Rollstuhlbasketball
Acht Hessen und ein Wunderkind
VideoInterview Zeltinger
von Jan Kampmann Die deutsche Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft steckt im Umbruch – und war trotzdem nie eingeschworener. Der Mythos der Turniermannschaft Deutschland zieht sich beinahe durch alle populären Mannschaftssportarten - und soll bei den Paralympics für überraschende Erfolge sorgen. Nicolai Zeltinger ist in Personalunion Bundestrainer sowie Headcoach des RSV Lahn-Dill. Das ist der erfolgreichste Rollstuhlbasketball-Vereins Deutschlands und amtierende Champions-League-Gewinner. Und ihm gelang es, die Qualität des RSV auch bei der Europameisterschaft 2011 aus einer Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft herauszukitzeln, die sich aktuell immer noch im Umbruch befindet. Seine neuformierte Auswahl düpierte eine Reihe von Favoriten und musste sich erst im Finale der individuellen Klasse Großbritanniens geschlagen geben.Auftaktsieg gegen Großbritannien
Wie als wären die Paralympics in London vom 29. August bis 9. September die Fortsetzung des Sommermärchens von Nazareth, bekamen Zeltingers zwölf Auserwählte gleich im Auftaktspiel die Gelegenheit, sich bei Gastgeber Großbritannien zu revanchieren. „Die Briten stehen unter immensem Druck, das ist das denkbar beste Los“, reibt sich der 40-jährige Übungsleiter vor dem Spiel die Hände.Denn der individuellen Qualität von Teams wie Großbritannien kann Zeltinger seinen „RSV-Block“ entgegensetzen: gleich fünf Nationalspieler hat der Cheftrainer auch auf Klubebene beim RSV Lahn-Dill aus Wetzlar unter seinen Fittichen. Weitere drei gehen für die ebenfalls in Mittelhessen residierenden Mainhatten Skywheelers aus Frankfurt auf Korbjagd. Am Ende gewinnt das deutsche Team in einem spannenden Spiel mit 77:72 in der Verlängerung. Zuvor hatten den Briten nach einer 66:64 Führung von Deutschland in letzter Sekunde noch ausgleichen können. Die Revanche ist gelungen.Starkes RSV-QuintettAngeführt wird das RSV-Quintett vom 44-jährigen Alterspräsident Dirk Köhler, der mit über zwei Metern längster und laut Zeltinger gleichzeitig „der athletischste und schnellste“ Akteur im deutschen Kader ist. Am anderen Ende der Alterskette findet sich RSV-Spielmacher Thomas Böhme wieder, Jahrgang 1991. Der Lehramtsstudent könnte zwar Köhlers Sohn sein, befindet sich auf dem Parkett jedoch auf bestem Weg vom Nesthäkchen zum Leitwolf.Ähnlich große Hoffnungen, was Deutschlands Rollstuhlbasketball-Zukunft betrifft, lasten auf den breiten Schultern von Flügelspieler Jan Haller. Mit einer Armspannweite von knappen zwei Metern trägt der 23-Jährige den Adler mehr als berechtigt auf der Brust und steht wie Böhme auf der Schwelle zum internationalen Establishment. Nach einer Last-Minute-Ausbootung vor der Heim-EM in Wetzlar 2007 hat es Thomas Gundert als vierter RSV-Akteur nun endlich geschafft und brennt darauf, es dieses Jahr seinen Kritikern zu zeigen. Komplettiert wird der RSV-Fünfer durch Björn Lohmann, der zugleich seit über sieben Jahren das Trikot der Nationalmannschaft trägt.Der kompletteste Rolli der WeltEndgültig fällig wird ein Fanbanner mit dem Schritzug „Erbarmen – die Hessen kommen!“ durch die Nominierung von Center und Teamkapitän Sebastian Wolk sowie dem Duo auf der Position des Power-Forward, Andreas Kreß und Sebastian Magenheim, die allesamt in den Diensten von RSV-Lokalrivalen Mainhatten Skywheelers Frankfurt stehen. Die wohl wichtigste Personalie im deutschen Kader kommt jedoch aus Trier: Dirk Passiwan, den der Bundestrainer als „derzeit komplettesten Rolli der Welt“ adelt, teilt nicht nur den Vornamen mit „The German Wunderkind“ Dirk Nowitzki. Der 89-fache Nationalspieler findet man in jeder Punktestatistik ganz oben – egal ob in der Liga, Europa- und Weltmeisterschaften oder den Paralympics.Schlagen kann sich der 35-Jährige nur selbst und tragischerweise ist sein größter Gegner in der Tat das eigene Immunsystem: Aufgrund von Knochen-Durchblutungsstörungen schwebte sein personelles Fragezeichen lange wie ein Damoklesschwert über der DRS-Auswahl. Doch vor einigen Wochen gaben die Ärzte mit ihrem Einverständnis die Bahn für Passiwan frei."Wir können die Großen dieser Welt schlagen"Die beste Platzierung gelang der Rollstuhlbasketball-Nationalmannschaft bisher 1992 in Barcelona, da holte man Silber – das Zeltinger bereits bei seiner ersten EM quasi als Einstandsgeschenk mit nach Hause brachte. „Es gibt Tage, da können wir die Großen dieser Welt schlagen und wenn wir in London genug davon haben, kann es sein, dass wir sehr weit kommen“, lässt sich der gebürtige Mittelhesse für London zwar nicht in die Karten blicken – würde aber sicherlich der Saga um die Turniermannschaft Deutschland gerne ein weiteres Kapitel hinzufügen.
ZITAT
„Die Briten stehen unter immensem Druck, das ist das denkbar beste Los”Bundestrainer Nicolai Zeltinger
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Dirk Köhler im Interview
Spielplan der Rollstuhlbasketball-Herren
(Alle Zeiten sind Ortszeiten)
Do., 30.8. (19:00 Uhr): Großbritannien – Deutschland 72:77 i.V. (66:66)
Fr., 31.8. (10:45 Uhr): Kolumbien – Deutschland
Sa., 1.9. (15:15 Uhr): Japan – Deutschland
So., 2.9. (15:15 Uhr): Kanada – Deutschland
Mo., 3.9. (20:45 Uhr): Polen – Deutschland
Mi., 5.9.: Viertelfinale
Do., 6.9.: Halbfinale
Sa., 8.9.: Finale
31.08.2012



