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SportXtreme mit Mountainbike

Guido Tschugg: Viel Luft unterm Sattel

  • Guido Tschugg auf La Palma
  • Bilderserie Genussbiker und harte Jungs
  • Guido Tschugg auf La Palma
    Guido Tschugg auf La Palma

    Guido Tschugg auf La Palma

    (08.09.2012)
    BilderserieGenussbiker und harte Jungs

    Entspannt nach oben und mit Geschick über Stock und Stein wieder runter: Freerider nehmen das "Free" durchaus wörtlich: Viel Genuss und bloß keinen Stress. Freeriden ist eines der Themen bei SportXtreme. Moderatorin hat dafür Profi-Freerider und -Slopestyler Amir Kabbani besucht. Und mit Danny MacAskill geskyped.

    (08.09.2012)
    Wo, und vor allem wie es im Mountainbikesport langgeht, damit befasst sich SportXtreme am Dienstag. Einer, der es in zwei unterschiedlichen Disziplinen zu etwas gebracht hat, ist Guido Tschugg. Anfang Oktober wird er nach langer Zeit wieder bei der RedBull Rampage starten. zdfsport.de hat mit dem 36-jährigen Vorzeige-Mountainbiker gesprochen.

    zdfsport.de: Sie zählen gemeinsam mit Amir Kabbani zu den bekanntesten Freeridern in Deutschland. Dabei sind Ihnen die größten Erfolge im Fourcross gelungen. Gibt es eine Erklärung dafür?

    Guido Tschugg auf La Palma

    Guido Tschugg
    Quelle: Imago

    Guido Tschugg: Es stimmt, ich bin eigentlich Racer und habe bislang über 15 Worldcup-Podiumsplätze errungen. Dennoch sehen viele in mir einen Allrounder oder Freerider, weil ich auch Downhill fahre und damals die ersten Freeride-Wettkämpfe mitgemacht habe. Damals waren die noch nicht so tricklastig wie heute. Und ich bin zwei Mal bei der Red Bull Rampage gestartet - dadurch wird man unweigerlich in der Szene bekannt.

    zdfsport.de: Bringt der Start bei der Rampage mehr Ruhm als ein Weltcup-Sieg?

    Tschugg: Das kann man so sagen. Die Medien scheint ein Podiumsplatz im Weltcup nicht wirklich zu interessieren. Das ist eigentlich schade. Dagegen überschlagen sich alle, wenn ich mich fürs Finale der Rampage qualifiziere.

    Links
    Freeride-Lexikon Das Blog zur Sendung SportXtreme-SendezeitenDas ZDF ist für Inhalte externer Internetseiten nicht verantwortlich
    zdfsport.de: Der Fourcross-Weltcup wurde von der UCI abgeschafft. Da trifft es sich ja gut, dass Sie noch ein Freeride-Standbein haben.

    Tschugg: Auf alle Fälle. Ich konzentriere mich jetzt stärker auf die unterschiedlichen Gravity-Disziplinen. Sei es Dual-Slalom oder Urban Downhills wie sie in Mexiko und Südamerika stattfinden - und natürlich die Rampage jetzt im Oktober. Denn die Rampage ist so was wie die Olympiade der Freerider.

    zdfsport.de: Sie sind noch immer der einzige Deutsche, der sich in die Felsenlandschaft Utahs wagt, um gegen die besten Big-Mountain-Freerider der Welt anzutreten. Was erwartet Sie da?

    Tschugg: Ich hoffe, dass ich gute Lines finde und große Sprünge. Auch dieser Wettkampf ist über die Jahre immer tricklastiger geworden. Das liegt mir nicht so sehr. Gegen die junge Elite der Slopestyler bin ich chancenlos. Doch große Sprünge liegen mir. Ich will einfach dabei sein und das Ganze verletzungsfrei überstehen.

    Mountainbike bei SportXtreme

    Erstaustrahlung auf ZDFinfo am 11. September, 1.30 Uhr. Und ab 20 Uhr in der Mediathek bei zdfsport.de.

    zdfsport.de: Haben die anderen deutschen Fahrer Muffe vor der Rampage?

    Tschugg: Ich dachte, dieses Jahr werden auch andere deutsche Fahrer dabei sein, doch nein, ich bin der einzige. Man muss fairerweise dazu sagen, dass es nicht einfach ist, zu diesem Wettkampf eingeladen zu werden. Ich musste mich dafür bewerben. Die Wettkampfrichter haben dann entschieden, dass ich starten darf.

    zdfsport.de: Die Rampage ist berühmt für ihre Jumps und Drops im XXL-Format, die gerade den jungen Slopestyler das Fürchten lehren. Warum kommen auch Sie im gesetzteren Alter mit den Sprüngen so gut zurecht?

