Print Logo

merkzettel

Brasilien vor dem WM

Fan-Flaute statt Fiesta

  • Fan-Flaute vor der WM
  • Hier wird während der WM gespielt
  • brazil mexico olympics soccer reax / Quelle: ap

    Freundschaftsspiele ziehen in Brasilien nicht besonders viele Interessierte an.

    (20.09.2012 Quelle: ap)
    Hier wird während der WM gespielt

    Kurzmeldung

    • 09:17 21.09.2012Kurzmeldung

      Brasilien: Romario schlägt Alarm 09:17 21.09.2012
      Brasiliens Ex-Starstürmer Romario hat massive Kritik an Fußball-Nationalcoach Mano Menezes geübt und eine Intervention von Staatschefin Dilma Rousseff gefordert. "Leute, wenn wir mit diesem Team weitermachen, wird Brasilien nicht mal die WM-Vorrunde (2014) schaffen", schrieb Romario in seinem Twitter-Blog. "Um Gottes Willen, Präsidentin Dilma, treffen Sie gemeinsam mit dem Sportministerium eine Entscheidung." Anlass der Kritik war der knappe 2:1Sieg über Argentinien, der nur durch einen Elfmeter in der Nachspielzeit möglich wurde. "Ein schreckliches Spiel von Brasilien."

    • 08:41 20.09.2012Kurzmeldung

      Brasilien besiegt Argentinien 08:41 20.09.2012
      Rekordweltmeister Brasilien hat Erzrivalen Argentinien vor heimischen Publikum mit einem glücklichen 2:1 (1:1) besiegt. Die Tore für die Selecao schossen Paulinho in der 25. und Neymar durch einen Elfmeter in der Nachspielzeit. Für die Gäste traf Juan Manuel Martinez (19.). Der Schiedsrichter entschied kurz vor Abpfiff nach einem Handspiel auf Elfmeter. Zuvor hatten die Zuschauer eine streckenweise laue Auftakt-Partie des binationalen Turniers "Superclassico das Americas" gesehen. Im Rückspiel treffen beide Teams am 3.Oktober in Resistencia (Argentinien) aufeinander.

    von Reinhard Krennhuber

    Die brasilianische Fußballnationalmannschaft kämpft eineinhalb Jahre vor der WM im eigenen Land nicht nur mit ihrer Form, sondern auch mit einem Stimmungstief. Die Freundschaftsspiele des fünffachen Weltmeisters reißen die Fans nicht vom Hocker, das 2:1 gegen Argentinien am Mittwoch war da keine Ausnahme.

    Itacaré ist nicht unbedingt das, was man ein Zentrum des brasilianischen Fußballs nennen kann. Die Kleinstadt an der Atlantikküste, 250 Kilometer südlich der Provinzhauptstadt Salvador de Bahia, lebt vom Tourismus. Der große Ansturm der Gäste aus den südlichen Metropolen des Landes und der Rucksacktouristen aus der ganzen Welt, steht jedoch erst in gut zwei Monaten bevor, wenn die Hochsaison beginnt.

    Surfen statt Fußball

    ZITAT
    Die Brasilianer interessieren sich nicht besonders für Freundschaftsspiele ihrer Nationalmannschaft.
    Blogger Martin Curi
    Auf den Stränden der 12.000-Einwohner-Kleinstadt dominieren das ganze Jahr über die Surfer. Fußballer sind in der Unterzahl. Kein Wunder, dass der sogenannte "Superclassico das Americas" die Leute eher kalt lässt. Der brasilianische und der argentinische Fußballverband hatten das zwischen 1914 und 1976 als Roca-Pokal ausgetragene Duell im Vorjahr wiederbelebt. Die Bedeutung des in Hin- und Rückspiel ausgetragenen Bewerbs ist jedoch überschaubar. Denn gekickt wird außerhalb der offiziellen Länderspieltermine, was einen Verzicht auf die Stars aus Europa bedingt.  

    "Ja, ich weiß. Die spielen noch diese Woche“, meint einer der Surfer am Strand. Das wenige Stunden später im 1.500 Kilometer entfernten Goiania beginnende Spiel wird er – wenn überhaupt – nur zufällig sehen. Auch das mediale Interesse ist überschaubar. Die in Salvador erscheinende Tageszeitung "A Tarde" hat ihrem Vorbericht den Titel "Ein Klassiker, der gar nicht so super ist" verpasst. Ganz egal ist den Einwohnern von Itacaré das Spiel dann jedoch auch nicht. Die Bar "Libertadores" im Zentrum kündigt die Übertragung des Spiels auf einer Tafel im Fenster an. Eine knappe Stunde vor Anpfiff, haben sich aber kaum Interessierte eingefunden. Zwei Gäste matchen sich auf der Playstation anstatt die Vorberichte zu verfolgen – der FC Bayern behält im virtuellen Duell gegen Manchester United die Oberhand.

    Public Viewing in einer Bar ist selten

    "Die Brasilianer interessieren sich nicht besonders für Freundschaftsspiele ihrer Nationalmannschaft. Das wird sich erst ändern, wenn die WM näher rückt", sagt Martin Curi. Der vor zehn Jahren ausgewanderte Deutsche unterrichtet Anthropologie an der staatlichen Universität von Rio und hat kürzlich den Blog "Brasilien – Im Land des Fußballs" ins Leben gerufen. "Es ist auch nicht besonders populär, die Spiele wie in Europa in einer Bar gemeinsam mit Freunden zu verfolgen", sagt Curi.

