EM-Gastgeber
Katerstimmung in Polen
Die Enttäuschung in Polen ist groß
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von Gabriele Lesser, WarschauWarschau ist wie ausgewechselt. Niemand skandiert mehr "Polska, Polska!" oder "Die Weiß-Roten!". Der Fußballrausch, in dem sich die Polen knapp drei Wochen lang befunden hatten, endete am Wochenende mit der 0:1-Niederlage gegen die Tschechen.Das Ausscheiden ihrer Nationalmannschaft vor dem Viertelfinale hat sie sehr getroffen. Die Fanmeilen steuern fast nur noch eingefleischte Fußballfans und Ausländer an. Damit hatte in Polen wirklich niemand gerechnet. Alle fieberten auf ein Freudenfest hin: Polen als EM-Gastgeber würde ins Viertelfinale kommen! Davon waren fast alle Polen überzeugt. Doch es kam ganz anders. Die Tschechen machten den Traum zunichte. Seitdem hadern die Polen mit ihrem Schicksal, suchen die Schuldigen und pflegen ihren Kater.
Fanmeile fast leer"Ehrlich gesagt hätte ich schon erwartet, dass die Polen jetzt uns Ukrainern die Stange halten", gesteht Olena Romaniuk (33) enttäuscht, als sie sich am Dienstagabend mit Freunden auf der Warschauer Fanmeile trifft.
Im Vergleich zu den vorherigen Wochen ist sie fast leer. Diesmal geht es für den zweiten EM-Gastgeber um den Einzug ins Viertelfinale. Doch Fähnchen, Zylinder oder Autowimpel in den blau-gelben Nationalfarben der Ukraine sucht die zierliche Juristin mit den langen blonden Haaren vergeblich. Nur die UEFA hat einen großen Stand mit Fan-Schals und -T-Shirts aufgeschlagen. Doch der Preis - fast 70 Euro für ein T-Shirt - schreckt die meisten Käufer ab.
Der Platz vor dem aus der Stalin-Zeit stammenden Kulturpalast wirkt sauber und aufgeräumt, aber eigentümlich verlassen. Noch am Samstag hatten hier über 160.000 Menschen ausgelassen gefeiert und das Spiel Polen gegen Tschechien an Großbildschirmen verfolgt. Jetzt sind nur ein paar Tausend Menschen gekommen, um das Spiel Ukraine gegen England und – an anderen Bildschirmen – Schweden gegen Frankreich zu sehen.Andere Themen bestimmen wieder AlltagOlena ist mit sechs ukrainischen Freunden gekommen. Polnische hatten keine Lust mitzukommen. "Ihr schafft es doch auch nicht", hatten diese abgewunken. "Was soll das noch? Für uns ist die Party vorbei." Auch Polens Zeitungen haben die EM auf die letzten Seiten verlagert. Vorne im Blatt spielt sich wieder Alltag ab: Streit auf dem G20-Gipfel in Mexiko, der Selbstmord eines früheren Geheimdienstchefs, der möglicherweise an Alzheimer litt, die Pleitewelle unter polnischen Baufirmen und natürlich die Wahlen in Griechenland.
Nach der 0:1-Niederlage der Ukraine bleiben Olena und ihre Freunde trotzdem gelassen. "Wir haben ganz klar besser gespielt. Jeder hat das gesehen", sagt Wolodymyr Kossak (28), der in Polen Wohnungen renoviert, obwohl er diplomierter Betriebswirt ist. "Wir hatten Pech. Das kommt vor. Egal. Lasst uns weiterfeiern!" Olena nickt: "Und am Freitag werden wir die Deutschen unterstützen. So viele waren noch nie da wie zurzeit. Obwohl die Politiker doch zum Boykott aufgerufen hatten." Die anderen stimmen zu. Die Kosmetikerin Natalia Semkiv (33) verspricht, am Freitag spezielle Farben mitzubringen: "Dann male ich Euch die ukrainische Flagge auf die eine Wange und die deutsche auf die andere."
