Leichtathletik
"Ohne Tobi geh ich nur auf die Toilette"
von Jan KampmannMatthias Schröder ist blind - aber das hindert ihn nicht daran, mit anderen um die Wette zu laufen. Und das kann er so gut, dass er auch schon mal seinem Begleitläufer davonläuft. In London soll es nun über 200 Meter endlich für beide einen Platz auf dem Podest geben.Leichtathletik-EM für Blinde in Rhodos, 2009: Matthias Schröder überschreitet in medaillenwürdiger Zeit die Ziellinie. Davongelaufen ist er nicht nur der Konkurrenz, sondern auch seinem Begleitläufer Eric Franke – und wird trotz seiner außergewöhnlichen Leistung disqualifiziert: Er hatte Franke mehr als einen Meter abgehängt. 2011 schafft es sein neuer Begleitläufer Tobias Schneider zwar Schritt zu halten, doch aufs Podium kommt allein Blindensportler Schröder. Sein „Navigator und Motivator“, wie der gebürtige Berliner Schneider bezeichnet, darf ihn zwar aufs Treppchen bringen - muss bei den eigentlichen Festlichkeiten aber in sicherem Abstand Spalier stehen.Ende der DiskriminierungBei den diesjährigen Paralympics soll nun endlich beides klappen - aus London will auch Sportmanagement-Student Schneider Edelmetall mit nach Hause bringen.
Im Rahmen der Prämienerhöhung bekommen jetzt nicht nur wie bisher beim Bahnrad die Tandem-Piloten eine Medaille, sondern auch die Begleitläufer der Leichtathleten und die sehenden Torhüter beim Blindenfußball. Dies bestätigte Karl Quade, der Chef de Mission des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), gegenüber zdfsport.de. Das macht die „Guides“ wiederum zu vollen Athleten – auch an der Pinkelpause am Doping-Becher kommen diese nun nicht mehr vorbei.
„Das war ja vorher Diskriminierung von Nichtbehinderten“ , sagt Matthias Schröder und betont im nächsten Halbsatz: „Tobias muss mindestens genauso hart trainieren wie ich.“ In Peking 2008 und Athen 2004 hatte sich Schröder bereits mit Bronze, Silber und zuletzt Gold dekoriert, ganz ohne helfende Hand. Doch dann wurde es düsterer um seine Netzhaut, die aufgrund einer Eiweiß-Unterproduktion im Körper seit seinem sechsten Lebensjahr nicht mehr funktionsfähig ist. Doch Schröder hat sich an den Laufpartner gewöhnt – er will es jetzt schon nicht mehr missen: „Ich kann den Kopf ausschalten und laufen, das ist viel schöner, als wenn man nur alleine rumrennt.“Gute NeuigkeitenDie Neuigkeit, dass künftig auch die Begleitläufer belohnt werden, ging zwar durch die britische Presse, war aber vor dem Interview mit zdfsport.de noch gar nicht bis zum Läuferpaar durchgesickert. „Wäre schon nicht schlecht“, sagt Schneider staubtrocken. Und macht deutlich, dass er der Ruhepol ist, der den eher nervösen und redseligeren Schröder – der vor dem Wettkampf immer den „Extra-Rappel“ bekommt – runterkühlt.Dann quatscht das Duo über völlig alltägliche Dinge – oder Schneider scannt die Attraktivität der Kampfrichterinnen für seinen sehbehinderten Laufpartner. Dass der
Berliner Industriekaufmann seine kongeniale bessere Hälfte überhaupt gefunden hat, ist übrigens ein großer Glücksfall: Schrittrhythmus, Armlänge, Körpergröße, die Motivation überhaupt mit Behinderten zu laufen und die 400 Meter ganze zwei Sekunden schneller als der Blindensportler – der 27-jährige Guide war der perfekte Trumpf, entdeckt von Schröders Trainer, der sofort das erste „Blind Date“ für seinen Schützling arrangierte. Und dann ging es Schlag auf Schlag: Nur zwei Wochen später wurde Schneider auf den Deutschen Meisterschaften ins kalte Wasser geworfen – und zahlte das Vertrauen mit Gold zurück.Zwei, die sich gefunden habenWährend er bei den nichtbehinderten Leichtathleten niemals international angetreten wäre und seine Karriere bereits beenden wollte, hatte der frischgebackene Begleitläufer nun Blut geleckt. Am Anfang noch von Berührungsängsten gebremst, schwärmt er von einem „Bruder-Gefühl“ und ist schon so auf Begleiter getrimmt, dass er sogar Familie und Freunde oftmals versehentlich durch die Gegend lotst.Schneider zog für die Hoffnung auf Gold in London von Potsdam nach Berlin, trainiert sechs Tage die Woche mit seinem „siamesischen Zwilling“ und besten Freund und will kaum mehr alleine laufen: „Das Mehr an Verantwortung bringt mir unheimlichen Nervenkitzel“, freut sich der passionierte Sprinter.Schneider, die SpaßbremseNervenkitzel, den zwar beide teilen, den Schneider beim zwei Jahre älteren Schröder vor den Rennen aber auch dieses Jahr wieder drosseln musste. „Wir müssen volle Banane geben, schon die ersten Rennen werden Endspiele“, hatte Schröder gesagt: „Ich war vor lauter Aufregung heute schon zehn Mal auf der Toilette.“ Traut er sich denn wenigstens da alleine hin? „Ja, das ist wahrscheinlich der einzige Ort, den ich ohne Tobi besuche.“
03.09.2012
ZITAT
„Das war ja vorher Diskriminierung von Nichtbehinderten.”Matthias Schröder
„Das war ja vorher Diskriminierung von Nichtbehinderten“ , sagt Matthias Schröder und betont im nächsten Halbsatz: „Tobias muss mindestens genauso hart trainieren wie ich.“ In Peking 2008 und Athen 2004 hatte sich Schröder bereits mit Bronze, Silber und zuletzt Gold dekoriert, ganz ohne helfende Hand. Doch dann wurde es düsterer um seine Netzhaut, die aufgrund einer Eiweiß-Unterproduktion im Körper seit seinem sechsten Lebensjahr nicht mehr funktionsfähig ist. Doch Schröder hat sich an den Laufpartner gewöhnt – er will es jetzt schon nicht mehr missen: „Ich kann den Kopf ausschalten und laufen, das ist viel schöner, als wenn man nur alleine rumrennt.“Gute NeuigkeitenDie Neuigkeit, dass künftig auch die Begleitläufer belohnt werden, ging zwar durch die britische Presse, war aber vor dem Interview mit zdfsport.de noch gar nicht bis zum Läuferpaar durchgesickert. „Wäre schon nicht schlecht“, sagt Schneider staubtrocken. Und macht deutlich, dass er der Ruhepol ist, der den eher nervösen und redseligeren Schröder – der vor dem Wettkampf immer den „Extra-Rappel“ bekommt – runterkühlt.Dann quatscht das Duo über völlig alltägliche Dinge – oder Schneider scannt die Attraktivität der Kampfrichterinnen für seinen sehbehinderten Laufpartner. Dass der
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„Das Mehr an Verantwortung bringt mir unheimlichen Nervenkitzel.”Tobias Schneider




