München '72 - das Attentat vor 40 Jahren
"Was der Krisenstab gemacht hat, war Pfusch"
Avraham Melamed
VideoMünchen '72 - die Dokumentation
Avraham Melamed hat 1972 das Attentat palästinensischer Terroristen auf die israelische Olympiamannschaft während der Sommerspiele in München überlebt, bei denen er als Schwimmtrainer vor Ort war. Die Ereignisse von damals haben heute noch Einfluss auf sein Leben. zdfsport.de: Avraham Melamed, welcher Gedanke kommt Ihnen als erstes, wenn Sie an das Attentat von München zurückdenken?Avraham Melamed: Die Dreistigkeit einer Gruppe von Leuten, die sich, rücksichtslos und ohne dabei an die Konsequenzen zu denken, für irgendetwas rächt und anderen Schmerzen zufügt, um ihre politische oder semipolitische Misere der Weltöffentlichkeit zu zeigen. zdfsport.de: Sie sind ein Beispiel für die Sicherheitsmängel im Olympischen Dorf. Warum hatten sie keine offizielle Akkrediertung?. Melamed: Ich habe in den USA studiert und nach zwei Olympia-Teilnahmen zuvor die Qualifikation für München knapp verpasst. Dennoch wollte mich eine israelische Zeitung nach München schicken, hatte aber weder eine Akkreditierung noch eine Unterkunft für mich. Da mich zur gleichen Zeit die einzige Schwimmerin, Shlomit Nir, als Trainer in München haben wollte, habe ich mit dem Team im Olympischen Dorf gewohnt. Aber ich hatte nie einen Ausweis und somit eigentlich keine Berechtigung fürs Athletendorf, die Schwimmhalle oder auch nur die Cafeteria und musste mich überall immer reinschmuggeln.zdfsport.de: Wie ist Ihnen das gelungen?Melamed: Es war auf keinen Fall einfach. Aber ich bin nie mitten in der Nacht über den Zaun gesprungen, sondern immer mit meiner isrealischen Trainingsjacke durch das Haupttor gegangen. Es war viel schwieriger in München ins Olympische Dorf zu kommen, als 1968 in Mexiko City oder 1964 in Tokio. In Mexiko habe ich den Sicherheitsleuten ein paar Pesos oder einen Olympia-Pin gegeben, in Tokio haben alle ohnehin nur freundlich genickt. In München hingegen war alles viel besser organisiert. Zur Schwimmhalle bin ich mit Shlomit Nir zusammen gegangen und habe gesagt, dass ich ihr Trainer bin oder aber meine Akkreditierung vergessen habe. zdfsport.de: Wie haben Sie die Ereignisse am Morgen des 5. September erlebt?Melamed: Ich war im unteren Stockwerk von Appartment zwei untergebracht. Im Obergeschoss wohnten Fechter und Schützen. Wir alle wurden durch einen Schuss und den Aufruhr in Appartment eins geweckt, als die Terroristen versuchten, dort einzudringen und Ringertrainer Mosche Weinberg sich ihnen in den Weg stellte. Anschließend blieb es für einige Zeit still. Ich habe versucht, meine Gedanken zu ordnen und dachte, vielleicht feiern die Uruguayer mal wieder, die nicht weit entfernt untergebracht haben. Das hatten sie in den Tagen zuvor öfter getan.
zdfsport.de: Während Sie grübelten, rettete Mosche Weinberg Ihr Leben.Melamed: Sie hatten “Muni” in den Kiefer geschossen, aber wer Muni kannte, der wusste, dass ihn so etwas nicht stoppen würde. Er wurde wohl dazu gezwungen, die Eindringlinge zu den anderen Sportlern zu bringen. Muni hat sie vorbei an unserer Tür zu Appartment drei geführt, weil er wohl dachte, wenn jemand was machen kann, dann die Ringer und Gewichtheber, die dort wohnten. Und dann gab es wieder Schüsse, Aufschrei und wir hörten Maschinen-Gewehre. Ich lag immer noch im Bett, versuchte, mir weiterhin einen Reim auf alles zu machen und wieder einzuschlafen. Obwohl mir der Gedanke an Terrorismus in den Kopf kam, wollte ich es nicht wahrhaben. Eines der Teammitglieder von oben kam zu uns und erzählte, was passiert war. Ich konnte es nicht glauben und ging hinauf ins Obergeschoss. Von dort konnte ich durch das Fenster sehen, wie Muni in einer Blutlache lag. Und ich sah auch den Terroristen-Anführer, wie er sich mit einigen Leuten gestritten hat, vielleicht waren das auch schon Verhandlungen. Erste TV-Kameras waren auch bereits vor Ort. Es sah so aus, als wenn die Terroristen kein Interesse daran hatten, weitere Gefangene zu machen. Ich dachte, das Schlimmste ist vorbei und es ist wohl am Sichersten, das Haus zu verlassen. Ich bin dann als Erster durch die Hintertür raus.
