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London 2012

Superhumans: Übermenschen erobern England

  • Meet the Superhumans
  • Video 3.Wettkampftag: Die Show der Schnellsten
  • Meet the Superhumans
    Marketing Poster - Meet the Superhumans / Quelle: ZDF
    (01.09.2012 Quelle: ZDF)
    Video3.Wettkampftag: Die Show der Schnellsten

    Über die 200-m-Sprintdistanz ist am 3. Wettkampftag Weltrekord-Zeit: Erst knackt der Brite Whitehead, dann der Südafrikaner Pistorius eine Bestmarke. Auch für die Deutschen war der Tag erfolgreich.

    (01.09.2012)
    von Jan Kampmann, London

    Schlägt man in England dieser Tage die Zeitung auf, zappt durch TV-Programme oder fährt schlichtweg an einem überdimensionalen Werbeplakat vorbei - überall blicken sie einem entgegen: die "Superhumans". Bevölkert haben die Übermenschen die Insel schon lange bevor die olympischen Superstars um Usain Bolt und Co., denen man sonst übernatürliche Fähigkeiten beigemessen hatte, überhaupt in die Startblöcke gegangen waren.

    Am 19. Juli flimmerte im Königreich ein Werbetrailer über die Bildschirme, der das Heimspiel Paralympics mit derartigem Gänsehaut-Faktor in das Bewusstsein der Menschen transportierte, wie es wohl keine Festrede über Leidenschaft und Leistungsstärke paralympischer Athleten je hätte leisten können. Bilder sagen mehr als Worte - die "Superhumans" sind der (über-)lebende Beweis. Hatten sie bisher mit derselben Passion geduldsam ein Nischendasein gefristet, rollte ihnen der öffentlich-rechtliche, aber kommerziell finanzierte Hybridsender TV-Kanal Channel 4 den roten Teppich aus.

    Vom Invaliden zum Übermensch

    Zu harten Hip-Hop-Beats deuten schnelle Schnitte schemenhaft an, dass man es mit hart trainierenden, schwitzenden Elite-Athleten zu tun hat. Elite-Athleten, denen ein Unterarm fehlt, die im Rollstuhl über die Tartanbahn jagen, die zwar nicht viel mehr als einen Meter messen, aber gigantische Schatten vor sich hertreiben. Statt ihre körperlichen Besonderheiten zu verstecken, halten die Kameras drauf - schonungslos. Technisch brilliante 40 Sekunden, atemberaubend bebildert, die dem Konsumenten Schauer der Faszination über den Rücken jagen.

    Die eigentliche Bombe platzt jedoch erst jetzt, die Geschichte, welche die "Superhumans" zu eben solchen gemacht hat: ohne Atempause sieht man eine Bombenexplosion in Afghanistan, eine Hochschwangere, der die Behinderung ihres Babys bestätigt wird, ein Auto, dass über die Leitplanken schießt und als zertrümmertes Wrack landet. Der Zuschauer ringt nach Atem. Die Athleten auf dem Bildschirm nicht - sie schwingen sich aufs Laufband, zählen Klimmzüge und springen vom Startblock ins Wasser. Die ersten Buchstaben erscheinen und fordern den mentalen Reboot, um den Horizont zu erweitern: vergiss alles, was du bis jetzt über Stärke wusstest - es ist Zeit, in die Schlacht zu ziehen.

    Mut zum Risiko zahlt sich aus

    Channel 4, der sich die Rechte für die bislang medial marginalisierten Paralympics einiges haben kosten lassen, haben die Schlacht jetzt schon gewonnen. Die Druckwellen der Bombe, welchen Athleten wie der britischen Sitzvolleyballerin Martine Wright wahrhaft den Boden unter den Füßen weggerissen haben, ließen die ganze Insel vibrieren. Freuten sich vorher Befragungen zufolge lediglich eine Insider-Minderheit von 15 Prozent auf die Paralympics, liefen die Social-Media-Kanäle schon Sekunden nach der "Superhumans"-Weltpremiere heiß. "Wir sind noch nie so cool porträtiert worden", finden auch die paralympischen Gesichter der Kampagne, zitiert Alison Walsh, bei Channel 4 federführend in punkto Behinderung, gegenüber ZDFsport.de.

    Der hauchdünne Drahtseilakt, Sportler mit Behinderungen als gewöhnliche Menschen mit außergewöhnlicher Lebensgeschichte zu präsentieren, scheint gemeistert: "Bei uns ist bislang nicht eine einzige Beschwerde eingegangen", sagt Walsh. Von Anfang an hat der Sender Behindertenrechtsorganisationen und Paralympics-erfahrene Journalisten eingebunden und die Hälfte der Moderatorencrew mit jungen Talenten bestückt, die allesamt eine sichtbare Behinderung haben. Teilweise haben die neuen TV-Gesichter selbst schon paralympische Medaillen gesammelt . Sie sind genauso wohlartikuliert und charismatisch wie alle anderen Moderatoren, allen voran aber authentisch.

    Entgegen aller Political Correctness

    Man wolle nicht politisch korrekt sein, sondern der Wahrnehmung Behinderter in der Gesellschaft einen Facelift verpassen, kündigte der TV-Sender gegenüber dem "Guardian" an. Das Internationale Paralympische Kommittee veröffentlichte vor den Spielen einen Leitfaden , wie Journalisten über die Paralympics berichten sollten: als absolute Unworte wurden die Bezeichnungen "übermenschlich" (superhuman) und "außergewöhnlich" (extraordinary) festgelegt.

    Links
    Meet the SuperhumansDas ZDF ist für Inhalte externer Internetseiten nicht verantwortlich
    Doch die beiden größten Werbeträger der Paralympics, Channel 4 sowie die Supermarkt-Kette "Sainsbury's", hielten sich nicht daran. So führte Channel 4 die "Superhumans" aufs Feld, und der paralympische Botschafter David Beckham lächelte für Sainsbury's den Slogan "welcome to the extraordinary" - Willkommen im Reich des Außergewöhnlichen - in die Kameras. Das pulverisiert die vorgeschlagene Richtlinie, brachte allerdings auch den erhofften Erfolg.

    Die Jugend gibt die Linie vor

    Walsh weiß, dass Channel 4 "besonders bei den 14-bis 29-Jährigen einen enormen Einfluss hat". Eine Kundschaft, deren Denkmuster noch nicht festgefahren sind - ein enormer Vorteil, um Vorurteile umzukehren oder bei visuellem Erstkontakt mit Behinderungen ein positives Bild zu zeichnen. "Oft sind es die Eltern, die Angst vor Behinderungen haben, nicht ihre Kinder", so Walsh.

    Denn was junge Menschen regelmäßig sehen, ist Normalität für sie - sind es Menschen mit Behinderungen, gehören diese zum Alltag. Und der Alltag bei den Paralympics belegt dies: Ausverkaufte Stadien, volle Zuschauerränge und eindrucksvolle Stimmung sprechen eine klare Sprache.

    02.09.2012
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