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37 Grad  | 02.02.2016  Wirklich beste Freunde

Eine Clique fürs Leben

Nico, 27, ist durch eine Muskelkrankheit nahezu bewegungslos geworden. Betreut wird er von seinen Freunden. 37 Grad zeigt, wie sich die Freundschaft seit der Schulzeit entwickelt. Schon damals übernehmen die Freunde pflegerische Aufgaben. Seit Nico ins Studentenwohnheim gezogen ist, arbeiten sie über einen Pflegedienst für ihn. Nico ist der Kopf der Clique. Er managt seinen Betreuer-Stab, organisiert gemeinsame Partynächte und sogar Reisen. 

Nico und seine Freunde am Strand

Video: Wirklich beste Freunde

Sehen Sie die ganze Sendung in der Mediathek!

(02.02.2016)

Nico sitzt im Rollstuhl, kann weder Arme, Beine noch Kopf bewegen. Muskeldystrophie Duchenne heißt die Krankheit, die langsam seine Muskeln zerstört. Und doch: Nico lebt ein fast normales Studentenleben: Er wohnt in einer WG, schließt demnächst sein zweites Studium ab (Film- und Medienwissenschaften), zieht am Wochenende durch die Clubs.Es sind größtenteils Freunde, die ihn rund um die Uhr betreuen: ihn duschen, anziehen, mit ihm Vorlesungen besuchen, abends beim Ausgehen den Rolli die Treppen der Clubs hochtragen und die Drinks reichen. "Wir sind da reingewachsen, das ist für uns normal", sagt Robin. Und Nico: "Meine Behinderung spielt keine Rolle. Wir haben einfach Spaß zusammen." Die jungen Männer haben eine integrative Schule besucht. Früher spielten sie zusammen Fußball und Hockey. Mit knapp neun Jahren ist Nico das letzte Mal zu Fuß gegangen.

Freizeit "ungestört" verbringen

Schon damals haben die Freunde mit angepackt, wenn Nico Hilfe brauchte. "Wir wollten unsere Freizeit ungestört von Eltern oder Betreuern verbringen," sagt Nico. "Darum haben wir Freunde das lieber selbst gemacht", erklärt Robin. Max erinnert sich auch an schwierige Momente: "Natürlich war es traurig, wenn Nico auf einmal nicht mehr mit Hockey spielen konnte. Und manchmal ist man schon eingeschränkt, wenn der Freund im Rollstuhl sitzt. Aber so lernt man, anders zu planen, entdeckt neue Möglichkeiten."

Die Freundschaft ist, wie jede gute, ein Geben und Nehmen. "Nico hat mir schon oft geholfen. Früher bei den Schulaufgaben. Später, wenn ich Liebeskummer hatte", sagt Max. Für Robin ist Nico ein Vorbild: "Er hat uns immer wieder gezeigt, dass man sich nicht hängen lassen darf, wenn man selbstbestimmt durchs Leben gehen will." Nico ist als erster von Zuhause ausgezogen, hat als erster ein Studium abgeschlossen. Mit 1,0 im Fach Digitale Medien.

Der Kopf der Clique

Schon früh war Nico der Kopf der Clique, der den Freundeskreis zusammengehalten hat. Mit dem Abnehmen seiner Kräfte wurden die Freunde immer mehr zu seinem ausführenden Körper, erzählt Robin. Das ist auch heute noch so. Obwohl er sich kaum mehr rühren kann und häufig krank ist, plant Nico eine gemeinsame Reise nach Portugal mit seinen zehn besten Freunden. Mit Hilfe der Augensteuerung seines PCs recherchiert er rollstuhlgerechte Unterkünfte, organsiert die Flüge und einen Bus, in dem alle Platz haben. Er lässt rund 80 Kilo medizinische Ausrüstung plus Spezialnahrung verpacken, die er im Urlaub in Portugal braucht. Seine Eltern machen sich wegen seiner schwachen Gesundheit Sorgen: Kann er die Reise überhaupt antreten?

Nico bleibt dran. Diese Reise ist womöglich die letzte gemeinsame mit all den Freunden. Einige beenden bald ihr Studium, starten ihre Karriere, haben dann weniger Zeit für die Freundschaft. Und Nicos Lunge arbeitet immer schlechter. Er braucht jetzt selbst tagsüber ein Beatmungsgerät. "Ich weiß nicht, wie lange ich das noch kann." Nico klagt nicht.

Einfach nur Freunde!

Der Film fragt, ob ein schönes Leben trotz großer Einschränkungen überhaupt möglich ist, und zeigt, wie viel Kraft Nico braucht, um seine Ziele zu verfolgen. Ein Film, der deutlich macht, wie Freundschaften entstehen, wenn Menschen mit und ohne Behinderung zusammen aufwachsen.

Gedanken der 37 Grad-Autorin

Simone Grabs über ihren Film

Nico mit Herz aus Creme auf der Brust. Er wird von Robin eingecremt

"Ein Herz für Nico!" - "Aktion Sorgenkind!": Es ist dieser trockene Humor - der im Video anklingt - der mir als erstes aufgefallen ist. Leise Kommentare, selten mehr als zwei Wörter. Immer pointiert. Mit kurzen Sätzen managt Nico seine Betreuer, genauso beantwortet er meine Fragen. Interviews sind nicht sein Ding. Aber wenn es darum geht, ihn und seine Freunde bei ihrem Tagesablauf mit der Kamera zu begleiten, dann erfahren wir die totale Offenheit.