Schuldige gesucht!Für die Polen hingegen scheint das Viertelfinale zwischen Deutschen und Griechenland weniger interessant zu sein. Sie konzentrieren sich auf die Suche nach dem Schuldigen für das Aus der polnischen Mannschaft.
Denn an den jungen Spielern, da sind sich fast alle einig, liege es nicht. Dass es dennoch nicht zu mehr Toren gereicht hat, kreiden viele Trainer Franciszek Smuda an sowie dem Präsidenten des Polnischen Fußballverbandes, Grzegorz Lato.Smuda macht ohnehin nicht weiter, sein Vertrag war auf die Zeit der EM beschränkt. Lato hingegen, der vor der EM angekündigt hatte, bei einem Ausscheiden der Mannschaft vor dem Viertelfinale sein Amt niederlegen zu wollen, sieht sich heute daran nicht gebunden. Er will bleiben, gegen jeden Widerstand.
20.06.2012
Fanmeile fast leer"Ehrlich gesagt hätte ich schon erwartet, dass die Polen jetzt uns Ukrainern die Stange halten", gesteht Olena Romaniuk (33) enttäuscht, als sie sich am Dienstagabend mit Freunden auf der Warschauer Fanmeile trifft.
ZITAT
„Ehrlich gesagt hätte ich schon erwartet, dass die Polen jetzt uns Ukrainern die Stange halten.”Olena, ukrainischer Fan
Der Platz vor dem aus der Stalin-Zeit stammenden Kulturpalast wirkt sauber und aufgeräumt, aber eigentümlich verlassen. Noch am Samstag hatten hier über 160.000 Menschen ausgelassen gefeiert und das Spiel Polen gegen Tschechien an Großbildschirmen verfolgt. Jetzt sind nur ein paar Tausend Menschen gekommen, um das Spiel Ukraine gegen England und – an anderen Bildschirmen – Schweden gegen Frankreich zu sehen.Andere Themen bestimmen wieder AlltagOlena ist mit sechs ukrainischen Freunden gekommen. Polnische hatten keine Lust mitzukommen. "Ihr schafft es doch auch nicht", hatten diese abgewunken. "Was soll das noch? Für uns ist die Party vorbei." Auch Polens Zeitungen haben die EM auf die letzten Seiten verlagert. Vorne im Blatt spielt sich wieder Alltag ab: Streit auf dem G20-Gipfel in Mexiko, der Selbstmord eines früheren Geheimdienstchefs, der möglicherweise an Alzheimer litt, die Pleitewelle unter polnischen Baufirmen und natürlich die Wahlen in Griechenland.
Nach der 0:1-Niederlage der Ukraine bleiben Olena und ihre Freunde trotzdem gelassen. "Wir haben ganz klar besser gespielt. Jeder hat das gesehen", sagt Wolodymyr Kossak (28), der in Polen Wohnungen renoviert, obwohl er diplomierter Betriebswirt ist. "Wir hatten Pech. Das kommt vor. Egal. Lasst uns weiterfeiern!" Olena nickt: "Und am Freitag werden wir die Deutschen unterstützen. So viele waren noch nie da wie zurzeit. Obwohl die Politiker doch zum Boykott aufgerufen hatten." Die anderen stimmen zu. Die Kosmetikerin Natalia Semkiv (33) verspricht, am Freitag spezielle Farben mitzubringen: "Dann male ich Euch die ukrainische Flagge auf die eine Wange und die deutsche auf die andere."
Schuldige gesucht!Für die Polen hingegen scheint das Viertelfinale zwischen Deutschen und Griechenland weniger interessant zu sein. Sie konzentrieren sich auf die Suche nach dem Schuldigen für das Aus der polnischen Mannschaft.
Hat bereits aufgehört: Franciszek Smuda
Quelle: dpa
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