Marion Böhm
Unbeschwert und heiter – so sollten die Olympischen Sommerspiele von München 1972 werden: keine übergroße Polizeipräsenz, keine Uniformen. Absperrungen durch Stacheldraht und bissige Hundestaffeln passen nicht zum Bild der weltoffenen Spiele in München. Stattdessen Leichtigkeit und Lebensfreude.Ende der vergnüglichen Spiele
Doch am elften Wettkampftag enden die vergnüglichen Tage in München jäh: Im Morgengrauen des 5. September verschaffen sich acht palästinensische Attentäter Zugang zum olympischen Dorf. Sie klettern über den Zaun aufs Gelände und dringen ins Quartier der israelischen Mannschaft ein.Tuwia Sokolsky, damaliger israelischer Olympia-Teilnehmer, berichtet später im ZDF: „Morgens um 4.30 Uhr konnte man Schreie hören. Ich sprang aus dem Bett. Ich konnte einen maskierten Terroristen mit einer Kalaschnikow sehen. Ich habe sofort verstanden, was los ist. Mit Gewalt habe ich dann das Fenster aufgebrochen und sprang raus.“ Ringertrainer Moshe Weinberg wird das erste Opfer der Terroristen. Sie erschießen den Sportler bei einem Fluchtversuch. Auch der israelische Gewichtheber Josef Romano wird angeschossen und erliegt später seinen Verletzungen.Kein Sicherheitskonzept
Weitere neun Geiseln werden von den Terroristen im Olympischen Dorf gefangen gehalten. „Ich empfinde das heute noch als eine der schwersten Krisen in der deutschen Nachkriegsgeschichte, was die Sicherheitsorgane betraf“, beschreibt Ulrich Wegener, 1972 Sicherheitsberater im Innenministerium undLinks
Verhandlungen mit Terroristen
Ein Krisenstab wird zusammengerufen, er besteht aus dem Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, dem Polizeipräsidenten Manfred Schreiber, dem Bürgermeister des olympischen Dorfes Walther Tröger und dem bayerischen Innenminister Bruno Merk. Doch sie kennen die Terroristen kaum, die Verhandlungen führt ein gewisser „Issa“, der zehn Jahre in Deutschland gelebt hatte. Und aus Israel kommt die Nachricht, auf die Erpressung auf keinen Fall eingehen zu wollen. „Sollten wir nachgeben, dann ist kein Israeli auf der ganzen Welt jemals mehr seines Lebens sicher. Das ist Erpressung der schlimmsten Sorte“, so die israelische Ministerpräsidentin Golda Meir.Also bereiten sich gewöhnliche Schutzpolizisten auf die heikle Geiselbefreiung vor, doch der Rettungsplan misslingt. Ulrich Wegener: „Das waren eher hilflose Versuche. Wir hatten weder Spezialeinheiten noch Scharfschützen noch irgendwelche Spezialisten, die in der Terrorismusbekämpfung Erfahrung hatten.“Ende in Fürstenfeldbruck
Währenddessen gehen die Spiele weiter, erst um 15.38 Uhr lässt IOC-Präsident Avery Brundage die Wettkämpfe unterbrechen. Am späten Nachmittag dann eine neue Forderung: Die Terroristen wollen nach Kairo ausgeflogen werden. Zwei Hubschrauber bringen Terroristen und israelische Geiseln nach Fürstenfeldbruck. Geplant ist, dass Polizisten im Flugzeug die Attentäter überwältigen. Doch die Aktion wird abgebrochen.Gegen 22.30 Uhr sieht Bruno Merk vom Krisenstab die Chance auf einen Zugriff und befielt: „Feuer frei!“ Es folgt ein Schusswechsel auf dem Rollfeld des Flughafens. Und dann Stille, so erinnert sich Ulrich Wegener: „Es war eine gespenstische Ruhe da – es müsste doch nun was passieren, es müssten Kräfte eingesetzt werden, die nachstoßen und nun zur Befreiung der Geiseln eingesetzt werden.“ Aber der Sturm auf die Hubschrauber erfolgt nicht. Stattdessen jagen die Terroristen per Handgranate einen Hubschrauber mit vier Israelis in die Luft, auch die Geiseln in dem anderen Hubschrauber werden getötet.Die Gründung der GSG9
Als Reaktion auf das Attentat von München 1972 und die misslungenen Polizeieinsätze wird noch im September 1972 die Spezialeinheit GSG9 gegründet. Das Innenministerium beauftragt Ulrich Wegener damit, eine auf Antiterrorkampf und Geiselbefreiung spezialisierte Einheit ins Leben zu rufen. Der größte Erfolg der GSG9 ist die Beendigung der Entführung des Flugzeugs "Landshut" 1977 in Mogadischu.






