Paralympics - Leichtathletik
Tatyana McFadden: Das Lebenselixier heißt Sport
„Ich will einfach da rausgehen und jedes Rennen fahren, als wäre es das letzte meines Lebens“, hatte Tatyana McFadden vor den Paralympics in London angekündigt. Die 23-jährige US-Leichtathletin hat von Geburt an gekämpft - erst um ihr Leben, später um den sportlichen Erfolg. Bei ihren dritten Paralympics hat sie bereits zweimal Gold gewonnen - weiteres Edelmetall soll folgen.von Jan Kampmann, LondonMcFadden ist eine der Sportlerinnen, bei der Zitate wie das obige keine einstudierten Phrasen sind, sondern ein (Über-)Lebensmotto. Denn der Sport hat der schnellsten Rollstuhlfahrerin der Welt, von ihren Teamkolleginnen an der Universität Illinois ob ihrer beeindruckenden Oberarme liebevoll das „Biest“ getauft, wohl schlichtweg das Leben gerettet.1988 im russischen St. Petersburg mit einem offenen Rücken geboren, hatte man McFadden bereits abgeschrieben und 21 Tage lang mit exponierter Wirbelsäule in Lebensgefahr schweben lassen. Nachdem sie dem drohenden Tod drei Wochen lang getrotzt hatte, mussten die Ärzte operieren. Ihre leiblichen Eltern schoben das ungewollte behinderte Kind dennoch an das „Waisenhaus 13“ ab.Lebenselixier SportDort verbrachte das Energiebündel die ersten sechs Jahre seines Lebens ohne jedes Hilfsmittel, und da die Beine es nicht taten, lief die kleine Tatyana eben auf ihren Händen. 1994 besuchte Deborah McFadden, Vorsitzende einer Interessensgruppe für Waisenkinder, während einer Geschäftsreise das Heim mit der Glückszahl. „Ich wollte vorher keine Adoption, aber mir ging dieses quicklebendige Kind nicht aus dem Kopf“, erinnert sie sich: „Die Angestellten sagten, ich sollte doch lieber ein süßes und gesundes Kind mitnehmen.“ Doch McFadden hatte sich entschieden, die kleine Überlebenskünstlerin mit über den Teich zu nehmen – und ihr damit das Leben gerettet.Doch die Widerstandskraft ihrer Adoptivtochter wurde noch einmal auf die Probe gestellt: kurz nach der Ankunft in die Vereinigten Staaten verschlechterte sich Tatyanas Gesundheitszustand, Kraftlosigkeit und starkes Untergewicht waren die Folgen. Deborah McFadden meldete ihre Tochter darauf bei zahlreichen Sportvereinen an und hatte damit Tatyanas Lebenselixier entdeckt: ob Bogenschießen oder Basketball – sämtliche Energie, die das „Biest“ sonst in den Überlebenskampf gesteckt hatte, floss nun in den Sport.
Wettkampf unter SchwesternUnterdessen hatte Deborah McFadden bei einer Reise nach Albanien mit Hannah ein Schwesterchen für ihre mittlerweile weltweit bekannte Tochter gefunden, die Tatyana in nichts nachsteht: Die heute 16-jährige Hannah, aufgrund eines genetischen Hüftschadens oberschenkelamputiert, folgt in London ihrer Schwester als jüngstes Mitglied des US-Leichtathletikteams. 2004 in Athen hatte schon die damals 15-jährige Tatyana als Nesthäkchen mit zwei Silbermedaillen für Furore gesorgt.Im 100-Meter-Finale von London am 8. September wird Hannah dann erstmals bei den Paralympics ihrem großen Vorbild Tatyana nicht nur von der Tribüne zujubeln, sondern ihr auf der Bahn gegenüberstehen. Mutter Deborah verriert ZDFsport.de, dass sie das moralische Dilemma ganz pragmatisch löst: "Ich werde die beiden einfach nur mit ‚McFadden‘ und ohne Vornamen anfeuern."Emotionale RückkehrIm April dieses Jahres erst hatte sich Tatyana McFadden emotional dazu in der Lage gesehen, erstmals ins „Waisenhaus 13“ zurückzukehren – mit Erfolg: „Der Besuch hat mir Erfüllung geschenkt“, resümierte sie. Ein an Cerebralparese leidendes Waisenkind wollte die Paralympics-Siegerin nach ein paar Runden auf ihrem Schoß am liebsten gar nicht mehr gehen lassen. Von der Adoption eines weiteren Paralympioniken musste Deborah McFadden, mittlerweile dreifache Adoptivmutter und gleichzeitig Managerin ihrer beiden Töchter, aufgrund eines vollen Terminkalenders aber vorerst absehen.
07.09.2012
Tausendsassa McFadden
Tatyana McFadden startet in London über 100m, 400m, 800m und 1500m. Zudem absolviert sie den paralympischen Marathon.
Tatyana McFadden startet in London über 100m, 400m, 800m und 1500m. Zudem absolviert sie den paralympischen Marathon.




