Operation Schicksal: Pfizenmaiers Tennis-Karriere
von Petra PhilippsenSie ist 20 Jahre alt, erst seit ein paar Monaten auf der Profitour und stand bei ihrem Grand-Slam-Debüt auf Anhieb in der zweiten Runde. Die Bielefelderin Dinah Pfizenmaier ist das neue, kesse Gesicht im deutschen Damentennis - auch nach dem Aus gegen die Nummer 1 Viktoria Asarenka.Die Schulter ist für Tennisspieler das wohl sensibelste Gelenk. Für den Aufschlag und die Körperrotation ist es entscheidend, schon die kleinste Blessur ein enormes Handicap. Nur die wenigsten, die an der Schulter operiert worden sind, fanden danach zu alter Stärke zurück. Etliche mussten ihre Karriere sogar beenden.
"Ich war zu schlecht"Als Dinah Pfizenmaier vor zwei Jahren so ein Eingriff bevorstand, da trainierte sie zwar schon im Kamener Leistungszentrum des Westfälischen Tennisverbandes, doch an eine Profikarriere dachte sie noch nicht. "Ich war viel zu schlecht", sagt die 20 Jahre alte Bielefelderin heute ganz offen, "meine Technik war nicht gut genug. Das hohe Tempo machte mir Probleme."
ZITAT
„Normalerweise würde ich mir von so einer Spielerin ein Autogramm holen und ein Foto machen.”
Dinah Pfizenmaier
Damals war sie 18 Jahre alt, und das Abitur hatte oberste Priorität. Die sechsmonatige Trainingspause hatte in der heißen Lernphase daher sogar sein Gutes - und auch die Operation sollte ihr Schicksal werden.
Andere Technik, anderes SpielDenn nach dem Eingriff war Pfizenmaier gezwungen, ihre Technik umzustellen. Auch die Vor- und Rückhand musste sie anpassen, da sie an der linken Hand nun mit einer Metallschiene spielte. Wegen des Verdachts auf eine Sehnenscheidenentzündung hatte sie sie damals bekommen, inzwischen ist sie so etwas wie ein Markenzeichen geworden. Sie kann nicht mehr ohne. "Die ist jetzt mehr für meinen Kopf", sagt sie. Und die geänderte Technik hatte einen verblüffenden Effekt: "Es war unfassbar: Alles
war plötzlich besser, meine Technik, mein ganzes Spiel hat sich verändert."
Die Nummer 1 der Welt: Victoria Asarenka
Quelle: ap
So entschied sie sich im Juli 2011, zwei Monate nach dem bestandenen Abitur, ihre ersten Turniere auf der unterklassigen ITF-Tour zu spielen. Beim ersten Event kam sie von der Quali ins Halbfinale, beim nächsten gar ins Finale. Danach sagte sich Pfizenmaier: "So, du machst das jetzt." 'Das', das war die Profikarriere. Innerhalb weniger Monate schoss sie in der Weltrangliste von null auf Platz 260, so ein Sprung hat Seltenheitswert. Und genauso selten passiert es, dass jemand bei seinem Grand-Slam-Debüt sofort ins Hauptfeld stürmt. Und Pfizenmaier gelang bei den French Open sogar noch ein weiterer Sieg. Eine Partie gegen die Weltranglistenerste Victoria Asarenka auf dem Court Philippe Chatrier in Roland Garros war der Lohn, und zumindest verkaufte sich Pfizenmaier bei der 1:6 und 1:6-Niederlage dennoch kämpferisch. "Das ist alles total unwirklich", hatte Pfizenmaier vorher gesagt, "normalerweise würde ich mir von so einer Spielerin ein Autogramm holen und ein Foto machen. Jetzt spiele ich gegen solche Stars."
Rittner: "Sie ist ein Sonnenschein"Die letzten Monate verliefen wie im Zeitraffer, aber Pfizenmaier genießt es, ohne die Bodenhaftung zu verlieren. So ein Typ ist sie nicht. Für Fed-Cup-Chefin Barbara Rittner ist sie "einfach ein Sonnenschein", und es sei "erfrischend, wie sie ihren Erfolg genießt". Pfizenmaiers sonnige Art ist ansteckend, dennoch wusste sie schon immer, was sie will: "Ich wollte irgendwo gut werden im Sport." Mit drei Jahren fing sie an zu turnen, dann spielte sie noch Fußball – das zentrale Mittelfeld ist ihre Position, sie "wollte immer überall sein". Als sie mit neun Jahren zufällig einen Schläger in die Hand bekam, wollte sie auch noch Tennis spielen. Ihre Eltern, beide Lehrer, waren zunächst wenig begeistert. Fünfmal die Woche turnen, fünfmal Fußball und dann auch noch fünfmal Tennis, das schien einfach zuviel. Doch ihre Tochter setzte sich durch, machte zwei Jahre lang alles drei parallel.
Mit dem Umzug nach Kamen fiel die Entscheidung für Tennis, sie hat sie bisher nicht bereut. "Nur, dass es so gut läuft, hätte ich mir nie erträumt", sagt Pfizenmaier. Auf Rang 198 steht sie bereits, nach Paris wird es noch weiter nach oben gehen. Doch sie will gar nichts überhasten. Für ein weiteres Jahr gehört sie zum Porsche Nachwuchsteam und diese Förderung ermöglicht ihr vor allem die konstante Arbeit mit einem Fitnesstrainer. Und auch wenn sie mit 20 Jahren eine Späteinsteigerin auf der Profitour ist, so denkt sie langfristig und fürchtet sich auch nicht vor Rückschlägen: "Selbst, wenn ich jetzt kaum noch gewinne und dann auf Platz 300 zurückfalle, dann hatte ich immer noch ein tolles erstes Profijahr."