    Tschugg: Mir hilft meine Erfahrung aus dem Motocross. Ich bin an weite, hohe Sprünge gewöhnt, kann Entfernungen sehr gut einschätzen und erschrecke mich nicht bei viel Luft unter den Reifen.

    zdfsport.de: Bereiten Sie sich speziell auf diese Stunts vor?

    Tschugg: Eigentlich schon. Dummerweise habe ich mir gerade die Rippe gebrochen. Die Verletzung ist noch nicht ganz ausgeheilt. Doch sobald die Rippe hält, werde ich auf dem Motocrosser trainieren und nach Neukirchen am Wildkogel fahren, um auf dem Parcours des Nine-Knight-Wettkampfs zu trainieren. Dort gibt es sehr große Sprünge, die man gut mit dem Big Bike springen kann. Das ist eine ideale Vorbereitung für die Sprünge der Rampage.

    Darren Berrecloth beim Drop / Quelle: redbullcontentpool

    Darren Berrecloth beim Drop
    Quelle: redbullcontentpool

    zdfsport.de: Im Freeriden verlagert sich der Fokus auf Tricks. Drops gelten als oldschool. Reizen Sie Drops noch?

    Tschugg: Ja, droppen ist ein spannender Nervenkitzel, allerdings muss die Landung passen. Zu flache Landungen gehen auf Material und Körper. Das mag ich nicht. Bei einer guten, steilen Landung kann ich acht Meter problemlos in die Tiefe droppen - ohne dass es mich zusammenstaucht. Ist die Landung stumpf, also zu kurz und flach wie oft in den Bikeparks, dann reichen schon drei bis vier Meter und du bombst ein. Das schlägt dir in die Knochen. Ich bin jetzt 36 Jahre alt  - das spüre ich dann einige Wochen. Ich habe mir ohnehin schon beide Sprunggelenke gebrochen und muss etwas aufpassen. Doch bei der Rampage mache ich mir keine Sorgen, denn da sind die Landungen meist ideal präpariert.

    zdfsport.de: Ist das nicht paradox? In unseren Bikeparks, die ideale, spaßige Trainingsbedingungen bieten sollen, sind die Landungen stumpf, beim Profi-Wettkampf ideal?

    Tschugg: Das ist in der Tat paradox. Doch das liegt daran, dass bei der Rampage Experten das Gelände präparieren - und im Bikepark oft Trailbauer am Werk sind, die von ihrem Handwerk nicht viel Ahnung haben. Das ist bitter, und da haben die Bikeparks noch enormen Nachholbedarf. Dass ein Drop eine breite, steile und mehrere Radlängen lange Landung braucht, gehört zu den Grundkenntnissen. Dennoch wird es meist falsch gemacht. Musterbeispiele im Streckenbau sind der Whistler Bikepark in Kanada und Hafjell in Schweden - die machen es richtig.

    zdfsport.de: Wo freeriden Sie am liebsten?

    Tschugg: Latsch und Brixen gefallen mir. In Finale Ligure sind die Trails sehr flowig gebaut - da kommt viel Fahrspaß auf. Im Winter fahre und trainiere ich auf der Kanareninsel La Palma. Meist mit einem 170-Millimeter-Freerider, denn da muss ich selbst hoch pedalieren.

    zdfsport.de: Reizt Sie der geplante UCI-Enduro-Worldcup?

    Tschugg: Nein, reizt mich gar nicht. Ich finde, die Entscheidung aus den Enduro-Rennen eine Worldcup-Serie zum machen, Blödsinn. Das Enduro-Format ist für den Hobby-Biker gedacht. Da fährt man gemütlich von Wertungsrennen zu Wertungsrennen. Das ist der Sinn der Sache. Der Reiz liegt darin, dass die Wertungsstrecken nicht trainiert werden dürfen und man zwischendrin gemeinsam etwas Essen gehen kann. Die UCI ahnt nicht, was das für ein Aufwand ist. Den Fourcross-Weltup haben sie aus Umweltgründen abgesagt - und bei den Enduro-Rennen donnern dann die Biker durch den Wald, und all die Zuschauer stiefeln da quer im Wald rum. Solange sich die UCI nicht auf ein klares Format geeinigt hat, interessiert es mich nicht.

    zdfsport.de: Welchen Fahrtechnik-Tipp haben Sie für die Hobby-Freerider. Welcher Trick oder Move macht besonders viel Spaß?

