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37 Grad  | 15.03.2016  Wenn das Leben aus dem Ruder läuft

Gesetzliche Betreuer im Einsatz

Sie sind Lotsen für Menschen, die sonst im Leben untergehen würden. Gesetzliche Betreuer haben viel Verantwortung, Macht und Einfluss. 37 Grad begleitet zwei Berufsbetreuer im Alltag. Rund 1,3 Millionen Menschen werden in Deutschland betreut. Hinter dieser Zahl stehen oft dramatische Schicksale. Gesetzliche Betreuer sind Manager für alle Lebenslagen, müssen oft existenzielle Entscheidungen treffen. Ein Beruf aus Berufung? 

Betreuerin Sandra (li.) berät Angelika (re.) bei der Organisation ihres Alltags.

Wenn das Leben aus dem Ruder läuft

Sehen Sie hier 37 Grad in der Mediathek.

(15.03.2016)

Siegmar M. (58) ist gesetzlicher Betreuer aus Leidenschaft. Sein Aufgabengebiet: Menschen, die durch Drogen, Alkohol, Altersdemenz, Arbeitslosigkeit, Krankheit oder tragische Schicksalsschläge aus der Bahn geworfen werden und allein nicht mehr klar kommen. Dementsprechend herausfordernd ist sein Alltag: Telefonate, Anträge ausfüllen, Behördengänge, Taschengeldauszahlungen, Arzttermine oder einfach: zuhören. Siegmar nimmt seine Verantwortung sehr ernst, deshalb ist der vertrauensvolle Umgang wichtig. Oft fährt er zu seinen Klienten nach Hause, manchmal auch aus Sorge. "Wir kümmern uns um die, denen sonst keiner hilft, und das ist oft sehr schwierig."

Das Leben anderer organisieren

Der an Depressionen erkrankte Hans-Jürgen war nicht zum vereinbarten Termin erschienen und ist
Betreuer Siegmar im Auto
Siegmar auf dem Weg zu einem Klienten. (Quelle: ZDF/Jana Lindner)
akut suizidgefährdet. Auf Klingeln und Klopfen reagiert er nicht. Ist Siegmar diesmal zu spät? Und auch bei Peter ist sein ganzes Können gefragt. Peter ist unheilbar krank, er kann zuhause nicht mehr gut gepflegt werden, Siegmar hat ihn vor zehn Jahren in einem Heim für Suchtkranke kennengelernt. "Ich würde Dich gern zu einer Kaffeefahrt einladen", beginnt er das Gespräch heute. Er möchte seinen Klienten auf das Hospiz vorbereiten und es ihm bei einem aufwändig geplanten "Ausflug" zeigen. Wird ihm das gelingen?

Anfangs hatte Siegmar noch 20 bis 25 Klienten gleichzeitig, heute sind es über 50. Das größte Glück ist für ihn, wenn es jemand schafft und wieder auf eigenen Beinen stehen kann. Aber das sind die wenigsten. Täglich sieht er viel Elend, trotzdem ist Siegmar Optimist. Einer, der anpackt, der das Leben der anderen managt.

Menschen, die alleine nicht klarkommen

Auch Sandra ist gesetzliche Betreuerin. "Kein Traumjob", wie sie zugibt. Die 43-Jährige ist zum Hausbesuch bei Angelika. Die hat trotz
Angelika kommt alleine nicht zurecht. Sandra hilft ihr bei der Organisation ihres Alltags.
Sandra (li.) hilft Angelika bei der Organisation ihres Alltags. (Quelle: ZDF/Donata von Reiche)
des Sozialhilfesatzes diesen Monat 2.500 Euro ausgegeben. Angelika ist psychisch krank, sie kauft eben gerne Fanartikel und Nippes. Das Konto ist wieder einmal heillos überzogen. Nun muss Sandra ein Machtwort sprechen, das Geld zuteilen, die Schulden regulieren.

Auch Kornelia ist ein schwieriger Fall. Sie ist an Chorea Huntington erkrankt, einer unheilbaren Erkrankung des Gehirns. Deshalb ist die 50-Jährige auch schon dement. Kornelia kann ihren Alltag allein nicht mehr bewältigen. Mehrfach muss ihr Sandra erklären, dass sie jetzt einen ambulanten Dienst für sie bestellt hat - wird Kornelia die Hilfe annehmen?

Die Reportage begleitet zwei gesetzlich bestellte Betreuer in Erfurt und Dortmund in ihrem Alltag. Mit Engagement und Herzblut kümmern sie sich um Menschen, die ohne ihre Betreuung durch das soziale Netz fallen würden.

Gedanken der 37 Grad-Autorin

Jana Lindner über den Film

Ein halbes Jahr haben wir die beiden Betreuer mit der Kamera begleitet und dadurch einen Einblick in eine Parallelwelt erhalten. Wir haben Menschen kennen gelernt, die nicht so richtig in unsere Gesellschaft passen. Menschen, die wir so nie sehen und vielleicht auch nicht sehen wollen. Dabei kann es im Grunde jeden von uns treffen. Wir können durch einen "Schicksalsschlag" oder eine Krankheit in eine Situation kommen, in der wir auf Betreuung angewiesen sind.

Besonders bewegt hat mich Peters Schicksal. Er ist schwer krank, aber er hat trotzdem den Humor nicht verloren. Peter hat das Ende unserer Dreharbeiten nicht mehr erlebt. Auch Jenny hat mich berührt. Sie ist mein Jahrgang, wirkte auf mich aber viel jünger, verlorener und einsam. In ihrer Wohnung gibt es keine Schränke, sie ist vermüllt und dreckig – so sollte eigentlich niemand leben müssen.

Gesetzliche Betreuer sind Profis im System

Für unsere beiden Betreuer Siegmar und Sandra waren unsere Dreharbeiten ein zusätzlicher Zeitaufwand. Beide haben wir mit viel und wichtiger Arbeit erlebt. Und trotzdem waren sie absolut offen, haben uns auch bei ihren Betreuten Türen geöffnet. Wir haben sie als sehr wertschätzend gegenüber den Betreuten erlebt und als absolute "Helfer".

Ich bin sehr dankbar, dass wir in Deutschland in einem System leben, das solche Hilfen möglich macht. Hier muss niemand allein klar kommen oder gar auf der Straße leben. Ich habe gestaunt, wie umfangreich eine Unterstützung aussehen kann. Unsere Betreuer sind Profis in diesem System, sie kennen sich aus und managen so das Leben ihrer Betreuten. Oftmals gehen sie dabei über ihr Stundensoll hinaus. Und leicht ist das sicherlich nicht immer – bürokratische Hürden, Frust und Rückschritte gehören zu ihrem Alltag.

Sendungsinformation

Ein Film von Jana Lindner
Kamera: Dirk Meinhardt, Carsten Waldbauer, Ilko Eichelmann
Schnitt: Thomas Hansen
Produktion: Christian Stachel
Redaktion: Martina Nothorn
Online-Redaktion: Uschi Hansen

15.03.2016

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Sendungsinformationen

Montag 21.03.2016, 23:52 - 00:23 Uhr

Länge: 31 min.

Deutschland , 2016

Altersfreigabe: 6

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