zdfsport.de: Wohin sind Sie gegangen?Melamed: Zu den Räumen und Appartments, die uns von den deutschen Offiziellen zur Verfügung gestellt wurden. Dort haben wir alle auch die anschließende Nacht verbracht.zdfsport.de: Was wussten Sie bis dahin von den Geschehnissen?Melamed: Ich wusste nur, dass Muni tot war. Durchs Fernsehen haben wir dann erfahren, dass ein zweiter Athlet verletzt wurde. Wie sich später herausstellte war es Gewichtheber Josef Romano, der Stärkste im Team. Wir klebten am Fernseher, hörten von den Verhandlungen, einem Ultimatum, einem verstrichenem Ultimatum, einem weiteren Ultimatum. Und irgendwann kam die Meldung, dass es eine Aktion am Flughafen gegeben hat, alle Terroristen tot und unsere Leute in Sicherheit sind. Wir haben vor Freude geschrien, applaudiert, unsere Fäuste in die Höhe gerissen. Aber einige Zeit später hieß es dann, dass alles falsch war und alle gestorben sind. Das war, als wenn Sie von einem Cliff direkt auf den Meeresboden aufschlagen. Schrecklich. zdfsport.de: Wie war für Sie die anschließende Nacht?Melamed: Ich war überrascht über meinen Mangel an Emotionen. Andere Leute um mich herum haben geweint und ich konnte das natürlich verstehen. Gleichzeitig habe ich mich gefragt, warum ich nicht das Bedürfnis hatte, zu weinen? Vielleicht war ich zu sehr mit meiner, wie ich damals dachte, persönlichen Tragödie beschäftigt. zdfsport.de: Am 6. September durften Sie das Appartment sehen, in dem die Geiseln festgehalten wurden. Was für ein Gefühl war das?Melamed: Es war eine entsetzliche Erinnerung an das, was dort passiert ist. Das Appartment war ein totales Durcheinander mit einer riesigen Blutlache von Josef Romano. Wir haben dann unsere Sachen gepackt, die anderen sind zurück nach Israel geflogen und ich in die USA. zdfsport.de: Wie hat das Erlebte Sie verändert?Melamed: Ich fahre mindestens viermal pro Woche mit dem Zug nach Manhattan und frage mich, warum Terroristen noch keinen Anschlag auf die Grand Central Station oder den Times Square verübt haben? Täglich sind dort Hunderttausende Menschen und ich weiß nicht, ob jeder daran denkt, das so etwas passieren könnte. Ich denke ständig daran, ich schaue mich um. Meine Erfahrungen von München haben ihren Teil dazu beigetragen, aber nicht nur die. Schauen Sie doch, was im Irak passiert, wo sich Selbstmord-Attentäter in die Luft sprengen. In der heutigen Welt ist Terrorismus einfach Teil unseres Lebens. Wir haben nicht mehr den Luxus, dies zu ignorieren. In München war es noch viel einfacher, nicht darüber nachzudenken.zdfsport.de: Die Liste der Verfehlungen in den Stunden des Attentats ist lang. Wem geben Sie die Hauptschuld?Melamed: Die Leute, die alles geplant, initiiert und durchgeführt haben, waren die Mitglieder des Schwarzen September. Mit ihnen muss man anfangen. Und wie es immer so ist, könnte man im Nachhinein genügend Sachen finden, die dieses Unglück hätten verhindern können: die israelische Delegation, indem sie jemanden als Sicherheitspersonal einsetzt. Denn zu dieser Zeit war bereits bekannt, dass jede israelische Gruppe, egal ob kuturell, sportlich oder politisch, immer Sicherheitsleute bei sich hat, sobald es die Situation erfordert - aber in München gab es nichts dergleichen. Es hieß zwar immer, dass jemand da sei, aber ich habe niemanden gesehen und aus welchen Gründen auch immer, war niemand da, als das Attentat geschah. Das war ein großer Fauxpas und wurde nie in Israel untersucht.
