Bundesliga: Nürnberg - Frankfurt
Ein Senkrechtstarter und ein Dauerbrenner
Club-Coach Dieter Hecking und Kiyotake
Video1985: Club schießt sich aus dem Keller
Von Harald BüttnerNürnberg gegen Frankfurt: Das Duell der jahrelang kriselnden Traditionsvereine ist unerwartet ein Spitzenspiel. Mit einem Sieg am Freitagabend (20.30 Uhr /
zdfsport.de-Liveticker) kann der Club für eine Nacht sogar Tabellenführer werden. Für den Höhenflug der Franken stehen vor allem Trainer Hecking und Neuzugang Kiyotake. Dieser Tage sind die Profis des 1. FC Nürnberg endlich umgezogen. Aus den Katakomben des Hotels, das seit über zwei Jahrzehnten auf dem Vereinsgelände thront, hinüber in das schmucke neue Funktionsgebäude. Raus aus dem Keller, rein in einen repräsentativen Neubau. Den Zeitpunkt für ihren Ortswechsel hätten die Nürnberger gar nicht besser terminieren können. Auch in der Liga ist der fränkische Traditionsverein gerade auf dem Weg nach oben. Mit sieben Punkten aus den ersten drei Spielen startete der Altmeister nahezu optimal in die neue Bundesliga-Saison.Es zählen nur die PunkteDass nun sogar Platz eins winkt – zumindest für 19 Stunden – verzückt die Fans natürlich umso mehr. Für den Coach des 1. FCN wäre der Blickwinkel von oben herab auf die Spitzenklubs des deutschen Fußballs absolutes Neuland. Doch Dieter Hecking will sich mit dieser möglichen Konstellation gar nicht erst befassen. „Was hat man davon nach vier Spieltagen? Für mich zählen nur die Punkte, alles andere interessiert mich nicht!“ Mit dieser Denke ist der 48-Jährige stets gut gefahren. Großspurige Worte sind nicht sein Ding, ihn kennzeichnet vielmehr ein ausgeprägter Realitätssinn. Er bleibt ruhig und besonnen, wenn es mal nicht so rund läuft. Und er weiß auch, wie er Siege einzuordnen hat. Sein Ton ist stets sachlich, seine Arbeit plant und verrichtet er akribisch. Seit Januar 2010 trainiert er den Club, und wenn das am Saisonende noch der Fall ist, dann geht er als Nürnbergs Bundesliga-Rekordtrainer in die Annalen ein. Nürnberg als stetige TalentschmiedeAus fast aussichtsloser Lage hat der den Verein gerettet und danach stabilisiert hat. „Es waren sehr intensive Zeiten mit fast nur Höhen“, bilanziert ein zufriedener Hecking, der dieser Tage schon seinen 1000. Arbeitstag in Nürnberg hatte. Nun scheint mit einer sehr kompakten und selbstbewussten Mannschaft der nächste Schritt realisierbar.Der stete Auswärtstrend unter Hecking verwundert umso mehr, hält man sich vor Augen, dass er Jahr für Jahr Leistungsträger verloren hat. Andreas Ottl und Breno nach geglückter Relegation 2010, Ilkay Gündogan, Mehmet Ekici und Julian Schieber nach Platz sechs im Jahr danach, Phillipp Wollscheid und Daniel Didavi nach der letzten Saison, der der Club immerhin als sorgenfreier Zehnter beendete. „Man muss eben wissen, wo man arbeitet. Wenn wir hier in Nürnberg einen guten Spieler herausbringen, ist er irgendwann weg. Das weiß man. Wir jammern dann nicht herum, sondern sehen, dass wir wieder neue Talente finden. Gelingt uns das, macht die Arbeit riesigen Spaß.“ Auf den Spuren von KagawaHeckings Wohlfühlfaktor dürfte momentan weit im grünen Bereich liegen, denn mit Hiroshi Kiyotake hat der 1. FC Nürnberg wieder ein echtes Juwel entdeckt. An allen fünf Saisontoren war der japanische Nationalspieler beteiligt. Vier bereitete der Standard-Spezialist mustergültig vor, und mit dem genialen Siegtreffer zum 3:2 in Mönchengladbach setzte er am letzten Samstag noch eins drauf. „Kiyo ist etwas Besonderes“, lobt Hecking den für eine Million Euro aus Osaka gekommenen Offensivmann: „Er will immer gewinnen, das tut uns gut.“ Erstaunlicherweise hat der 22-Jährige, der im August noch beim Olympischen Turnier in London am Ball war, keinerlei Anlaufschwierigkeiten im neuen Umfeld. Was sicherlich auch an seinem Dolmetscher Jumpei Yamamori liegt, der auch Shinji Kagawa in Dortmund bei der Integration geholfen hat. Auch wenn es sich anbietet – vergleichen lassen will sich Kiyotake nicht mit dem prominenten Landsmann: „Shinji ist Shinji, ich bin Kiyo.“ Kiyotake muss gute Leistung bestätigenWas in seinem Selbstverständnis wohl heißen soll: Ich muss mich erst noch beweisen, ich habe noch nichts erreicht. Seine bisherigen Auftritte analysierte der Japaner äußerst selbstkritisch, fordert von sich selbst noch viel bessere Leistungen ein. So muss sich Hecking, dem der Hype um Kiyotake ein Dorn im Auge ist, wahrlich keine Sorgen machen, dass sein Schützling abheben könnte. Wenn der weiter so wirbelt, führt der Weg zwangsläufig nach oben. Für Kiyotake ebenso wie für die ganze Mannschaft.
21.09.2012





