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Dokumentation  | 04.08.2010  Helfer im Grenzbereich

Alltag im Jugendamt

Wedding, Berlins sozialer Brennpunkt. Hier leben Menschen am Rand der Gesellschaft - mitten in der Stadt. Es herrschen Zustände, vor denen viele die Augen verschließen. Für die Mitarbeiter des dortigen Jugendamtes bedeuten sie Arbeit im Grenzbereich. Und doch machen sie diesen Job, trotz aller Widrigkeiten. Weil sie glauben, dass er wichtig ist.  

Wenn alles klar ist, die Kinder im Müll sitzen, es kein Essen gibt, dann nimmt man sie sofort mit, dann hat man keine schlaflosen Nächte, sagen sie beim Jugendamt Berlin Wedding. Aber wenn die Wohnung sauber ist und es gibt nur ein paar wenige verdächtige Hinweise, dann wird es schwierig. Sie nennen es den "Graubereich". Dieser sorgt für die Schweißausbrüche in der Nacht, für Magenschmerzen und dafür, dass manche Kollegen plötzlich ausgebrannt zu Hause bleiben. "Wenn ich etwas falsch mache, werde ich auseinander gepflückt", sagt Ingo Barth, Sozialarbeiter beim Jugendamt Wedding, "dann stehe ich ganz vorne in der Zeitung, auf der Titelseite."

Jugendämter unter öffentlichem Druck

Es heißt, entweder kommen die vom Jugendamt zu früh oder zu spät. Sie hätten zu viel Macht oder nutzten sie nicht rechtzeitig. Jugendamtsmitarbeiter stehen vor Gericht, weil sie gegen den Willen der Eltern ein Kind in Obhut genommen haben, oder weil ein Kind misshandelt oder gar tot aufgefunden wurde.

Wie in Bremen, wo der kleine Kevin im Kühlschrank seines Stiefvaters gefunden wurde, obwohl das Jugendamt den Fall schon lange kannte. "Hoffentlich keine Kühltruhe", sagen manche Kollegen im Jugendamt Wedding sarkastisch, wenn sie zu einer Kinderschutzmeldung ausrücken. Dabei treffen sie selten auf extreme Kinderschutzfälle. Das letzte tote Kind im Bezirk liegt so weit zurück, dass sich niemand erinnert.

Viel Verantwortung, wenig Geld

Yasemin Bandow, Ute Gutjahr und Ingo Barth machen ihren Job im Jugendamt eigentlich gerne. Ihr Arbeitsplatz ist Berlin Wedding, ein ehemaliger Arbeiterstadtteil, in dem sich die grauen Altbauten dicht aneinander reihen, bis an das angrenzende Regierungsviertel. Ein Bezirk, in dem jedes zweite Kind mit Hartz IV aufwächst, 80 Prozent der Schulanfänger einen Migrationshintergrund haben und die Politiker in diesem Jahr ein Haushaltsloch von 42 Millionen Euro stopfen sollen.

Dort kämpfen die drei Sozialarbeiter für ihre Klienten, wie die Familien und ihre Kinder heute genannt werden: für die türkische Mutter, die ihre Kinder wochenlang in ihrer Wohnung alleine ließ, um bei ihrem neuen Mann zu sein, für den ehemaligen Intensivstraftäter, der sein Leben in den Griff bekommen will oder für das zweijährige Kind mit den psychisch erkrankten Eltern, das vielleicht in eine Pflegefamilie soll.

Kaum Kontakt zum "Klienten"

Und oft kämpfen die Sozialarbeiter auch mit den Strukturen und Sparvorgaben ihres Amtes. Zwischen 50 und 70 Klienten betreut einer von ihnen. Oft sehen sie die Familien nur einmal im halben Jahr, zum Gespräch im Amt, um die Hilfe für die nächsten Monate zu planen. Für Hausbesuche bleibt da kaum Zeit. "Man muss sich über jeden kleinen Erfolg freuen", sagt Ute Gutjahr, die selbst im Wedding groß geworden ist, "sonst macht man sich ja kaputt."

Viele Klienten kennen die Jugendamtsmitarbeiter schon jahrelang, oft auch ihre Geschwister, ihre Eltern. "Das ist manchmal Frust", sagt die Regionalleiterin Heike Dorr-Sallmann, "sie haben die dritte Familienhilfe eingesetzt und nichts passiert, eine Frau kriegt ihr sechstes Kind und es wird wieder eine Unterbringung werden. Das muss man erst einmal wegstecken."

Helfer im Grenzbereich - das Video

04.08.2010

ZDFmediathek: Dokumentation

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