Gleich am ersten Drehtag dürfen wir mit ins Badezimmer. Wie sollen wir das Duschen filmen, ohne den Jungs zu nahe zu kommen? "Nur keine Hemmungen. Filmt einfach alles", sagt Nico und Robin sieht es genau so. "Der Film soll ehrlich sein."

"Ziemlich beste Freunde" als Türöffner

Ein Zeitungsartikel hat mich auf die Geschichte von Nico und seiner Clique gebracht. Diese besondere Freundschaft erinnert mich in manchen Bereiche an "Ziemlich beste Freunde". Der Kino-Hit hat Nico überhaupt erst geöffnet für eine Dokumentation über ihn: "Das war nicht die übliche Mitleidsschiene."

Film ist sein Medium. Er hat selbst schon Regie geführt bei Studienprojekten und seine Eltern haben ihn von klein auf mit der Kamera begleitet. Gemeinsam mit Nico überlegte ich, welche seiner zehn betreuenden Freunde wir für die Dokumentation auswählen, um sie näher zu portraitieren. Die Wahl fiel auf Robin und Max, weil sich die drei schon seit dem Kindergarten kennen und weil sie sehr unterschiedlich sind. Auch von ihnen gibt es Foto- und Videomaterial aus der gemeinsamen Kindheit.

Zwischen Sorge und Förderung

Nicos Eltern haben mir 50 DVDs voll mit privaten Videoaufnahmen zur Verfügung gestellt, von Nicos ersten Lebenstagen bis in die Pubertät. Beim Sichten der Aufnahmen konnte ich Nicos körperliche Veränderung deutlich erkennen: Ein unfassbar süßes Baby war er, die Augen der Eltern voller Glück. Und ab zwei Jahren war immer deutlicher erkennbar, dass er sich anders bewegt als Kinder seines Alters. Wie sich das Leben der Eltern durch die Diagnose änderte, wurde mir schon beim Sichten der Privatvideos klar.

In einem sehr offenen Interview erzählten sie mir, wie sich auch ihre Beziehung zueinander durch die Krankheit gewandelt hat und wie sie mit professioneller Hilfe immer wieder an ihr arbeiten. Durch ihre Offenheit haben sie Nico die Möglichkeit gegeben, Freundschaften aufzubauen und zu pflegen. Jedes Wochenende durften Freunde bei Nico übernachten oder umgekehrt, die Jungs reisten mit in den Urlaub und zu Verwandtschaftsbesuchen.

Nicos Eigenständigkeit war immer ihr Ziel. Sie scheuten keine der teils zermürbenden Auseinandersetzungen mit den Kranken- und Pflegekassen, um für Nico ein neues Gerät zu erkämpfen, mit dessen Hilfe er eine gerade weggefallene Fähigkeit wieder erlangen kann. Zum Beispiel die Umfeldsteuerung, mit der er alle Geräte in seinem Zimmer sowie die wichtigsten Türen in der Wohnung bedienen konnte. Ich habe großen Respekt vor dem Engagement der Eltern und wie sie es geschafft haben, trotz aller Sorgen, Nico ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen. Das geht nur durch Vertrauen, das sie zu Nico, aber auch zu seinen Freunden haben. Sie lassen den Jungs den Freiraum und sind dennoch da für Nico, wenn es ihm schlecht geht.

"Armer" Nico und die "aufopfernden" Freunde?

"Das ist aber sehr nett von den Jungs!" So oder ähnlich reagieren Außenstehende, wenn sie das erste Mal dieser besonderen Clique begegnen. Weil Nico bewegungslos im Rollstuhl sitzt und auf Hilfe angewiesen ist, denkt jeder automatisch, dass er in seiner Clique nur empfangen, nicht aber geben kann. Wer genauer hinsieht, merkt: Die Freundschaft ist beileibe keine Einbahnstraße. Weder sind die Freunde Gutmenschen, die sich für Nico aufopfern, noch ist Nico auf passive Dankbarkeit reduziert. Es sind Freundschaften, die auf Austausch basieren, wie jede andere auch. Sonst würden sie nicht auf Dauer funktionieren.

Nico ist der Kopf der Clique, der die Truppe zusammenhält und gemeinsame Partynächte durch Frankfurts Clubszene oder Reisen organisiert. "Von Nicos schlauem Kopf haben wir schon in der Schule profitiert, er hat uns bei den Hausaufgaben geholfen", sagt Robin. "Außerdem hatte er ähnlich verrückte Ideen wie ich. Weil er sie aber selber nicht ausführen konnte, habe ich das übernommen. Quatsch machen im Auftrag eines anderen - das war cool". Max schätzt an Nico sein immenses Wissen im Bereich Musik und Filme. "Außerdem kann ich mit ihm über alles sprechen. Er redet auch mal Tacheles."

Nico ist in vielen Bereichen ein Vorbild für seine Freunde. Weil er als erster der Clique den Mumm hatte, von zu Hause auszuziehen. Weil er mit 27 schon sein zweites Studium abschließt. Und weil er - trotz der fiesen Krankheit - die Gabe hat, immer das Positive im Leben zu sehen.

Sendungsinformation

Ein Film von Simone Grabs
Kamera: Leif Stange, Carsten Schöning, Michael Bernath
Schnitt: Matthias Heep
Produktion: Marlies Schwab, Christian Stachel
Redaktion: Silvia Schmidt-Kahlert
Online-Redaktion: Uschi Hansen

02.02.2016

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Sendungsinformationen

Dienstag 09.02.2016, 00:54 - 01:24 Uhr Nachtprogramm

Länge: 30 min.

Deutschland , 2016

Altersfreigabe: 6

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