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37 Grad  | 10.03.2015  Willkommen in Deutschland

Ein Dorf und seine Flüchtlinge

"Jetzt können wir beweisen, wie gastfreundlich wir wirklich sind", sagt Bernward Lingemann von der Verwaltung der Hörnerdörfer im Allgäu. Vor kurzem sind 36 Flüchtlinge, Männer aus Syrien und Afghanistan, in Fischen in die alte Dorfwirtschaft im Ortsteil Au eingezogen. 37 Grad beobachtet von November 2014 bis Februar 2015 das kleine Dorf im Allgäu mit seinen alten und neuen Bewohnern. 

Flüchtlinge im Klassenraum

Willkommen in Deutschland

Sehen Sie die Sendung in der Mediathek!

(10.03.2015)
Flüchtlingsfamilie mit Helferin Steffi

Araber im Allgäu

Seit einem Jahr begleitet "37°" syrische Flüchtlinge in dem Allgäuer Dorf Fischen. Die Gemeinde stellt sich der Herausforderung und zeigt im Kleinen, was Deutschland in Zukunft erwartet.

(15.12.2015)

Der Ortsteil von Fischen, in den die Flüchtlinge untergekommen sind, hat rund 300 Einwohner. Fast jeder hier vermietet Ferienzimmer, die Gegend lebt vom Tourismus. Entsprechend skeptisch sind einige Anwohner, die sich in ihrer wirtschaftlichen Existenz bedroht fühlen oder einfach nur fragen, "warum man um die Flüchtlinge so ein Geschiss macht". Keine leichte Aufgabe für Bernward Lingemann. Er muss vermitteln zwischen Bürokratie, Bedenkenträgern und engagierten Helfern, die sich innerhalb kürzester Zeit zusammengefunden haben.

Zweiter Teil

Seit einem Jahr begleitet "37°" syrische Flüchtlinge in dem Allgäuer Dorf Fischen. Die Gemeinde stellt sich der Herausforderung und zeigt im Kleinen, was Deutschland in Zukunft erwartet. Hier geht es zum zweiten Teil: Araber im Allgäu

Alte und neue Bewohner im Dorf

Etwa ein Drittel der Deutschen fühlt sich von Asylbewerbern bedroht. Der 74-jährige
Hans und Yousef - Freundschaft ohne Worte
Für Yousef ist Hans der "Baba" (Quelle: ZDF/Günther Kurth)
Hans gehört nicht dazu. Der waschechte Allgäuer organisiert Brauchtumsabende und Bergtouren, weil ihm wichtig ist, dass sich die Flüchtlinge angenommen und heimisch fühlen. Hans spricht kein Englisch, doch das ist für ihn kein Hindernis: "Ich sag immer, ich lass halt die Seele sprechen und dann versteht man sich sehr gut."

Im November ist es kalt im Allgäu. Aus dem leer stehenden Drogeriemarkt im Dorf ist eine Kleiderkammer geworden. Wenn Eva die Neuankömmlinge einkleidet, erinnert sie sich an ihre eigene Geschichte: "Ich wurde 1945 auf der Flucht aus Schlesien geboren", erzählt sie. "Die Familie, die uns damals
Eva in der Kleiderkammer
Eva in der "Kleiderkammer" (Quelle: ZDF)
aufgenommen hat, war so reizend, die haben uns wirklich geholfen. Seitdem treffen wir uns jedes Jahr. Aus dieser Erzählung heraus hab ich gesagt: 'Wenn jemals so eine Situation kommt, dann möchte ich auch helfen, von Anfang an, so weit ich kann.'"

Seit dem zweiten Weltkrieg waren weltweit noch nie so viele Menschen auf der Flucht wie heute – insgesamt über 50 Millionen. In Deutschland werden 2015 nach Einschätzung des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge bis zu 300.000 Asylbewerber erwartet. Selbst abgelegenste Dörfer haben nun plötzlich Menschen aus aller Welt mitten im Ort.

