Machtkämpfe um die Königswürde
Am 5. April 1355 war Karl IV. in Rom zum Kaiser der Römer gekrönt worden. Damit besaß er alle offiziellen Würden, die ein deutscher Herrscher auf seine Person vereinen konnte. Im Vertrauen auf diese Machtposition nahm er ein ehrgeiziges Projekt in Angriff. Er berief einen Hoftag nach Nürnberg ein, auf dem grundlegende Dinge im Verhältnis zwischen Monarch und Fürsten beraten werden sollten. Denn das Reich befand sich in einer tiefen Strukturkrise.Das hatten nicht zuletzt die wiederholten Machtkämpfe um die Königswürde gezeigt. Zwar war auch Karl selbst zunächst als Gegenkönig gekrönt worden, doch da seine Herrschaft mittlerweile alle Attribute der Rechtmäßigkeit besaß, wollte er endlich Ordnung schaffen. Vor allem sollten für die Zukunft Doppelwahlen vermieden werden. Das war nur dadurch zu erreichen, dass der Ablauf einer rechtmäßigen Königswahl minutiös festgeschrieben wurde.
Richtlinien für die Königswahl
Auf Initiative Karls versammelten sich die Mächtigen des römisch-deutschen Reiches im November 1355 in Nürnberg. Der König stieg im Wohnhaus einer Patrizierfamilie in der Schildgasse 10 ab. Rund um das kleine Haus wohnten sein Hofstaat und seine Beamtenschaft. Auch die Fürsten waren mit großem Gefolge angereist.ZITAT
„Die Goldene Bulle ist weder ein kaiserliches Diktat noch ein Kotau vor den Kurfürsten, sie ist spätmittelalterliches Korrelat dessen, was man die Kunst des Möglichen zu nennen pflegt. ”
Zugeständnisse an Fürsten
Dafür musste Karl den Fürsten politische und ökonomische Zugeständnisse machen. Gleichzeitig wurde festgelegt, dass die Territorien der Kurfürsten nicht geteilt werden durften. Diese Bestimmung kam auch ihm selbst zugute. Denn sie stärkte seine eigene Macht in Böhmen.Unter den gegebenen Umständen konnte die "Goldene Bulle" kein königliches Diktat werden, sondern lediglich das Ergebnis eines Vertrags unter gleichberechtigten Partnern. Auch wenn das Verfassungswerk nicht wirklich etwas Neues brachte, so hatte die Festschreibung der alten, etablierten Gewohnheiten doch einen Nutzen für die Zukunft.Ende der päpstlichen Mitbestimmung
Da die Kriterien für die Rechtmäßigkeit einer Königswahl erstmals eindeutig fixiert wurden, kam es in der weiteren deutschen Geschichte zu keiner einzigen Doppelwahl mehr. Und der als "Pfaffenkönig" verunglimpfte Karl IV., der selbst mit Unterstützung des Papstes an die Macht gekommen war, erteilte den potentiellen Nachfolgern Petri, wenn auch nicht expressis verbis, so doch implizit eine Absage hinsichtlich ihrer Mitwirkung bei der Königswahl.Inszenierung der Macht
Die Nürnberger Vereinbarungen wurden schriftlich fixiert und den Kurfürsten ausgehändigt. Als "Goldene Bulle" - nach dem goldenen Siegel, lateinisch "bulla" - ging das Dokument in die Geschichte ein. Es ist das erste deutsche Grundgesetz. Es war länger in Kraft als jedes andere bisher: genau 450 Jahre lang, bis zum Ende des Heiligen Römischen Reiches im Jahr 1806.Anfang der "Goldenen Bulle"
Jedes Reich, das in sich selbst zerspalten ist, wird veröden, denn seine Fürsten sind Gefährten der Diebe geworden. Wir wollen die Einigkeit unter den Kurfürsten fördern, Einmütigkeit bei der Wahl herbeiführen und der verwünschten Zwietracht und den vielfachen aus ihr erwachsenden Gefahren den Einlass verwehren. Daher haben wir durch die Würde unseres kaiserlichen Amtes die unten stehenden Gesetze auf unserem feierlichen Reichstag zu Nürnberg erlassen.
Bewährte Traditionen
Die herausragende Stellung bestimmter Adelsfamilien war im Verlauf des frühen Mittelalters aus ganz handfesten Dienstleistungen im Haushalt des Königs hervorgegangen. So war etwa der Marschall für die Pferde zuständig, der Truchsess für die Tafel, der Kämmerer für die Wohnräume und der Mundschenk für den königlichen Weinkeller.Diese Tradition griff die "Goldene Bulle" auf und legte fest, dass der Herzog von Sachsen das Marschallsamt auszuüben hatte. Der Pfalzgraf bei Rhein wurde zum Erztruchsess ernannt. Der Markgraf von Brandenburg erhielt den Titel "Erzkämmerer", und der König von Böhmen wurde zum Erzmundschenk bestimmt. Bei Hoftagen mussten die Kurfürsten in die ursprüngliche Rolle schlüpfen, die mit diesen Ehrentiteln verbunden war.Minutiöse Zeremonie
Tatsächlich streute der Herzog von Sachsen Hafer für das königliche Pferd aus, die anderen Kurfürsten deckten die Tafel, servierten Speisen und Getränke. Wie eine Theaterinszenierung wurde das umfangreiche Zeremoniell nach minutiös vorgezeichnetem Ablauf vor den Augen der Öffentlichkeit durchgespielt.Der Sinn der Aufführung lag in der symbolischen Demonstration der Zusammenarbeit von König und Kurfürsten. Man wollte zum Ausdruck bringen, dass Monarch und Hochadel - und somit das Reich selbst - eine Art Organismus darstellen, in dem jeder Einzelne eine wichtige Funktion zum Gedeihen des Ganzen ausübte.

