Fußball - Sicherheitsgipfel
Fans dürfen weiterhin im Stehen jubeln
Stimmung wie im Lesesaal
von Ralf LorenzenEs gab Zeiten, da verspotteten die Fans des FC Liverpool oder Manchester United die Stimmung beim Liga-Konkurrenten FC Arsenal. "Highbury – Library", sangen sie. Inzwischen ist ihnen der Spott vergangen. Seit Anfang der 90er Jahre haben sich alle englischen Stadien stimmungsmäßig in Lesesäle verwandelt. Aus den Geburtsstädten der europäischen Fankultur sind "Allseaters" geworden, klinisch sauber, mit Ticketpreisen, die sich viele nicht mehr leisten können.Wendepunkt HillsboroughDen Wendepunkt markierte die Hillsborough-Katastrophe 1989, bei der in Sheffield beim FA-Cup-Spiel zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest auf den Stehrängen 98 Fans starben. Umgehend wurden in englischen Stadien Stehplätze verboten. Die Verbände FIFA und UEFA zogen 1998 nach – seitdem gibt es bei internationalen Begegnungen nur noch Sitzplätze.„Stehplätze sind Symbole für soziale Freiräume“, sagt der Fansoziologe Gerd Dembowski im Gespräch mit ZDFsport.de. „Jugendkulturen sind bewegungsorientiert, kostengünstige Stehplätze gehören fest zur Stimmungsbildung. Auch für ältere Fans bedeutet Fußball im Stadion Dampf ablassen und Kräfte sammeln für den Alltag – Stehplätze können das Gefühl dazu symbolisch unterstützen.“"Sitzen ist für'n Arsch"Auch in Deutschland befürchteten nach der Hillsborough-Katastrophe viele Fans, dass die Vereine ihnen aus kommerziellen und sicherheitsorientierten Gesichtspunkten die Freiräume nehmen würden. Schließlich standen in etlichen Bundesligastädten Modernisierungen oder Neubauten an. So wie in Bremen, wo die Fans zwei Herzen in ihrer Brust hatten.Einerseits versprach ihnen die Modernisierung des Weserstadions endlich ein Dach über den Köpfen, andererseits hatten sie Angst um ihre Stehplätze. Sie gründeten das Projekt "Sitzen ist für’n Arsch" und bauten selbst Modelle für eine Kurve, die ihre Vorstellungen von Fankultur erfüllten. Mit Erfolg, wie das Bündnis aktiver Fußball-Fans (BAFF) 2004 feststellte.Fans loben Vereine„In jüngerer Vergangenheit haben z.B. der FC Schalke 04 und Werder Bremen die Interessen der Fans in die Realisierung der Neu- bzw. Umbaupläne mit einfließen lassen und annehmbare Stehplatzkapazitäten geschaffen“, heißt es in dem Bericht. „Diese Beispiele zeigen, dass beide Seiten, Fans wie Vorstand, zusammen konstruktive Kompromisslösungen erarbeiten können.“Den UEFA-Bestimmungen wurde in den meisten Stadien durch den Einbau von Vario-Sitzen bei internationalen Begegnungen Rechnung getragen. Heute zählen die deutschen Stadien nicht nur zu den sichersten in der Welt. Sie werden auch von englischen Fußball-Fans, die wieder stehen wollen, als leuchtendes Vorbild gesehen.Neue Diskussion nach PlatzsturmDoch seit den Vorfällen beim Relegationsspiel zwischen Fortuna Düsseldorf und Hertha BSC, als Fans den Platz stürmten, werden die Stehplätze hierzulande wieder in Frage gestellt. „Die Stehplätze gehören abgeschafft, die Zäune erhöht, und bei jeder Ausschreitung sollten für den Verein 100.000 Euro fällig werden“, machte Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, den Anfang.Und ließ dabei außer Acht, dass die Zäune in den Bundesliga-Stadien als vernünftige Konsequenz der Hillsborough-Katastrophe, wo sie sich als Todesfallen erwiesen hatten, gestutzt worden sind. Kurz darauf griff Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich den Ball mit der Bemerkung auf, wenn die Fans nicht vernünftig würden, bleibe nichts anderes übrig als das Thema Stehplatzverbot auch umzusetzen.Gegenwind von Rauball und Fans„Stehplätze in Deutschland sind sicher und modern“, hält Gerd Dembowski, der bei der Kompetenzgruppe Fankulturen und sportbezogene Soziale Arbeit in Hannover arbeitet, dagegen. „Nach meinen Erkenntnissen ist ein Stehplatzareal im Panikfalle viel schneller und problemloser zu räumen. Sitzschalen werden z.B. zu Stolperfallen. Und sie würden kaum jemand von einem Platzsturm abhalten.“ Laut Dembowski geht es bei Sitzplätzen vor allem um eine bessere Kamerasicht, mit der Fans eingeschüchtert und besser ausfindig gemacht werden sollten. „Aber auch auf so etwas könnten Fans erfinderisch reagieren."Inzwischen hat Innenminister Friedrich Gegenwind aus allen Bereichen des Fußballs, vom Liga-Präidenten Rauball bis zur Koordinationsstelle der Fanprojekte bekommen und ruderte selbst vorsichtig zurückrudert. „Stehplätze stehen derzeit nicht zur Disposition", erklärte er.DFL-Vollversammlung am 12. Dezember
Anlass der Veranstaltung
Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) traf sich am 12. Dezember in Frankfurt mit den Vertretern der 36 Profiklubs auf der Mitgliederversammlung, um über das umstrittene Papier «Sicheres Stadionerlebnis» abzustimmen. Die Innenminister der Länder hatten den Klubs mit einschneidenden Maßnahmen gedroht und von den Vereinen einheitliche Regelungen zur Bekämpfung der Gewalt gefordert.