Zudem hatten die Deutschen vor den Spielen entschieden, dass die Sicherheitsleute keine Waffen tragen. Aber letztlich hätte das auch keinen Unterschied gemacht, denn es war kein Sicherheitspersonal vor Ort. Die Olympischen Spiele galten bis dahin als jungfräulich im Bezug auf Terrorismus. So etwas war unvorstellbar. Aber man lernt ja immer vom ersten schrecklichen Vorfall. Und ich könnte der deutschen Regierung oder vor allem dem Krisenstab eine Teilschuld geben. So wie sie die Sache gehandhabt haben, war das Pfusch. zdfsport.de: Der damalige Bundeskanzler Willy Brandt hat von einem “erschütterlichen Dokument deutscher Unfähigkeit” gesprochen.Melamed: Als Israeli habe ich großes Vertrauen in die Ausbildung unseres Militärs und der Spezial-Einheiten, um solche Situationen abzuwickeln. Deutschland hatte damals keine derartigen Einheiten, man brauchte sie nicht und man hatte vor allem keine Erfahrung. Am meisten tut mir weh, dass die Deutschen es keinem isrealischen Spezialteam erlaubt haben, involviert zu werden. Ich denke, das war ein riesiger Fehler. zdfsport.de: Wie haben Sie reagiert, als der israelische Geheimdienst Mossat begann, die Hintermänner des Olympia-Attentats weltweit zu jagen?Melamed: Damals wusste ich nichts davon, aber ich war sehr glücklich, als ich später davon erfahren habe. Es war das ganz einfache menschliche Gefühl von Rache, das in mir hochkam. Und ich habe mich jedesmal gefreut, wenn es hieß, “wir haben wieder einen getötet.” Da dachte ich nur, “gut für uns.” Aber am Liebsten wäre mir, wenn dieses Bedürfnis nach Rache, dieses “du tötest einen von uns, wir töten zwei von dir”, endlich aufhört. Wir leben doch im 21. Jahrhundert.zdfsport.de: Aber wer soll den Anfang machen?Melamed: Das ist die Millionen-Frage. Als Israeli denke ich, dass mein Land öfter als die Araber und Palästinenser versucht hat, den Schritt Richtung Frieden zu machen. Aber ich bin mir sicher, die Palästinenser sehen dies anders. Ich würde mir wünschen, dass sich beide Seiten durch wirtschaftliche oder sportliche Verbindungen näher kommen und das Leben für beide somit verbessern, anstatt sich an die Gurgel zu gehen.zdfsport.de: Sie waren im Februar erstmals seit dem Attentat wieder in München, haben sich mit sechs Überlebenden getroffen. Was war das für ein Erlebnis für Sie?Melamed: Es war großartig und für mich ein Weg, das Ganze zu einer Art Abschluss zu bringen. Ich hatte zu den anderen sechs seit 40 Jahren keinen Kontakt mehr gehabt. Wir haben uns ausführlich über alles von damals unterhalten und unsere Freundschaften erneuert. Aber ich fühlte mich ein wenig schuldig. Denn ich konnte mich nicht dagegen wehren, an die Leute zu denken, die nicht überlebt haben. Denn letztlich sind wir ja nur aufgrund der Tragödie der anderen zusammengekommen. Und als wir zum Haus in der Conollystraße 31 gegangen sind, war es ein düsterer Moment an einem kalten Februartag. Das Gespräch führte Heiko Oldörp
05.09.2012
Avraham Melamad
Der 68-Jährige wohnt heute in Peekskill, New York. 1964 in Tokio und 1968 in Mexiko City nahm er über 100 und 200 Meter Schmetterling an den Olympischen Spielen teil. Sein 10. Platz über die 100 Meter Schmetterling in Mexiko City war das beste Ergebnis des gesamten israelischen Olympia-Teams. 1972 in München war er einer der israelischen Überlebenden beim Anschlag der Palätinenser im Olympischen Dorf. Melamad war als Trainer vor Ort und weilte auf Einladung der israelischen Delegation im Olympischen Dorf - ohne Akkreditierung, was damals offenbar kein Problem war..
Der 68-Jährige wohnt heute in Peekskill, New York. 1964 in Tokio und 1968 in Mexiko City nahm er über 100 und 200 Meter Schmetterling an den Olympischen Spielen teil. Sein 10. Platz über die 100 Meter Schmetterling in Mexiko City war das beste Ergebnis des gesamten israelischen Olympia-Teams. 1972 in München war er einer der israelischen Überlebenden beim Anschlag der Palätinenser im Olympischen Dorf. Melamad war als Trainer vor Ort und weilte auf Einladung der israelischen Delegation im Olympischen Dorf - ohne Akkreditierung, was damals offenbar kein Problem war..
ZITAT
„Am Liebsten wäre mir, wenn dieses Bedürfnis nach Rache, dieses 'du tötest einen von uns, wir töten zwei von dir', endlich aufhört. Wir leben doch im 21. Jahrhundert.”Avraham Melamed





