Ein Dorf bewaffnet sich
von Isabelle Tümena
ZDFonline: Sie arbeiten oft in Kriegsgebieten, wohin sich nicht viele andere Journalisten trauen. Wie kommen Sie eigentlich an die Front?Jamie Doran: Ich muss viel vorbereiten, bevor ich in diese speziellen Gebiete gehen kann. In Syrien hatten wir einen phantastischen Mann, der drei Wochen vor unserer Reise einen Probelauf über die Grenze startete, um sicherzustellen, dass unser Weg sicher ist. Wir gingen über die Süd-Türkei nach Syrien. Weder die türkische noch die syrische Regierung wären erfreut über unser Vorgehen. Tatsächlich wurden wir bei unserem ersten Versuch erwischt und von türkischen Sicherheitskräften befragt. Wir mussten umdrehen und starteten über eine andere Route einen weiteren Versuch am nächsten Tag – diesmal erfolgreich.Auf der anderen Seite der Grenze trafen wir die Rebellen, die uns von einem Auto ins andere steckten. Wir reisten meist nachts mit wenig Licht, um Angriffen aus der Luft und Artilleriebeschuss aus einer der Militärbasen im Gebiet der sogenannten befreiten Zone zu entgehen. Der schwierigste Teil kam, als wir Aleppo betreten wollten. Wir mussten bei Tageslicht durch Gebiete, die von der Regierung gehalten wurden, und Checkpoints vermeiden, so gut es ging. Weder ich noch mein Kameramann sehen aus wie Araber, also wurden wir in den hintersten Teil eines SUV gepresst.Ein anderes Auto fuhr etwa einen Kilometer voraus, um zu prüfen, ob unser Weg sicher ist. Wir kommunizierten per Code über unsere Handys. Es ist dann eine Fahrt durchs Niemandsland zwischen den Teilen der Stadt, die von Regierungstruppen gehalten werden, und den Teilen, die in der Hand der Rebellen sind. Du fährst durch einen Kreisverkehr und hörst plötzlich von überall Schüsse und Explosionen von Granaten – dann weißt du, dass du am Ziel bist.ZDFonline: Wie schützen Sie sich in solchen Gebieten?Doran: Diese Frage wird mir oft gestellt. und ich kann nur sagen: Wenn du keine Angst hast, bleib zu Hause, fahre nicht hin! Die größte Sicherheit hat man, wenn man ständig wachsam für mögliche Gefahren ist. Ich habe zu viele junge Journalisten und zu selbstsichere Journalisten gesehen, die getötet wurden oder verkrüppelt sind, weil sie nicht daran dachten, was ihnen alles passieren könnte. Ich habe einen festen Kameramann, den ich normalerweise immer in Kriegsgebiete mitnehme. Dieses Mal ging das nicht, weil seine Frau gerade ein Baby zur Welt gebracht hatte. Ich nehme keine Leute mit in Krisengebiete, die von Vorgängen belastet sind, die von außerhalb kommen. Oft kommen junge Reporter an, die ihn fragen: Was willst du mit diesem alten Kerl? Mark, mein üblicher Kameramann, sagt dann immer, dass er sich fühlt, als käme er nach Hause, wenn er mit mir unterwegs sei. Das ist ein schönes Kompliment und ich hoffe, dass das noch ein paar Jahre so weitergehen wird.