Warten auf ein Zeichen der Behörden

Im Gegensatz zur Stadt kann man den Flüchtlingen hier nicht aus dem Weg gehen. Man begegnet ihnen jeden Tag.
Deutschlernen mit Steffi
Deutschlernen mit Steffi (Quelle: ZDF/Günther Kurth)
Menschen wie Yousef (19) zum Beispiel, der mit 16 Jahren aus Syrien geflohen und nach einer jahrelangen Odyssee in Fischen gelandet ist. Obwohl er fast immer lacht, "gibt es wenig glückliche Momente", wie er sagt. Was mit seiner Familie zu Hause passiert ist, weiß er nicht. Fast jeden Tag kommt jemand aus dem Dorf vorbei, um ihn abzulenken. Für Yousef werden die Leute im Dorf zu "Baba (Vater), Mutter, Bruder oder Schwester. Das Wichtigste ist, dass ich in Fischen bleiben kann!", sagt Yousef. Hat er eine Zukunft hier?

Alle Ankömmlinge sind dankbar für die Hilfsbereitschaft und Anteilnahme in dem kleinen Ort, was ihnen aber keiner abnehmen
Amjad
Araber und Allgäuer: Amjad (Quelle: ZDF)
kann, sind die dramatischen Erinnerungen an die Flucht, die Sorge, wie es den Familien in der Heimat geht und das zermürbende Warten auf ein Zeichen der deutschen Behörden. Amjad - der "arabische Allgäuer" - kann vielleicht am ehesten nachvollziehen, was in den Flüchtlingen vorgeht. Der Werkstattmeister lebt bereits seit 25 Jahren im Allgäu und ist Mittler zwischen den Kulturen und Sprachen. Er unterstützt das Filmteam als Übersetzer und fährt fast jeden Tag in den Gasthof, um zu helfen. "Auch ich vermisse meine Heimat als Palästinenser und Omar, Mohamed und die anderen sind für mich auch so ein Stück Familie hier", sagt Amjad, der sich Zeit nimmt für jeden, der
Bernward Lingemann
Bernward Lingemann von der Gemeindeverwaltung (Quelle: ZDF)
ein offenes Ohr braucht.

Nicht überall in Deutschland setzen sich Ehrenamtliche so selbstverständlich für Flüchtlinge ein wie hier. Doch es gibt auch Menschen, die lieber auf Abstand bleiben, aus verschiedenen Gründen. "Und es gibt auch Menschen, die absolut nichts damit zu tun haben wollen die absolut ausländerfeindlich sind", sagt Herr Lingemann. Zeit nehmen sich Nachbarn wie Monika, die jeden Tag vorbei kommen, Senioren, die es schön finden, gebraucht zu werden und Pragmatiker wie den Förster Andreas, die gemeinnützige Jobs schaffen. Jüngere Leute wie Steffi und Nicole werden für die Flüchtlinge zu neuen Freunden.

Miteinander leben - nicht nebeneinander

Omar, Yousef, Rami mit Monika beim Anwalt
Omar, Yousef und Rami mit Monika beim Anwalt (Quelle: ZDF)
Ein Dorf im Allgäu, ein Mikrokosmos. Was bedeuten die "Gäste", wie sie hier genannt werden, für eine Dorfgemeinschaft? Wenn Kulturen aufeinanderprallen, Sprachbarrieren zum Problem und persönliches Leid zur großen Belastung werden - vor allem dann, wenn die erste Abschiebung droht. Wie gehen die Menschen in der Au mit den Herausforderungen um?

Die Dokumentation aus der Sendereihe 37 Grad zeigt, dass es große politischen Lösungen auch hier nicht gibt, dafür aber Menschen, die versuchen, ein "Miteinander - nicht Nebeneinander" zu leben.

Flüchtlinge in Deutschland

55 Prozent mehr Asylanträge

Stark steigende Asylbewerberzahlen stellen die Bundesländer derzeit vor Herausforderungen. In der Zeit von Januar bis Dezember 2014 haben insgesamt 181.453 Menschen in Deutschland Asyl beantragt, davon waren 155.427 Erstanträge und 26.026 Folgeanträge. Das sind 55,4 Prozent beziehungsweise 67,0 Prozent mehr als in den ersten elf Monaten 2013. Im Gesamtjahr erwartet das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge rund 200.000 Bewerber. In NRW sollen es über 37.000 sein, nach 15.000 in 2012. In Berlin lebten Mitte Oktober knapp 11.500 Asylbewerber in 48 Unterkünften, davon leben mehr als 500 Flüchtlinge in Hotels. Jedes Jahr kommen mehr als 1.000 neue Flüchtlinge hinzu.

