Moderner Fünfkampf
Der lange Kampf der "Neo-Amazonen"
VideoLena Schöneborn
von Sandra HeckDer größte nationale Erfolg im Modernen Fünfkampf liegt derzeit in den Händen einer Frau. Dass Lena Schöneborn und ihre Kolleginnen gegeneinander überhaupt in Wettkämpfen antreten dürfen, war lange nicht selbstverständlich. Der Emanzipationskampf der Frauen begann schon 1912. Damals bat die erste Moderne Fünfkämpferin um Starterlaubnis – in der Männerwelt von damals noch undenkbar.Helen Preece und Lena Schöneborn trennen rund 100 Jahre - und dennoch verbindet sie die Liebe zur selben Sportart. Beide kann man als Vollblutsportlerinnen bezeichnen, doch die Goldmedaillengewinnerin von 2008 hat schlichtweg das Glück, in eine Zeit geboren worden zu sein, in der die Verbindung von Schießen, Fechten, Reiten, Schwimmen und Laufen nicht mehr ausschließlich als Offizierssache angesehen wird. Als die britische Athletin Helen Preece 1912 beim Organisationskomitee der Olympischen Spiele von Stockholm einen Antrag auf Teilnahmeerlaubnis stellte, kam dies dagegen einem Skandal gleich.IOC-Präsident Coubertin und die Frauen
1912, als der Moderne Fünfkampf in Stockholm erstmals als olympische Sportart ausgetragen wurde, befand der damalige IOC-Präsident Pierre de Coubertin, Frauen seien im Wettkampfsport fehl am Platz. Die Anfrage der 15-jährigen Britin Helen Preece, sich im Modernen Fünfkampf mit ihren männlichen Kontrahenten messen zu dürfen, traf nicht nur auf strikte Ablehnung, sondern auch auf Coubertins scharfen Zynismus: „Am anderen Tag kam eine Bewerbung an. Sie war von einer Neo-Amazone unterzeichnet, die forderte, im Modernen Fünfkampf anzutreten.“
Für Coubertin gab es folgerichtig nur eine Lösung, die er publikumswirksam in der Zeitschrift Revue Olympique veröffentlichte: „Dank des Fehlens einer festen Regelung wurde es dem Schwedischen Komitee frei überlassen zu entscheiden und es lehnte die Bewerbung ab.“ Diese Festlegung prägte den Charakter einer Sportart, die von Männern geschaffen, von Offizieren praktiziert wurde, und auch zukünftig ausschließlich männlichen Athleten vorbehalten bleiben sollte.Die Wende in Sydney 2000Während die Geschlechterbarrieren in den fünf Einzelsportarten des Modernen Fünfkampfs bereits mehr als 30 Jahre zuvor zu bröckeln begannen, dürfen die Frauen dieses Jahr in London erst zum vierten Mal überhaupt am olympischen Modernen Fünfkampf teilnehmen. Es ist wohl als Wink des Schicksals zu bezeichnen, dass 2000, genau 88 Jahre nach Helen Preeces Initiative, zwei ebenfalls aus Großbritannien stammende Athletinnen, Stephanie Cook und Kate Allenby, im Sydney Olympic Park auf dem Treppchen standen - und somit den weiblichen Fünfkämpferinnen späte Gerechtigkeit brachten.Vorbereitet wurde diese olympische Wende durch Bemühungen auf nationaler Ebene, die 1981 zur Veranstaltung der ersten Weltmeisterschaft für Frauen im Modernen Fünfkampf führten. Die deutsche Athletin Sabine Krapf sicherte sich hinter der Schwedin Anne Ahlgren den zweiten Platz. Hiltrud Reder, die das deutsche Team damals bei der WM in London betreute, erinnert sich, dass Krapfs Mutter sie vorher gebeten hatte, darauf zu achten, dass sich ihre Tochter „nicht zu sehr verausgabe“. Die Vorurteile auf Verbandsebene waren noch größer. So blieben Reder typisch einseitige Kommentare für ihre Schützlinge wie „Zuchtstuten mit breitem Becken“ nicht erspart.Gemeinsame EM 2012 in Sofia
Die erste Frauen-WM hatte also nicht automatisch zu einem Umdenken geführt, zumal sich die Männer im selben Jahr örtlich getrennt im rund 770 Kilometer entfernten Zielona Góra/Polen, zur eigenen internationalen Meisterschaft trafen. Die schwierigen Anfänge der Modernen Fünfkämpferinnen sind bei der aktuell stattfindenden EM in Bulgariens Hauptstadt Sofia jedoch längst vergessen. Für beide Geschlechter ist es der letzte Wettkampf vor den Olympischen Spielen in London.Lena Schöneborn und Annika Schleu, die sich für London qualifiziert haben, werden diesen letzten Praxistest nur noch aus der Ferne beobachten. Denn in wenigen Wochen geht es um mehr: um olympische Medaillen - und nicht zuletzt um Werbung für ihren Sport.