     

    Mit dem "Cafe Boteco da Vila" findet sich in Itacaré aber schließlich doch noch ein Ort, wo eine größere Gruppe das Spiel verfolgt. Dort scharen sich rund 25 Besucher vor drei Flatscreens. Die Stimmung ist locker, das Spiel bildet den Rahmen, um ein gemütliches Bier mit Freunden zu trinken und zu plaudern. Die Mehrzahl der Gäste zeigt sich vorsichtig optimistisch. Alan, der amerikanische Besitzer der Bar, hofft auf ein 3:2. Nur einer der Kellner lehnt sich mit seinem Tipp von 5:1 etwas weiter aus dem Fenster.

    Fans in einer brasilianischen Kneipe / Quelle: ZDF

    Fan-Flaute in brasilianischen Bars
    Quelle: ZDF

    Erst ein Tor erweckt Aufmersamkeit

    Das Spiel erfüllt seine Erwartungen vorerst nicht. Die Argentinier, eine dem europäischen Fan mit Ausnahme von Maxi Rodriguez weitgehend unbekannte Elf, agieren defensiv. Die brasilianische Angriffslinie um Santos-Star Neymar, den ins Team zurückgekehrten Luis Fabiano und den hochgehandelten FC-Sao-Paulo-Stürmer Lucas rennt sich immer wieder in den gegnerischen Abwehrreihen fest. Die Gespräche der Barbesucher schweifen ab, erst beim 0:1 durch Martinez geht ein Raunen durch den Raum. Alle drehen sich um zur einzigen anwesenden Argentinierin. Die deutet, schelmisch lächelnd, nicht gejubelt zu haben.

    Der Schock ist jedoch nur von kurzer Dauer. Sechs Minuten später sorgt Paulinho nach Freistoß von Neymar für den Ausgleich. Bis zur Halbzeit entwickelt sich ein recht munterer Kick, die Stimmung in der Bar bleibt für brasilianische Verhältnisse dennoch stark unterkühlt, mit dem Halbzeitpfiff strömen die Gäste hinaus auf die Gasse.

    Hübsche Mädchen statt Sport

    ZITAT
    Bei jedem Meisterschaftsspiel des SC Bahia, von Flamengo oder Corinthians ist mehr los.
    Barbesucher Eduardo
    "Bei jedem Meisterschaftsspiel des SC Bahia, von Flamengo oder Corinthians ist mehr los", meint Eduardo, einer der Barbesucher. "Ich bin nicht wegen des Spiels da, sondern weil ich ausgehen wollte. Hier ist etwas los, es gibt hübsche Mädchen." In der zweiten Hälfte drängt Brasilien auf das 2:1, spielt aber zu schlampig, um Kapital aus der Überlegenheit schlagen zu können. Einzig Lucas lässt seine Klasse hin und wieder aufblitzen. "Er ist in Spiellaune", meint der TV-Kommentator.

     

    Doch ein Lucas macht noch keinen Superclassico, das Spiel ebbt zusehends ab. Zehn Minuten vor Schluss verlassen einige Gäste die Bar, und auch im Stadion von Goiania sieht man zahlreiche Fans den Ausgängen zustreben. Die, die bleiben, verlangen den Kopf von Teamchef Mano Menezes, der nach der Finalniederlage der Brasilianer gegen Mexiko bei den Olympischen Spielen zusehends in die Kritik geriet. "Mano raus" hallt es auch für den TV-Zuseher gut hörbar durch das Stadion von Goiania, mit "Felipao" haben die unzufriedenen Fans auch schon Ersatz parat. Felipé Scolari, der Weltmeistertrainer von 2002, wurde eben bei Palmeiras Sao Paulo seines Amtes enthoben.

    Der Trainer ist Schuld

    Blogger Martin Curi glaubt jedoch nicht an eine Entlassung von Menezes: "Jeder Nationaltrainer in Brasilien muss das durchstehen. Auch Scolari wurde vor der WM 2002 angefeindet. Der Verband schmeißt normalerweise niemanden wegen dieser Rufe raus. Die Presse ist unruhig, aber nicht aggressiv. Ich würde sagen, Mano schafft es bis 2014."

    Im "Cafe Boteco" wird Menezes nicht angefeindet. Die passiven Besucher haben sich schon mit dem Unentschieden abgefunden, als der Ball in der Nachspielzeit einem argentinischen Verteidiger an die Hand springt. Der Schiedsrichter deutet auf den Punkt und Neymar versenkt den fälligen Strafstoß zum verdienten 2:1-Erfolg der "Selecao". Mitten in den Jubel fällt der Schlusspfiff, Barchef Alan dreht der folgenden Analyse der TV-Kommentatoren sofort den Ton ab. Das ewige Duell zwischen Brasilien und Argentinien ist um eine unspektakuläre Episode reicher. In zwei Wochen steigt das Rückspiel im argentinischen Resistencia. Nicht nur in Itacaré blickt man dieser Begegnung gelassen entgegen.

    20.09.2012
    1. Drucken
    2. Merken
    3. Versenden
    4. Teilen auf:

    Merkliste

    Papierkorb Bild
    Merkliste versenden Merkliste schließen

    Merkliste

    Merkliste versenden

    Versenden Sie Ihr Merkliste an Freunde.



     
    * Pflichtfelder  
    Datenschutz
    Das ZDF versichert, Ihre Daten entsprechend den datenschutzrechtlichen Bestimmungen vertraulich zu behandeln.
    Zurück zur Merkliste Absenden Button

    Merkliste

    Hinweis

    Die Merkliste wurde erfolgreich versendet.

    Zurück zur Merkliste Merkliste schließen