Gruppentherapie in Oranje
von Andreas DeelstraGruppentherapie in Orange – so oder ähnlich lautet das Motto einiger niederländischer Nationalspieler, die dieser Tage im Schweizerischen Lausanne an ihrer EM-Form feilen. Drei Wochen vor Beginn der EM, in der die Niederlande in der sogenannten „Todesgruppe“ mit Deutschland, Portugal und Dänemark eingeteilt sind, hat Bondscoach Bert van Marwijk noch einige Baustellen abzuarbeiten. Ob van Marwijk die Probleme bis zum ersten Gruppenspiel gegen Dänemark am 9. Juni in den Griff bekommt, ist fraglich.Die Abwehr - Traditionell der größte Schwachpunkt der Niederländer. Torhüter Maarten Stekelenburg ist eine Bank im Tor – doch nach einer Schulterverletzung ist der 29-Jährige ohne Spielpraxis. Einsätze in den letzten Testspielen gegen Bulgarien, die Slowakei oder Nordirland müssen reichen.
Problemzone Abwehr
ZITAT
„Man sollte uns nicht unterschätzen. Unser Ziel kann nur der Titel sein”
Nigel de Jong
Die Abwehrkette ist qualitativ nur mittelmäßig besetzt. Kopfzerbrechen bereitet vor allem die Position des Linksverteidigers. Seit Giovanni van Bronckhorst seine Karriere nach der WM 2010 beendete, fehlt gleichwertiger Ersatz. Wer immer auch spielt – es wird eine Notlösung. Der Coach muss mit hierzulande unbekannten Namen wie Jetro Willems (PSV) auftrumpfen.
Die Psyche – Zugeben wird es niemand. Doch die 0:3-Klatsche, die Holland im November vergangenen Jahres in Hamburg gegen Deutschland kassierte, verpasste dem unter van Marwijks Ägide aufgebauten Selbstbewusstsein einen üblen Knacks. Der Nimbus der Stabilität, der wenigen Gegentore, der taktischen Stärke, er würde durch traumhaft kombinierende Deutsche jäh zerstört.
Psychologen vor!Zusätzlich muss der Nationalcoach psychologische Fähigkeiten unter Beweis stellen. Arjen Robben ist nach dem verschossenen Elfmeter im Champions-League-Finale und einer durchwachsenen Spielzeit völlig am Boden. Am 28-Jährigen haftet der Makel des Unvollendeten. Van Marwijk braucht ihn jedoch bei der EM, er muss ihn wieder aufrichten.
Arjen Robben
Genau wie Wesley Sneijder, der sich bei Inter Mailand in der vergangenen Saison nach Wehwechen und Schwächeperioden regelmäßig auf der Bank wiederfand. In „Oranje“ sind beide Schlüsselspieler. Schwächelt das Duo, schwächelt das Team. „Ich bin fit, auch mental“, betont Sneijder nachdrücklich. „Diese Saison möchte ich hier vergessen. Das wird klappen, weil wir ein verschworenes Team sind.“
Van Persie oder Huntelaar?Die Torjäger - Robin van Persie und Klaas-Jan Huntelaar spielten für den FC Arsenal und Schalke 04 die Saison ihres Lebens. Beide wurden Torschützenkönig in ihren Ligen. In der Nationalelf konkurrieren sie jedoch um den einzigen Platz im Sturm. Das Rezept, wie die Top-Stürmer gleichzeitig spielen können, hat van Marwijk noch nicht gefunden.
Und so hält er bislang fast stoisch an van Persie fest, obwohl dieser den Nachweis seiner Klasse im Nationalteam viel zu selten erbracht hat. Anders als Huntelaar, der immer trifft – egal, welches Trikot er trägt. Dementsprechend selbstbewusst meldet er Ansprüche an: „Ich gehe davon aus, dass ich spiele.“
Ziel ist der TitelTrotz der Probleme gibt es einiges, worauf van Marwijk bauen kann. Er hat aus einer Ansammlung schwieriger Charaktere ein homogenes Team geformt. Er hat der Mannschaft eine taktische Grundordnung verschafft, auf die sich das Team auch in spielerisch schwächeren Partien verlassen kann. Und wenn der Bondscoach seine Baustellen in den Griff bekommt, werden die Niederländer auch die „Todesgruppe“ überstehen.
„Ich verstehe, dass die Euphorie nach unseren Niederlagen ein bisschen gelitten hat“, sagt Nigel de Jong, der als einziger Nationalspieler mit Manchester City in einer ausländischen Liga Meister wurde. „Aber man sollte uns nicht unterschätzen. Unser Ziel kann nur der Titel sein.“