Wir waren an der Front ständig in Gefahr: Artilleriefeuer, Bomben aus Flugzeugen und auch Scharfschützen. Eine Kugel eines Scharfschützen zischte an meinem Hinterkopf vorbei, als wir Tote in Salahuddin filmten. Unsere Begleiter dachten eigentlich, sie hätten den Scharfschützen vorher erwischt. Als wir in unsere Unterkunft zurückkamen, machte ich makabre Scherze mit meinem Redakteur: Er solle doch eine Endlosschleife mit Bombenexplosionen und herumfliegenden Kugeln aufnehmen, die ich mir dann vorspielen könne, um besser einzuschlafen. Normalerweise trage ich bei besonderer Gefahr eins kugelsichere Weste, aber es bedeutet auch, dass du dich aus den Kämpfern heraushebst, mit denen du unterwegs bist – das kann dazu führen, dass sich die anderen nicht so offen auf dich einlassen. In diesem Fall habe ich meine Weste meinem Kameramann Jeremiah Bailey-Hooper gegeben. Ich wollte ihm so viel Sicherheit wie möglich bieten und ich muss sagen, dass er in dieser sehr gefährlichen Situation einen herausragenden Job gemacht hat.ZDFonline: Wie leben Sie in diesen Gebieten? Wie kommen Sie an Wasser und Essen?Doran: Selbstverständlich gibt es dort keine Luxushotels oder so etwas Ähnliches. Wir lebten in Wohnungen, die von geflohenen Familien zurückgelassen wurden. Dabei ist mir etwas sehr Interessantes aufgefallen: Ich war in drei solcher Wohnungen während meiner Arbeit an der Front – und immer waren die Wohnungen sauber und ordentlich. Die Rebellen, die diese Wohnungen nutzen, halten sie in einem gepflegten Zustand. Das hatte ich nicht erwartet. Es war offenkundig ein Zeichen des Respekts gegenüber denjenigen, deren Heime sie nutzen. Was Wasser und Essen anbelangt, bin ich seit 30 Jahren Vegetarier und der einzige Grund, dass ich das alles bisher überlebt habe, liegt an der Masse an Energie-Riegeln, die ich immer versteckt bei mir trage. Dem Rest meines Teams gaben die Rebellen täglich eine Mahlzeit ab. Wasser bekamen wir nur aus öffentlichen Pumpen, an denen wir unsere Flaschen auffüllten.
Biografie von Jamie Doran
Der international preisgekrönte Kriegsreporter und Dokumentarfilmer Jamie Doran geht immer dahin „wo es knallt“. Seine Reisen in den letzten Jahren führten ihn nach Syrien, nach Afghanistan, in den Jemen oder in den Sudan.
Die Filme, die dabei entstanden, sind eindrückliche und authentische Einblicke in das Alltagsleben in diesen Krisenregionen.
Doran war sieben Jahre bei der BBC bevor er sich mit einer Produktionsfirma selbstständig machte. Dabei ist er den Grundsätzen des angelsächsischen Journalismus immer treu geblieben: „Get it first, but first get it right!“ und „If in doubt, leave it out.“
Neben den Kriegsreportagen hat Doran auch schon Dokumentationen mit James Cameron („The making of Myth“) oder Tilda Swinton („Africa Rising“) gemacht.
Der Vater dreier Töchter ist glühender Celtic-Glasgow-Fan und reist auch für deren Spiele durch die Welt. Außerdem unterstützt er Kibera Celtic, Tabellenführer der kenianischen Super League, eine Mannschaft aus Kenias größtem Slum Kibera.
Das wird das größte Problem im Syrien nach Assad: Wie lassen sich die gegensätzlichen Ansichten vereinen? Das wird nicht gehen und ich befürchte, dass Assads Ende nicht das Ende des Krieges sein wird. Ich hoffe nur, dass ich da falsch liege.ZDFonline: Wie lange, denken Sie, wird der Krieg andauern?Doran: Ohne eine dramatische Veränderung der militärischen Effektivität der Rebellen wird es ein langer Krieg. Es fehlt unter anderem an Luft- und Panzerabwehrwaffen sowie einer gemeinsamen Kommandostruktur. Viele ausländische Interessen spielen in den Konflikt hinein. Aus Saudi-Arabien, der Türkei und Katar. Die meisten westlichen Länder hoffen auf einen Sieg der Rebellen, während die Chinesen, Russen bis hin zum Iran und der Hisbollah das Regime unterstützen. Diese Zutaten können den Konflikt schwerwiegender als andere aus jüngster Zeit machen.ZDFonline: Warum berichten Sie überhaupt über Kriegsgebiete?Doran: Ich weiß gar nicht genau warum. Ich bin entschieden gegen Krieg, außer in ganz extremen Ausnahmefällen. Dennoch bin ich schlichtweg fasziniert davon, dass die vermeintlich zivilisierte Spezies Mensch Konflikte immer noch nicht ohne Gewalt lösen kann.