Normalerweise reicht eine einfache Mehrheit, eine Zwei-Drittel-Mehrheit ist notwendig, wenn bei einem Antrag die Lizenzspielordnung geändert wird.
Die 16 Anträge in Kurzform zusammengefasst:
Antrag 1: Die Veranstaltungsleiter von Bundesliga-Spielen bekommen eine genaue Funktionsbeschreibung.
Antrag 2: Ein verbindlicher Dialog zwischen Fans und Klubs wird verankert.
Anträge 3 und 4: Die Polizei bekommt mehr Kompetenzen.
Antrag 5: Der Ordnungsdienst des Gastvereins wird im Stadion des Heimvereins mit einbezogen.
Antrag 6: Aufgaben der Sicherheitsbeauftragten werden genau festgelegt.
Antrag 7: Verbindliche Teilnahme des Veranstaltungsleiters an Sicherheitsbesprechungen bei Risikospielen.
Antrag 8: Kontrollen an Stadioneingängen werden verschärft.
Antrag 9: Ordnungsdienstkräfte werden geschult.
Antrag 10: Aufgaben des Fanbeauftragten am Spieltag werden festgelegt.
Antrag 11: Festlegungen für Risikospiele und Spiele unter Beobachtung.
Antrag 12: Ein Zertifizierungsverfahren ("Stadionerlebnis") wird entwickelt.
Antrag 13: Eine ständige Kommission Stadionerlebnis wird eingerichtet.
Antrag 14: Festgelegt wird, wann das Ticketkontingent für Auswärtsfans reduziert werden darf.
Antrag 15: Weiterentwicklung der DFB-Sportgerichtsbarkeit (Anträge sollen erst zum DFB-Bundestag im Oktober 2013 erarbeitet werden).
Antrag 16: Erlöse aus der Vermarktung (Fernsehgelder) werden zweckgebunden an die Vereine ausbezahlt, wenn diese wiederholt Sicherheitsmaßnahmen nicht erfüllen.
Eckpunkte des Papiers
- Null-Toleranz beim Verbot von Pyrotechnik
- Erhöhung der Ausgaben für Fan-Betreuung
- Konsequente Durchsetzung von Stadionverboten
- Mehr Video-Kameras in den Gäste-Stehplatzbereichen
- Personalisierte Eintrittskarten
- Durchsetzung von zivilrechtlichen Ansprüchen gegen die Verursacher
Strittige Punkte
Umstrittene Punkte im Konzept «Sicheres Stadion» sind vor allem die Anträge 8, 11 und 14. Bei Spielen mit erhöhtem Risiko, so die DFL, ist die Durchführung von verstärkten Personenkontrollen zu erwägen. Zuvor heißt es, dass Ligaverband und Deutscher Fußball-Bund (DFB) zu keinem Zeitpunkt «statuarische Vorgaben für die Durchführung sogenannter Vollkontrollen» vorgeschlagen haben. Die Entscheidung, in welchem Umfang Fans an den Stadioneingängen durchsucht haben, obliege wie bisher dem Heimverein. Für die Fanvertreter ist damit klar, dass Vollkontrollen nicht kategorisch ausgeschlossen sind. Zumal in dem Antrag steht, dass Kontrolleinrichtungen so beschaffen sein müssen, dass Kontrollen sicher, zügig und angemessen durchgeführt werden können. Da fürchten Kritiker, dass diese öfter in Zelten stattfinden wie kürzlich beim Bundesliga-Spiel FC Bayern - Eintracht Frankfurt.
Zudem geht es um die mögliche Reduzierung des Ticket-Gästekontingents. Normalerweise stehen den Auswärtsfans wie bisher zehn Prozent der Karten zu. Künftig sollen diese um die Hälfte reduziert werden können, wenn das DFB-Sportgericht nach Zwischenfällen ein entsprechendes Urteil fällt - oder bei «einer anderslautenden Festlegung des Heimvereins bei Spielen mit erhöhtem Risiko». Für Gegner des Sicherheitskonzepts ist diese eine Kollektivstrafe, zudem sehen sie sich dem Wohlwollen des Heimclubs ausgeliefert.



