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Die Deutschen: Gustav Stresemann  |  Sendung vom 14.12.2010 [Archiv]

Goldene Zwanziger?

Kluft zwischen den Gesellschaftsschichten

Im Zeichen der Verständigungspolitik standen auch die so genannten Goldenen Zwanzigerjahre. Moderatere Bestimmungen bei der Zahlung von Reparationen und US-Kredite führten zu einer Konjunkturbelebung. Auch wenn es zu einer Verbesserung des Lebensstandards in der breiten Bevölkerung nicht kam, der Währungsschnitt noch lange nachwirkte und der Mittelstand die meisten Lasten zu tragen hatte, reichte die wirtschaftliche Beruhigung aus, um den radikalen Flügelparteien einen Teil ihrer Anhängerschaft zu entziehen.  

Goldene Zwanziger Jahre - Tänzerin / Quelle: ZDF
Goldene Zwanziger Jahre - Tänzerin (Quelle: ZDF)
Nach den entbehrungsreichen Nachkriegsjahren veränderte sich das Lebensgefühl. Die intellektuelle und kulturelle Szene blühte auf. Neue Verkehrsmittel wie Auto und Flugzeug machten Furore. Das Radio begann seinen Siegeszug, die deutsche Filmwirtschaft erreichte Weltniveau. Viele deutsche Protagonisten aus Theater, Architektur, Literatur und Kunst zählten zur internationalen Avantgarde. Berlin war eine Weltmetropole und nach New York und London mit 4,2 Millionen Einwohnern die drittgrößte Stadt der Erde überhaupt.

Hohes gesellschaftliches Ansehen

Käte und Gustav Stresemann am Essenstisch / Quelle: ZDF
Käte und Gustav Stresemann: Anlaufpunkt der feinen Gesellschaft (Quelle: ZDF)
Bei den Stresemanns gingen Diplomaten, illustre Prominenz aus Politik und Wirtschaft ein und aus. Ehefrau Käte gab die First Lady der Republik, wurde in Frauengazetten wegen ihrer Stilsicherheit und Gastfreundschaft gerühmt. Es war auch ihrem Charme zu danken, dass das Haus des Außenministers zu einem beliebten Anlaufpunkt der feinen Gesellschaft wurde.

Nach ihrem Gatten wurde sogar ein Anzug benannt - "der Stresemann": schwarz-grau gestreifte Hose, schwarzes Jackett (mit Spitzkragen), hellgraue Weste und weißes Hemd mit silbergrauer Krawatte. Eine Mehrzweckbekleidung, gleichermaßen geeignet für Büro und offizielle Anlässe.

Käte Stresemann

Käte Kleefeld stammte aus einer angesehenen Berliner Kaufmannsfamilie. Die Eltern waren vom jüdischen zum evangelischen Glauben übergetreten. Gustav Stresemann war 25 Jahre alt, als er die Tochter aus gut situierten Verhältnissen heiratete. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor. Käte Stresemann war für ihren Gatten nicht nur eine sorgende Ehefrau, sondern auch eine wichtige Gesprächspartnerin. Sie widmete sich der Förderung der Karriere ihres Mannes, war aber selbst nicht politisch aktiv.

First Lady

Käte und Gustav Stresemann / Quelle: ZDF
Käte und Gustav Stresemann (Quelle: ZDF)
Von außergewöhnlich gutem Aussehen und mit Talenten für den gesellschaftlichen Umgang ausgestattet, war Käte Stresemann die geborene Gastgeberin, zuerst bei Empfängen im eigenen Haus, später auch als offizielle Repräsentantin an der Seite des Kanzlers und Außenministers. Sie besaß jene Sicherheit im gesellschaftlichen Umgang, die sich der aus einfacheren Verhältnissen stammende Stresemann erst erarbeiten musste.

Die "Welt der Frau" schrieb damals: "Die Allgemeinheit kennt Käte Stresemann als die nach letzten Moderegeln gekleidete Diplomatengattin, aber sie ist viel mehr. Wenn sie spricht, wenn sie lächelt, wenn sie eine ganz kleine, fast strichhafte Bewegung mit der Hand macht zur Unterstützung des Gesagten, ist sie von vollendeter Grazie und Anmut. Eine Art der Anmut, wie wir sie uns denken können von den Frauen um Goethe."

Trügerischer Schein

Doch der Schein jener angeblich "goldenen" Jahre trog. Die Berliner Schickeria stürzte sich ins rauschhafte Vergnügen, um der grauen Wirklichkeit zu entgehen. Die kulturellen Eliten lebten eher in einer unpolitischen Parallelwelt zur Republik, als dass sie zu ihrer Stütze wurden.

Für die Arbeiter und kleinen Angestellten blieb das Leben ohnedies entbehrungsreich. Der Mittelstand hatte durch die Inflation seine Ersparnisse eingebüßt. Die Zahl der Arbeitslosen stieg bald wieder an. Gab es 1927 und im Folgejahr zwischen acht und neun Prozent Arbeitslose bei den erfassten Gewerkschaftsmitgliedern, so wuchs die Zahl 1929 auf mehr als 13 Prozent.

14.12.2010

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