06.07.2012
1912, als der Moderne Fünfkampf in Stockholm erstmals als olympische Sportart ausgetragen wurde, befand der damalige IOC-Präsident Pierre de Coubertin, Frauen seien im Wettkampfsport fehl am Platz. Die Anfrage der 15-jährigen Britin Helen Preece, sich im Modernen Fünfkampf mit ihren männlichen Kontrahenten messen zu dürfen, traf nicht nur auf strikte Ablehnung, sondern auch auf Coubertins scharfen Zynismus: „Am anderen Tag kam eine Bewerbung an. Sie war von einer Neo-Amazone unterzeichnet, die forderte, im Modernen Fünfkampf anzutreten.“
Für Coubertin gab es folgerichtig nur eine Lösung, die er publikumswirksam in der Zeitschrift Revue Olympique veröffentlichte: „Dank des Fehlens einer festen Regelung wurde es dem Schwedischen Komitee frei überlassen zu entscheiden und es lehnte die Bewerbung ab.“ Diese Festlegung prägte den Charakter einer Sportart, die von Männern geschaffen, von Offizieren praktiziert wurde, und auch zukünftig ausschließlich männlichen Athleten vorbehalten bleiben sollte.Die Wende in Sydney 2000Während die Geschlechterbarrieren in den fünf Einzelsportarten des Modernen Fünfkampfs bereits mehr als 30 Jahre zuvor zu bröckeln begannen, dürfen die Frauen dieses Jahr in London erst zum vierten Mal überhaupt am olympischen Modernen Fünfkampf teilnehmen. Es ist wohl als Wink des Schicksals zu bezeichnen, dass 2000, genau 88 Jahre nach Helen Preeces Initiative, zwei ebenfalls aus Großbritannien stammende Athletinnen, Stephanie Cook und Kate Allenby, im Sydney Olympic Park auf dem Treppchen standen - und somit den weiblichen Fünfkämpferinnen späte Gerechtigkeit brachten.Vorbereitet wurde diese olympische Wende durch Bemühungen auf nationaler Ebene, die 1981 zur Veranstaltung der ersten Weltmeisterschaft für Frauen im Modernen Fünfkampf führten. Die deutsche Athletin Sabine Krapf sicherte sich hinter der Schwedin Anne Ahlgren den zweiten Platz. Hiltrud Reder, die das deutsche Team damals bei der WM in London betreute, erinnert sich, dass Krapfs Mutter sie vorher gebeten hatte, darauf zu achten, dass sich ihre Tochter „nicht zu sehr verausgabe“. Die Vorurteile auf Verbandsebene waren noch größer. So blieben Reder typisch einseitige Kommentare für ihre Schützlinge wie „Zuchtstuten mit breitem Becken“ nicht erspart.Gemeinsame EM 2012 in Sofia
Die erste Frauen-WM hatte also nicht automatisch zu einem Umdenken geführt, zumal sich die Männer im selben Jahr örtlich getrennt im rund 770 Kilometer entfernten Zielona Góra/Polen, zur eigenen internationalen Meisterschaft trafen. Die schwierigen Anfänge der Modernen Fünfkämpferinnen sind bei der aktuell stattfindenden EM in Bulgariens Hauptstadt Sofia jedoch längst vergessen. Für beide Geschlechter ist es der letzte Wettkampf vor den Olympischen Spielen in London.Lena Schöneborn und Annika Schleu, die sich für London qualifiziert haben, werden diesen letzten Praxistest nur noch aus der Ferne beobachten. Denn in wenigen Wochen geht es um mehr: um olympische Medaillen - und nicht zuletzt um Werbung für ihren Sport.