Die Flüchtlinge kommen zunächst für wenige Tage in Erstaufnahme-Einrichtungen, anschließend für Wochen in Zwischenunterkünfte, bevor die Kommunen die langfristige Unterbringung übernehmen. Erst- und Zwischenunterbringung sind Landessache. In NRW stehen dafür derzeit mehr als 4.800 reguläre Plätze zur Verfügung. Viele Einrichtungen sind überbelegt. Bis November sollte die Zahl der Plätze auf knapp 6.800 steigen.

Der "Königsteiner Schlüssel"

Asylbewerber in Berlin

Asylbewerber, die in Deutschland Zuflucht suchen, werden nach dem "Königsteiner Schlüssel" auf die Bundesländer verteilt und dort untergebracht. Der Verteilerschlüssel richtet sich nach Steuereinnahmen und Bevölkerungszahl der Länder. Das Steueraufkommen wird mit zwei Dritteln, die Bevölkerungszahl mit einem Drittel gewichtet. Der Schlüssel wird von der Gemeinsamen Wirtschaftskonferenz jedes Jahr neu berechnet.

Den "Königsteiner Schlüssel" an sich gibt es seit 1949: Die Bundesländer einigten sich damals im hessischen Königstein auf einen Schlüssel zur Finanzierung von Forschungseinrichtungen außerhalb der Universitäten. Das Instrument wird inzwischen aber auch für andere Fragen rund um die Lastenverteilung unter den Ländern genutzt.

Seit Anfang 2005 dient der Schlüssel als Grundlage für Verteilung von Asylbewerbern. Damals zählten die Behörden rund 29.000 Asylanträge in Deutschland, im Jahr 2014 rechnen sie mit rund 200.000.

Kommunen und Länder streiten um die Kosten

Syrische Flüchtlinge in Deutschland

Wer bezahlt eigentlich die Unterbringung der Flüchtlinge? Viele Kommunen fühlen sich überfordert und pochen auf höhere Erstattungen durch die Bundesländer. Die meisten Länder erstatten den Kommunen die entstandenen Kosten mittels einer Pauschale. Auch wenn die einzelnen Zahlungen nur schwer vergleichbar sind, weil beispielsweise die medizinische Versorgung unterschiedlich geregelt ist, gibt eine Studie des EMN (Europäischen Migrationsnetzwerks) aus dem Jahr 2013 einen Überblick.

Rheinland-Pfalz erstattete den Kommunen demnach pro aufgenommenem Asylbewerber und Monat 5.892 Euro im Jahr. In Baden-Württemberg hingegen erhielten die Kommunen pro Jahr 12.270 Euro je Flüchtling. Hessen zahlt eine monatliche Pauschale zwischen 407 und 515 Euro pro Person. Sachsen zahlt pro Quartal 1.500 Euro je Flüchtling für Aufnahme und Unterbringung. Schleswig-Holstein hat sich verpflichtet, den Kommunen 70 Prozent ihrer tatsächlich entstandenen Kosten zu erstatten. Thüringen gewährt parallel drei Pauschalen für Unterbringung, Betreuung und medizinische Kosten.

Davon unterscheidet sich das Finanzierungssystem in Bayern als auch in den Stadtstaaten Berlin, Bremen und Hamburg. Hier übernehmen die Bundesländer direkt die Aufnahme und Unterbringung, sodass keine Kostenerstattung erfolgt.

(Quelle: dpa, epd, Bundesamt für Migration und Flüchtlinge/ Stand Dez. 2014)

10.03.2015

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Sendungsinformationen

Dienstag 10.03.2015, 03:15 - 03:45 Uhr Nachtprogramm

VPS 11.03.2015, 03:15 Uhr


Länge: 30 min.

Dokumentation, Deutschland, 2015

37 Grad vom 10.03.2015, 22:15 Uhr
Film von Tine Kugler und Günther Kurth
Kamera: Günther Kurth, Christian Schnelting
Schnitt: Günther Kurth, Thomas Kohler
Produktion: Marlies Schwab
Redaktion: Silvia Schmidt-Kahlert
Online-Redaktion: Uschi Hansen

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