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37 Grad  | 24.11.2015  Was am Ende wirklich zählt

Viele Menschen bereuen am Ende des Lebens gerade das, was sie nicht gemacht haben. Sie erkennen, dass sie mehr hätten wagen, mehr Gefühle hätten zulassen sollen. Am Ende des Lebens erahnen sie, worum es im Leben wirklich geht. Wie schön wäre es, dies schon zu wissen, solange jemand noch geben, reden und handeln kann. 

Jutta

Abrufvideo: Was am Ende wirklich zählt

Sehen Sie hier die Sendung in der Mediathek!

(24.11.2015)

Jutta Winkelmann hat Krebs. Sie ist eine der weltberühmten "Getty Twins". Zwei schöne Schwestern aus Kassel, die im Alter von 20 Jahren auszogen, um als Hippies Liebe in die Welt zu bringen, zunächst in Rom, dann in Los Angeles und schließlich in einem Leben ohne Grenzen. Nichts schien zu anstrengend, nichts haben sie ausgelassen. Das Leben war aufregend, rasant – und flüchtig.

Heute ist Juttas Leben langsam, leiser und mühsam, aber immer noch spannend, denn die 66-Jährige erkennt jeden Tag mehr, was im Leben wirklich zählt. "Ich hätte mich mehr einlassen sollen auf die Liebe, nicht immerzu flüchten und suchen. Denn manchmal hatte man längst gefunden, was man suchte, doch man zog mit wehenden Fahnen weiter und hat es aus den Augen verloren."

Rückblick auf das Leben

Monika hat schwarzen Hautkrebs auf den Organen. Endstadium. Sie hat bereits alles vorbereitet, den Bestatter bestellt. "Ich könnte sofort abtreten. Vielleicht habe ich die Krankheit sogar herbeigesehnt, um mich endlich zu spüren. Jetzt allerdings könnte ich auf den Krebs verzichten, denn ich sehe nun, dass das Leben auch sehr schöne Seiten hat, und sterben ist doch anders als ich gedacht habe."

Die 53-jährige Monika hat im Rückblick auf ihr Leben die Schutzmauern zu hoch gezogen. Irgendwann waren sie unüberwindbar. "Ich hatte immer Angst - vor Enttäuschung, vor Ablehnung, die Angst, nicht zu genügen, zu versagen. Dabei fehlte mir oft einfach nur der Mut, auszusprechen, was ich wirklich fühle oder denke. Ich habe nie zu einem Menschen gesagt, dass ich ihn liebe. Und ich habe partout nicht zugelassen, dass mich jemand wirklich mag", sagt sie. Sie bereut, dass sie sich nicht selbst treu gewesen ist, sich hinter der Maske der Starken und Unabhängigen versteckt hat. "Wenn sich jemand mir aufrichtig zugewandt hat, habe ich mich abrupt abgewandt oder auf Angriff umgeschaltet. Ich hätte mir ein wenig mehr Glück zugestehen sollen. Doch ich hatte wohl Angst vor dem Frieden, weil ich ihn nicht kannte."

Verpasste Gelegenheiten

Auffällig ist, dass im Rückblick auf das eigene Leben viele Menschen weniger ihre Fehler bedauern, ihre Taten, sondern eher die Chancen, die sie nicht ergriffen haben, die verpassten Gelegenheiten - also das, was sie eben nicht gemacht haben. Doch das Leben so zu leben, wie man es wirklich leben will, erfordert immensen Mut. Und nichts scheint am Ende so viel zu wiegen wie Glück und Erfüllung in menschlichen Beziehungen - oder deren Mangel.

Bei 37 Grad geht es um das Sterben, aber viel mehr noch um das Leben - ein Leben, das es wert ist, so genannt zu werden: mutig, offen - zugewandt. Von Sterbenden lernen heißt leben lernen.

Gedanken der 37 Grad-Autorin

Tina Soliman über ihren Film

Sterben ist ein existentielles Thema. Der Tod ist eine existentielle Lebenserfahrung. Da bewegt man sich nicht an der Oberfläche. Ich mag solche Themen, und sie ziehen sich durch viele meiner Filme. Unsere Doku ist kein Film über das Sterben, sondern über das Leben. Es geht darum, wie gut wir die Zeit vor dem Tod hinkriegen.

Dies geschieht aus der Perspektive von Schwerkranken, Jutta und Monika. Mit ihnen, ihren Angehörigen und professionellen Begleitern versuchen wir herauszufinden, worauf es im Leben ankommt. Es ist eine vorsichtige Annäherung, die im Dezember 2013 mit Jutta Winkelmann beginnt.  Sie fürchtet, dass ihr nur noch drei Monate Lebenszeit bleiben, und gemeinsam überlegen wir, wie ihr Leben war und wie es hätte sein können.

Es war ein Wundertütenleben. Jutta Winkelmann und ihre Zwillingschwester Gisela Getty  galten in den wilden 60er und 70er als das elektrisierendste Zwillingspaar. Sie haben intensiv gelebt, zogen von Deutschland über Rom nach Hollywood,  feierten und diskutierten mit Paul Getty (Giselas Ehemann) oder Bob Dylan, filmten mit Dennis Hopper, testeten Grenzen aus, auch mit Hilfe von Drogen. Sie wurden Mütter und haben dennoch versucht, ihre Freiheit zu bewahren. Etwas müde von den Möglichkeiten, die es auszutesten galt, zogen sie sich schon vor Juttas Krankheit zurück, um dem Sinn des Lebens näher zu kommen.

