Abrufvideo: Mein verrücktes Leben
Von den Autorinnen Caroline Haertel und Mirjana Momirovic
Im Jahr 2020 wird die Depression die zweithäufigste Erkrankung weltweit sein, nur noch übertroffen von den Herz-Kreislauf-Krankheiten. Jeder vierte Mensch erlebt im Laufe seines Lebens einmal eine schwere psychische Krise. Fast drei Millionen Kinder, also jedes dreißigste, lebt derzeit bei uns in Deutschland mit einem psychisch kranken Elternteil zusammen.Familien, die aus ihrem Alltag erzählen:
Wenn sich die Tochter als "Ersatzmutter" fühlt
Frederike war neun Jahre alt, als ihre Mutter an Depression erkrankte. Für das merkwürdige, abweisende Benehmen ihrer Mutter machte sich das Mädchen zunächst selbst verantwortlich. Die Schuldgefühle und die selbstauferlegte Verantwortung für die beiden jüngeren Brüder Moritz (10) und Niklas (13) und die kranke Mutter bedrückten sie so sehr, dass sie die Schule vernachlässigte und sich immer mehr in sich zurückzog. Durch eine Gesprächstherapie hat die inzwischen 14-jährige Frederike gelernt, mit der Krankheit der Mutter besser umzugehen. Nur ihre Neigung, die Verantwortung für alles und jeden zu übernehmen, hat sie noch nicht ganz ablegen können...
Depression ist Teil des Familienlebens
Laras Mutter litt schon unter ihrer Depression, als Lara zur Welt kam. Die ersten Jahre bemerkte Lara nichts von der Krankheit, aber als die Mutter immer öfter für Wochen ins Krankenhaus musste, wurden ihre Depressionen auch Teil von Laras Alltag. Die Tochter bemühte sich, für ihre Mutter da zu sein, sie aus ihrer Antriebslosigkeit zu reißen, sie bei ihrer Traurigkeit zu trösten. Jetzt, wo Lara 13 und in der Pubertät ist, fühlt Lara sich hin und her gerissen zwischen den eigenen Bedürfnissen und den Verpflichtungen gegenüber der Mutter. Manchmal ist Lara einfach wütend darüber, dass sich immer alles nur um ihre Mutter und deren Befindlichkeit dreht. Erst in der letzten Zeit hat Laras Vater erkannt, wie unglücklich seine Tochter ist, und sich überlegt, wie er sie mehr unterstützen könnte...
Offener Umgang hilft
Die Kinderärztin berichtete von ihren kleinen Patienten, die mit Migräneattacken, Koliken, Angstzuständen, und einige sogar mit Psychosen bei ihr vorstellig wurden, während ihre Mütter zwei Stockwerke höher in der Psychiatrie behandelt wurden. Kinder, die unter der Verantwortung, die sie für die kranken Mütter, manchmal auch für die ganze Familie übernommen hatten, selbst erkrankten. Die Ärztin erzählte uns, dass viele der Kinder unter dem Druck der Geheimhaltung der Krankheit leiden und damit unter der Last, sich niemanden anvertrauen zu dürfen.Viele dieser Kinder ertragen diesen Druck nicht und erkranken selbst psychisch. Sich Hilfe für die Kinder zu suchen ist jedoch nicht immer einfach: Laras Vater hat zum Beispiel persönlich erfahren müssen, dass es immer noch Psychiatrische Kliniken gibt, die sich nur um die Erkrankten kümmern und dabei die mitbetroffenen Familienmitglieder vollkommen außer Acht lassen. Dabei zeigen die Kliniken, die in die Therapie der Patienten auch die Familienmitglieder einbeziehen, große Erfolge, von denen alle profitieren. Während der Recherche haben wir von Ärzten und Betroffenen gelernt, dass einige Kinder sogar gestärkt aus dieser schwierigen Situation gehen können - wenn sie professionelle Hilfe in Anspruch nehmen und in der Familie offen mit der Krankheit umgegangen wird. Für alle, die Hilfe suchen, können wir die Website der Bundesarbeitsgemeinschaft "Kinder psychisch erkrankter Eltern" empfehlen. Dort gibt es zahlreiche Informationen zum Thema allgemein sowie eine Auflistung von Einrichtungen und Projekten nach Städten gelistet.Das Beste aus der Situation machen
Auf dieses Thema, das uns zutiefst bewegte, wollten wir unbedingt aufmerksam machen. Doch die Recherche erwies sich, wie erwartet, als extrem schwierig. Trotz der großen Unterstützung durch Kliniken und Institutionen, die sich um die Kinder psychisch kranker Eltern kümmern, haben sich nur sehr wenige Familien bereit erklärt, vor der Kamera über ihr Leben zu erzählen. Umso glücklicher waren wir, als wir Frederike, Niklas, Moritz, Lara und ihre Eltern kennen lernen durften. Zwei starke Familien, die uns ihr Herz geöffnet und gezeigt haben, dass das Leben mit Depressionen manchmal schwer und belastend sein kann - jedoch kein Grund zum Verzweifeln ist.Voller Bewunderung haben wir beobachtet, wie Christoph und Rolf sich aufopferungsvoll um ihre Kinder kümmern. Sie sorgen dafür, dass die Kinder und ihre Bedürfnisse trotz der Krankheit der Mütter nicht zu kurz kommen. Es ist wirklich einmalig, was diese beiden Väter leisten und wie gut es ihren Kinder tut, dass sie wenigstens ein starkes und verlässliches Elternteil haben. Auch Claudia und Ulrike beeindruckten uns sehr, wie sie trotz ihrer sehr schweren Erkrankung den Dreharbeiten - die sich ihre Kinder gewünscht haben - zugestimmt und auch mitgemacht haben. Wir danken ihnen sehr dafür, dass sie so offen über ihre Krankheit erzählt haben und wir so auch ihre Sicht auf ihr Familienleben und die Schwierigkeiten mit der Krankheit im Film darstellen konnten.Großer Dank an die Kinder
Lara, Frederike, Niklas und Moritz haben uns gezeigt, wie stark Kinder sein können, wenn man ihnen die richtige Unterstützung gibt. Die beiden Familien haben für ihre Kinder rechtzeitig professionelle Hilfe in Anspruch genommen und achten stets darauf, dass die Krankheit der Mutter sie nicht zu sehr belastet und sie sich immer gut aufgehoben fühlen. Sie sind das beste Beispiel dafür, wie gut man mit so einer belastenden Situation umgehen kann. Wir danken ihnen, dass sie dadurch vielleicht auch vielen anderen Betroffenen Mut gemacht haben, und wünschen ihnen viel Kraft für ihren weiteren Weg.