    Tschugg: Der Whip. Beim Springen das Heck etwas rauswhippen ist eine Gaudy. Und da macht es nichts, ob du das Bike nur ganz wenig zur Seite kriegst oder die Kiste komplett quer stellst. Jeder kann ihn machen, wie er will. Es gibt sogar Whip-Weltmeisterschaften, das ist eine Bombensache. Da bin ich nächstes Jahr ganz sicher dabei. Schaut euch das mal auf youtube an, irre.

    Das Interview führte Dimitri Lehner

    Tricks und Ticks der Freerider

    New School Freeriden

    Trickorientiertes Freeriden mit besonderem Augenmerk auf Flow, Geschwindigkeit und Sprungeinlagen. Extremform: Slopestyle-Biken. Hier werden auf speziellen Fahrrädern technisch schwierige Tricks am Berghang (Slope) ausgeführt - meist auf gebauten Stunts.

    Moschen

    Das Bike bergab knüppeln ohne viel Fahrtechnik und Raffinesse.

    Whippen

    Querstellen des Bikes in der Luft. Dabei wird nach dem Absprung das Hinterrad zur Seite und bei extremen Whips sogar nach vorne gedrückt, mit und ohne Schräglage. Seit 2011 gibt es inoffizielle Whip-Weltmeisterschaften. Amtierender Weltmeister ist der US-Amerikaner Tyler McCaul. Im Video Downhill-Brendan Fairclough, ein ausgemachter Whip-Spezialist.

    Stunt

    Künstlich angelegtes oder auch natürliches Feature, das von Bikern genutzt werden
    kann. Zum Beispiel: der "Drop" oder "Wallride". Stunt steht auch für Mutproben aller Art.

    Big Bike

    bigbike

    Räder mit viel Federweg (zirka 200 mm) und Doppelbrückengabel, ehemals Downhiller genannt.

    Lines

    Unsichtbare Linien im Gelände, die eine erfolgreiche Abfahrt durch technisch anspruchsvolles Terrain versprechen. Geübte Augen erkennen besonders spektakuläre Lines.

    Drop

    Natürliche oder gebaute Geländekante, die nur mit einem Sprung nach unten überwunden werden kann. Der Sprung über den Geländeabbruch wird ebenfalls "Drop" genannt, die Verbform: droppen.

    Der Sprungverlauf beim Drop im Gegensatz zum "Gap" ist hauptsächlich nach unten, weniger nach vorne gerichtet.

    Zu den spektakulärsten Drops in der Freeride-Geschichte zählt der 17 Meter hohe "Jah"-Drop in British Columbia/Kanada, den der Amerikaner Josh Bender vier Mal versuchte, doch jedesmal scheiterte.

    Im Video Raimund Matros aus dem Fichtelgebirge. Seine Lieblingsdisziplin ist der Drop aus der Schräge.

    Close call

    Beinahe-Sturz mit anschließendem Nervenflattern und Freude, ungeschoren davon gekommen zu sein.

    Casen

    Aufschlagen nach dem Sprung mit dem Hinterrad im Flachen vor der eigentlichen Schräge der Landung. Casen steht im engen Zusammenhang mit dem Phänomen des Close Call.

    Gap

    Natürliche oder gebaute Geländestufe, die nur im Sprung überwunden werden kann. Hier liegt die Landung im Gegensatz zum Drop jedoch weiter vom Absprung entfernt, so dass der Sprung mit viel Geschwindigkeit genommen werden kann und muss.

    Dadurch fällt der Sprungverlauf beim "Gappen" harmonischer aus, denn die Aufprall-Energie kann umgehend in Geschwindigkeit umgesetzt werden. Das Überspringen der Spalte (Gap) zwischen Absprung und Landung erfordert viel Erfahrung und Augenmaß, sonst besteht die Gefahr des "Casen".

    X-Up

    Trick beim Springen, bei dem der Lenker um 180 Grad verdreht wird und die Arme sich zum X verwinden.

    Table

    Sprunghügel in Form eines umgekippten Schubkarrens, der grob an einen Tisch erinnert. Der "Table" ermöglicht es dem Anfänger im Gegensatz zum "Double" gefahrlos oben auf dem Sprunghügel zu landen, wenn sie es nicht schaffen, den ganzen Sprunghügel zu überspringen.

    Double

    Sprunghügel bestehend aus einem Absprunghügel und einem Landehügel mit dazwischenliegender Spalte. Der "Double" erfordert Erfahrung und Können. Bei zu kurzen Sprüngen droht der Biker in den Spalt zu fallen.

    Manual

    Fahren auf dem Hinterrad ohne zu Pedalieren. Der Biker hält die Balance durch Verlagerung des Körpergewichts und sitzt nicht im Sattel. Sitzt der Biker während der Fahrt auf dem Hinterrad auf dem Sattel und pedaliert, nennt sich der Trick Wheelie.