Das Destillat des Lebens

Wie war mein Leben? Wie hätte es sein können, und was bleibt? Hatte ich ein gutes Leben? Lebte ich meine eigentlichen Bedürfnisse aus oder spielte ich eine Rolle, war alles nur ein "Leben-als-ob"? Was ist überhaupt ein gutes Leben?  Jutta stellt sich diese Fragen seit Jahren, diskutiert darüber auch mit ihrem besten Freund Rainer Langhans, ihren Freundinnen Christa Ritter und Brigitte Streubel.

Jutta fühlte sich immer unzerstörbar. Das ist vorbei. Erstaunt nimmt sie das zur Kenntnis. Hat die Zukunft nicht ungewiss zu sein? Jutta hatte sicherlich ein außergewöhnliches Leben und entspricht eher nicht dem Mainstream. Denn die meisten Menschen bereuen am Ende des Lebens, nicht mutig genug gewesen zu sein. Viele sind unglücklich, weil sie sehen, dass es viel mehr Möglichkeiten gab und gibt, als sie in einem Leben jemals verwirklichen konnten und können. Menschen betrauern daher eher, was sie nicht gemacht haben und nicht, was sie gemacht haben. Gerne hätten sie mehr Leben gewagt, doch sie haben es aufgeschoben, sich in einem Zustand vor dem Leben aufgehalten. Warteschleifenjahre. Jahre, in denen sie auf das richtige Leben gewartet haben. Immer erschien etwas anderes wichtiger: der Job, das Geld, das Ansehen. Auf dem Sterbebett jedoch bedauern die wenigsten, nicht genug Geld gehabt zu haben.

Wie soll man die verbleibende Zeit nutzen?

Monika lernen wir im Frühjahr 2015 kennen. Das Leben geht ihr gründlich gegen den Strich. Sie erwartet nichts mehr, außer, dass es zu Ende geht. "Es ist alles erledigt", sagt sie, und damit meint sie nicht nur die Planung der Beerdigung und die Kündigung ihrer Versicherungen. Das war’s für sie. Die Funkstille zur Familie mag sie nicht beenden. Die Vergangenheit will sie ruhen lassen, damit sie in Frieden gehen kann. Doch es kommt anders. Und das ist das Wunderbare an diesem Film. Monika gewinnt am Ende wieder Lebensfreude, eine Antikörpertherapie schlägt an, und nach und nach überlegt sie: Was wäre, wenn ich doch nicht sterbe? Wie ging Leben noch einmal?

Dagegen fragt sich Jutta: Wie soll man sein Leben führen, wenn man es verliert, und wir fragen uns im Team: Tun wir nicht alle das jeden Tag? Jutta hat sich gegen eine Chemotherapie entschieden. Sie nutzt die verbleibende Zeit, um mit den ihr nahe stehenden Menschen so viel Zeit wie möglich zu verbringen. Was hat jetzt noch Bestand?

In unserem Film geht es also um die alten Fragen der Existenz: Wohin gehen wir? Was wollen wir? Was fürchten wir? Wie verhalten wir uns zu unserer eigenen Freiheit? Auch zu unserem Schuldigsein? Reflektiert wird nicht, wenn man nur nach vorne strebt und nicht zurückschaut. Wir schauen zurück - und nach vorne -  wissend, dass man die Dinge in Echtzeit betrachten muss, ohne die Bedeutung, die ihnen die Zukunft verleiht. Wir fragen uns:  Was ist das höchste Gut für die Menschen? Für wen oder wofür leben wir? Und wie und wann verlieren wir aus den Augen, was uns Glück und Erkenntnis bringen?

Was im Leben wirklich zählt

Ein Mensch am Ende des Lebens - hat er es überhaupt gespürt? Vielleicht sollten wir uns ab und zu fragen: Was würde ich tun, wenn ich bald sterben würde? Wie sehr lebe ich das Leben, das ich leben will? Ein Leben nach eigenen Maßstäben führen! Sich treu bleiben. Wichtiges nicht aufschieben! Schon zu Lebzeiten schauen, ob Liebe, Glück und Vergebung vorkamen. Wie bin ich mit Verlusten umgegangen? Habe ich das Richtige getan? Bin ich frei? Das sollte man sich auch mitten im Leben fragen. Angesichts des Todes erkennen wir, was im Leben wichtig ist. Es geht dann nicht nur darum zu überlegen, was man bedauert, sondern darum, einen Schritt weiter zu gehen und zu fragen: Was will ich noch tun?
Sterben ist so komplex wie geboren zu werden. Am Ende geht es um die Essenz der menschlichen Existenz.

Man lernt von Sterbenden Weisheit, viel Mut und sogar eine Art Gelassenheit. Jutta und Moni überraschten immer wieder mit Galgenhumor. Während der Dreharbeiten haben wir häufig gemeinsam gelacht und wunderbare Momente erlebt. Dieser Film bleibt in unserem Gedächtnis tief verankert. Dafür danken wir Jutta und Moni. Wenn man sich mit dem Tod beschäftigt, denken viele, man liebe sein Leben nicht mehr. Es ist umgekehrt. Man lebt bewusster und intensiver. Man weiß um den Wert des Lebens. Darum, was im Leben wirklich zählt.

Sendungsinformationen

Ein Film von Tina Soliman
Kamera: Torsten Lapp
Schnitt: Anna Demisch
Produktion: Marlies Schwab
Redaktion: Marina Fuhr
Online-Redaktion: Uschi Hansen

24.11.2015

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Sendungsinformationen

Dienstag 01.12.2015, 23:50 - 00:21 Uhr

Länge: 31 min.

Deutschland , 2015

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