von Erik EggersSieben Leichtathleten und vier Reiter waren bisher deutsche Fahnenträger bei den Eröffnungsfeiern der Olympischen Spiele. Sie beschreiben damit auch den Stellenwert ihrer Sportart. Favorit für London ist indes der Pistolenschütze Ralf Schumann.Es waren tiefe Eindrücke, die Karl Halt am 6. Juli 1912 in Stockholm im Tagebuch notierte. „Der Einmarsch […] in die festliche Arena wird mir unvergesslich bleiben. Ich trage die Fahne der deutschen Nation und bin glücklich, zum ersten Mal für mein Vaterland kämpfen zu dürfen“, schrieb der Mehrkämpfer, nachdem er die deutsche Olympia-Delegation an König Gustav V. vorbeigeführt hatte. Für das spätere IOC-Mitglied Halt waren diese Erlebnisse enorm prägend; lag doch 1964 auf seinem Sarg eine olympische Fahne.
Viel nationaler PathosWarum Halt 1912 auserkoren wurde, erklärte der deutsche Delegationschef Carl Diem mit nationalem Pathos: „Die Fahne trug uns der Würdigste, der Stärkste und Vielseitigste der deutschen Mannschaft voran, unser Meister im Zehnkampf und Vertreter in dieser wertvollsten aller Prüfungen.“ Dieses Auswahlkriterium war neu.
Den ersten Einmarsch der Nationen bei Olympischen Spielen hatte es 1906 in Athen gegeben, bei den sogenannten „Zwischenspielen“. Erster Fahnenträger war hier Georg Hax, der die Turnriege führte, aber eigentlich aus dem Schwimmen kam. Er hatte bei den Spielen 1900 in Paris das Tor der deutschen Wasserballmannschaft gehütet. Er trug die Fahne, weil er mit 35 Jahren und 116 Tagen der älteste deutsche Teilnehmer in Athen war. Aus dem gleichen Grund trug auch der Turner Wilhelm Kaufmann (Speyer) 1908 in London die schwarz-weiß-rote Farben des Kaiserreichs.
Leichtathletik besonders im FokusBis auf eine Ausnahme, den Ringer Georg Gehring 1932 in Los Angeles, waren es dann bis 1956 ausnahmslos Leichtathleten, welche die deutschen Fahnen bei Eröffnungsfeiern trugen; diese Auswahl spiegelt die herausragende Bedeutung dieser Sportart in dieser frühen olympischen Epoche. Als die DDR ab 1968 eigene Mannschaften entsandte, setzten die Funktionäre diese Tradition mit drei weiteren Leichtathleten fort. Der letzte Leichtathlet war der Kugelstoßer Ulf Timmermann 1988 in Seoul.
Zwischen 1960 und 2004 führten mit Fritz Thiedemann, Hans-Günther Winkler, Reiner Klimke und Ludger Beerbaum vier Reiter deutsche Mannschaften an. Dies ist ein Beleg für den großen Stellenwert auch dieser Sportart – und die vielen Medaillen, die in der Dressur und im Springreiten für Deutschland gewonnen wurden.
Krämer-Gulbin erste FrauDie erste Frau, die das deutsche Team repräsentierte, war 1964 die Wasserspringerin Ingrid Krämer-Gulbin. Auch sie kam aus der DDR, die damals erstmals den größeren Teil der gesamtdeutschen Mannschaft stellte. In den politischen Auseinandersetzungen zwischen Ost und West war die Besetzung des Fahnenträgers nicht fest vereinbart. „Es findet sich in den Protokollen kein Abkommen darüber, wie die Fahnenträger der Eröffnungs- und Schlussfeier besetzt werden sollten“, erklärt der Olympiahistoriker Volker Kluge.
Die DDR-Mannschaft wählte 1980 in Moskau mit der Handballerin Kristina Richter, dreifache Weltmeisterin, auch die erste Mannschaftssportlerin aus. Bisher folgte ihr 2008 in Peking mit dem Basketballstar Dirk Nowitzki nur noch ein weiterer Mannschaftssportler nach.
Nowitzki war eine AusnahmeAuch das war eine Zäsur, weil es die erste Olympiateilnahme Nowitzkis war und kein verdienter olympischer Athlet mit der Fahne geehrt wurde. Aus diesem Grund übte die Kanutin Birgit Fischer, Fahnenträgerin 2000 in Sydney, daran große Kritik. Sie hätte es lieber gesehen, wenn etwa der Schütze Ralf Schumann mit dieser Aufgabe betraut worden wäre. Schumann zählt auch diesmal zu den Favoriten, denn er ist mit der siebten Olympiateilnahme der deutsche Rekordhalter.