    Bunny Hop

    Sprung mit dem Bike, bei dem der Fahrer zuerst das Vorderrad vom Boden anhebt, um sich dann über das Hinterrad abzudrücken.

    Spezialisten wie der Schotte Danny MacAskill können im Bunny Hop bis zu 1,5 Meter hohe Hindernisse überspringen.

    Eine (in Fachkreisen verschmähte) Variante des Bunny Hop ist der Schweine-Hop, bei dem der Biker beide Räder gleichzeitig vom Boden zieht - mit Hilfe seiner Klickpedale.

    Northshore

    Unter diesem Begriff werden Holz-Hindernisse und Stunts zusammengefasst.


    Am Northshore (Nordufer) Vancouvers haben die ersten Freerider Ende der 90er Jahre mit Holzleitern unwegsame Geländeabschnitte überbrückt, um das Gelände fürs Bike fahrbar zu machen. Das Balancieren auf diesen schmalen Brücken wurde daraufhin zu einer eigenen Disziplin im Freeriden.

    Dead Sailor

    Gerader Sprung ohne Trickeinlage, bei dem der Biker im Flug verkrampft, meist in Schräglage gerät, oft stützt oder einem Sturz gerade noch verhindern kann.

    Rampage

    Ein seit 2001 von einem Brause-Hersteller organisierter Wettkampf in den Sandklippen Utahs, zu dem die besten Freerider der Welt eingeladen werden. Dabei müssen die Fahrer sich eine besonders spektakuläre, "Line" ins Tal suchen, gespickt mit Drops, Gaps und anderen Stunts. Neuerdings werden auch künstliche Sprung-Rampen ins Gelände eingebaut. Wettkampfrichter beurteilen die Fahrten und erstellen eine Rangfolge.

    Der Wettbewerb findet alle zwei Jahre statt. Sieger 2010 wurde der US-Amerikaner Cameron Zink. Die entscheidenden Punkte machte er mit einem 360-Grad-Drop (siehe Video). Die Rampage gilt als hochkarätigster Big-Mountain-Wettkampf und ultimativer Mutbeweis für Freeride-Profis.

    Flow

    Angelegt an das von Psychologen Mihály Csíkszentmihályi entdeckte Phänomen, bei dem das Bewusstsein auf das Jetzt und Hier einschmilzt und besonders intensives Erleben gewährt.

    Flow bedeutet jedoch mehr als Fahrfluss. Es beschreibt das Konglomerat aus Speed, sanften Fahrverlauf, schnellen, doch harmonischen Kurvenwechseln, gegebenenfalls geschmeidigen Sprüngen im nicht allzu rauem Gelände.

    Das Flow-Erlebnis ist der Wunsch-Zustand der meisten Freerider und leider selten zu erreichen. Daher werden neuerdings spezielle Strecken angelegt, die "Flow"-Erlebnisse garantieren wollen. Die bekannteste künstliche Flow-Strecke in Deutschland befindet im Bikepark Geisskopf im Bayerischen Wald.

    Wie "Flow" in der Praxis aussieht, das zeigen Martin Schüller und Max Schumann (beides deutsche Spitzenfreerider) hier im Video.

    Rebound

    Ausfeder-Impuls bei Federungen, nachdem die Feder besonders bei Sprunglandungen zusammengedrückt wurde. Der "Rebound" kann nach großen Drops besonders gefährlich werden und bewirkt, dass der Fahrer schleudersitzartig über den Lenker katapultiert wird, da das Heck nach oben schnalzt. Durch eine spezielle Öldämpfung wird der Rebound in modernen Federelementen verlangsamt.

    Doppelbrücke

    Großhubige Gabel mit meist 200 Millimetern Federweg und zwei Metall-Brücken zwischen den Holmen. Die Einfachbrücken-Gabeln haben bis zu 180 Millimeter Federweg. Die Faustregel lautet: Je gröber das Gelände, desto mehr Federweg.

    Senden

    Beherztes, entschlossenes "Abziehen" bei größeren Sprüngen.

    Kodak Courage

    Aktivieren einer zusätzlichen Portion Mut durch Anwesenheit von einem oder mehreren Fotografen, die den Stunt im Bild festhalten. Der Begriff entstand in der Zeit der analogen Fotografie, als die meisten Fotografen Filme der Marke Kodak verwendeten.

    Wallride

    Steilwandfahrt an einer künstlichen oder auch natürlichen senkrechten oder auch geneigten Fläche (zum Beispiel Felsplatte).

    08.09.2012
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