gesünder für uns Menschen.

Drehbericht des 37 Grad-Autoren

Manfred Karremann über seinen Film

Als ich mich 1988 zum ersten Mal mit einem Schlachthof beschäftigt habe, wurden dort vierhundert Schweine am Tag getötet. Im Text hieß es damals: "Etwa eine halbe Minute hat ein Schwein Zeit, um zu sterben." Das schien wenig, damals. Die Tiere wurden furchtbar getreten, geschlagen, gequält - Schweine wie Rinder. Die Arbeiter waren nicht ausgebildet, viele Tiere waren noch nicht einmal ansatzweise betäubt, wenn sie zerlegt wurden. Solche Quälereien gibt es noch. Ich habe sie immer wieder beobachtet, bis heute. In anderen Ländern ohnehin.

Doch: In Deutschland und Europa ist vieles auch besser geworden. Das Bewusstsein hat sich verändert. Wer heute in Deutschland mit Tieren auf Transporten oder Schlachthöfen arbeitet, muss zumindest "Sachkunde" nachweisen. Und gerade die Annahme, größer sei immer schlechter, trifft oft nicht zu. Tönnies in Rheda-Wiedenbrück schlachtet heute 24.000 Schweine am Tag. Dort werden Tiere getötet - aber wenigstens keine Schweine geprügelt oder gar lebendig verbrüht oder zerlegt. Die Firma bemüht sich seit Jahren, den Tieren den letzten Gang nicht unnötig schwer zu machen. Das sollte alles selbstverständlich sein - ist es aber leider nicht.

Auf der Seite der Tiere

Ähnlich ist das bei Hähnchen. Gerade der Marktführer Wiesenhof wird oft angegriffen, wenn ans Licht kommt, dass ein Vertragsmäster bösartig mit seinen Tieren umgeht. Das ist natürlich auch völlig inakzeptabel. Tatsache ist aber auch: Solche Mäster werden sofort gekündigt. Und Tatsache ist auch: Wiesenhof bietet seit Jahren immer wieder alternativ auch Hähnchen aus tierschutzgerechterer Haltung an.

Ja wie nun, könnten Tierschützer denken - steht der jetzt auf einmal auf der Seite der Tierproduzenten? Nach allen Filmen über Massentierhaltung, Tiertransporte, Hunde- und Katzenfelle und so weiter? Nein. Wenn ich Filme mache, stehe ich auf keiner Seite - außer auf der der Tiere. Aber: Mit Gut und Böse ist das so eine Sache. Jemand, der Hühner im Käfig gehalten hat, war für mich immer kompromisslos ein Tierquäler. Die Ställe zu betreten war tabu. Vielleicht erkennt man das Böse vor allem an der Transparenz: Für den aktuellen Film war es nicht möglich, Kükenbrütereien für Legehennen zu betreten. Wer Küken vernichtet, weiß, dass das eigentlich Unrecht ist.

Wie gehen wir mit Tieren um?

Der vielzitierte "Verbraucher" kann und wird das nicht alles ändern, sondern vor allem der Gesetzgeber ist gefordert, und die Behörden, die das Tierschutzgesetz vollziehen. So, wie beim Verbot der Käfighaltung eben auch, oder beim Stopp der Subventionen für Schlachttierexporte aus der EU. Der aktuelle Film stellt ein System im Umgang mit Tieren an sich infrage. Wie die Qualzuchten bei Hähnchen, oder die Haltung bei Puten. So kann es nicht weitergehen, glaube ich, so dürfen wir einfach nicht mit Tieren umgehen.

Im Tierschutz gibt es immer eine Kette von Verantwortlichkeiten. Den Gesetzgeber, den, der etwas produziert, den Handel, der entscheidet, was angeboten wird, und schließlich den oder die, die kaufen. Das sind wir. Am Ende der Kette - und zugleich am wichtigsten. Wir entscheiden, welche und wie viele Tiere wir kaufen und essen. Und ob wir sie überhaupt essen möchten.

Ein Film von Manfred Karremann
Zusammenarbeit: Thomas Jakob, Marina Karremann, Johannes Laidler
Kamera: Johannes Laidler, Manfred Karremann, Chat Panangala
Schnitt: Thomas Jakob
Compositing: Ruben Kempter
Produktion: Marlies Schwab
Redaktion: Reinold Hartmann
Online-Redaktion: Uschi Hansen

25.04.2016

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