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Feiertage  |  Sendung vom 01.03.2011 [Archiv]

Feste feiern!

Über die neue Lust am Fest

Ob Weihnachten, Geburtstag, Hochzeit, Sommerfest, ob WM-Feeling beim Public Viewing oder der Boom der Event-Agenturen - viele Anzeichen deuten darauf hin, dass die Gelegenheit für Feste gesucht und das Feiern genossen wird. Was aber steckt hinter der Lust zu feiern?  

von Rita Döbbe

Feunde / Quelle: imago
Feunde (Quelle: imago)
Durch Feste und Feiern wird in allen Kulturen die unstrukturierte Zeit gegliedert. Feste treten als zeitlich herausgehobene und mehr oder weniger exzessive Ereignisse in Gegensatz zu Alltag und Disziplin und haben gemeinschaftsbildende und sozial entlastende Funktion.

Feste muss man feiern!

Die Anlässe für Feste können sehr unterschiedlich sein. Es haben sich aber über die Jahrhunderte verschiedene Typen herausgebildet. Der Wechsel der Jahreszeiten wird durch kalendarische Feste wie Aussaat, Erntedank, Neujahr reflektiert. Ebenso werden verschiedene Stadien des Lebens und deren Beginn oder Ende markiert, etwa bei der Taufe, Hochzeit, Beerdigung. Auch Beginn, Verlauf oder Ende einer Unternehmung werden festlich begangen wie Richtfest beim Hausbau, Abiturfeier oder Einstand/Ausstand in einer Firma. Neue Feste sind entstanden wie der Christopher Street Day, die Love Parade oder der Karneval der Kulturen, die heute unter dem Stichwort "Event" populär geworden sind.

Kalenderblatt: 1. Januar / Quelle: imago
TT-Grafiken: Das steht 2011 an (#6494a6 - inkl. Bildwolke) (Quelle: imago)
Der christliche Kalender hat zahlreiche religiöse Feste, in denen der Bezug zu Transzendenz und Gottes Gegenwart gefeiert wird, deren wichtigste Ostern und Weihnachten sind. Muslime feiern das Fastenbrechen am Ende des Ramadan und das Zuckerfest, Juden Chanukka oder das Laubhüttenfest. Die religiösen Feiern haben rituelle Funktion. Durch immer wiederkehrende Handlungsabläufe wird Zeit und Ort strukturiert, die Gegenwart Gottes zelebriert und die Gemeinschaft unter den Glaubenden betont.

Feste sind die Kür des Lebens

Venezianische Karnevalsmaske / Quelle: imago
Karneval: Venezianische Karnevalsmaske (Quelle: imago)
Aus psychologischer Sicht haben Feste und Feiern entlastenden Charakter. Normen und Regeln werden zeitlich begrenzt außer Kraft gesetzt und Raum geschaffen für Spontanität und Kreativität, für Spiel und Gespräch. Während der Alltag oft rational und fremdbestimmt erlebt wird, kommen hier die anderen Anteile des Menschen zur Geltung. Gegen die "Knappheit" des Alltags gibt das Fest die Möglichkeit zu einer anderen Kommunikation, zu einer körperbetonten Sinnlichkeit. "Wir trauen uns, einander näher zu kommen", meint die Psychotherapeutin und Buchautorin Irmtraud Tarr. Man schaue sich länger in die Augen, berühre sich, probiere andere Rollen aus, flirte, tanze. Feste haben in ihrem ekstatischen Charakter auch Ventilfunktion.

Eine Festgesellschaft ist psychologisch gesehen ein Gruppengeschehen und eine Kommunikation auf verschiedensten Ebenen: Viele reden und agieren scheinbar durcheinander, buhlen um Aufmerksamkeit, klären Rangordnungen, versuchen einen oder mehrere gemeinsame Nenner zu finden. Schließlich synchronisiert eine festliche Gemeinschaft ihre Abläufe, Gespräche und ihre Rangordnung; ein Fest gelingt, je größer der Beteiligungsgrad der einzelnen ist. Der Mensch sei - so Irmtraud Tarr- nicht immer nur auf Dialog zwischen zwei Personen hin ausgerichtet und auf Effektivität und Verbindlichkeit, sondern auch auf "Polilog"- auf Vielstimmigkeit, auf Leben und Kommunikation in der Gruppe, auf Beachtung und Anerkennung darin. Diese Facette der menschlichen Kommunikation werde in der Feier und im Fest aufs Schönste ausgelebt.

Fest oder Event?

Fans in Berlin / Quelle: reuters
Fans in Berlin (Quelle: reuters)
Die Festkultur hat sich verändert. Häufig übernehmen Agenturen die Ausrichtung und Inszenierung großer Veranstaltungen. Berichterstattung und Liveübertragungen erfolgen und verändern den Charakter. Auch vervielfältigen sich die Anlässe, um Spaß und Spiel zu inszenieren, Menschen zu mobilisieren und Geschäfte zu beleben. Die einen sprechen von einer Krise des Festes, weil es seinen Orientierungsrahmen und seine Ausrichtung auf einen Wert oder eine Gemeinschaft verloren hat, die anderen von einer Demokratisierung des Festes, das in der Lage ist, die unterschiedlichsten sozialen Gruppen und Schichten einzubeziehen und akzeptieren Konsum und Freizeit als Rahmen.

Party, Happening, Festival, Openair, Public Viewing nennt sich das dann. Veränderungen des religiösen Bewusstseins, die kulturellen Traditionen, psychologische und soziale Entwicklungen, ökonomische und mediale Zugriffe hinterlassen Spuren. An der Art, wie wir Feste feiern, lässt sich ablesen, welche Rolle heute Gemeinschaft, Spiel, Sinnlichkeit spielen.

01.03.2011

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