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ML mona lisa  Sendung vom 14.07.2012 [Archiv]

Wenn Frauen zuschlagen

Gewalt in Beziehungen ist auch weiblich

Szenen einer Partnerschaft: Ein Streit. Wer schlägt zu? Sind Männer immer die Täter, Frauen immer die Opfer? Gewalt in Beziehungen ist manchmal auch weiblich. Frauen reden nicht darüber, weil sie die Täter sind; Männer reden nicht darüber, weil es ihnen peinlich ist. 

Wenn Frauen zuschlagen

Die Dunkelziffer von Männern, die Opfer weiblicher Gewalt werden, ist hoch. Jeder vierte Mann, so eine Studie des Bundesfamilienministeriums, hat in Beziehungen mit Frauen schon Gewalt erlebt.

(14.07.2012)

Foto von Wunde an Schienbein / Quelle: ZDF
Handyfoto einer Wunde an Ralphs Schienbein (Quelle: ZDF)
Ralph (Name geändert) ist Mitte 30 und Akademiker. Seine Frau auch. Die beiden haben ein gemeinsames kleines Kind. Und seine Frau schlägt zu, etwa alle vier bis sechs Wochen. Ralph trägt die Wunden: Schürfwunden, blutende Fleischwunden an den Schienbeinen, Blutergüsse. Wenn seine Frau zuschlägt, schlägt Ralph nicht zurück. Er ist nicht schmächtig oder klein, aber er würde nie zurückschlagen, vor allem aus Rücksicht auf sein Kind, das er oft auf dem Arm trägt, während seine Frau ihn attackiert. Er könne nicht zur Polizei gehen, sagt er, denn dort, wo sie leben, seien sie zu bekannt.

Kein Einzelfall

Ralph macht sich Sorgen um seine Zukunft, um die seines Kindes und seiner Familie. Was bedeutet es rechtlich, wenn er sich offiziell Hilfe holt? Er weiß es nicht und aus Angst, sein Kind etwa bei einer Trennung zu verlieren, hält er schweigend aus. Mehrmals musste er sich nach Gewaltexzessen seiner Frau ärztlich behandeln lassen. Um nicht erkannt zu werden, ging er zu unterschiedlichen Ärzten. Seine Wunden verdeckt er mit langer Kleidung, um nicht danach gefragt zu werden. Und für die blutigen Kratzer im Gesicht und an den Händen erfindet er Geschichten: „Mal ist es das keifende und kratzende Kind, mal ist es Stacheldraht, an den man drangekommen ist, mal ist es der Busch. Aber das kommt auch nicht vor, dass einer sagt, das glaube ich Dir nicht.“

Georg Fiedeler / Quelle: ZDF
Georg Fiedeler, Männerbüro Hannover (Quelle: ZDF)
Was Ralph seiner Beziehung erlebt, ist kein Einzelfall. Jeder vierte Mann hat in Beziehungen mit Frauen schon Gewalt erlebt, sagt eine Studie des Bundesfamilienministeriums. Gewalt gehe von beiden Geschlechtern zu gleichen Teilen aus, sagt eine andere Studie. George Fiedeler vom Männerbüro in Hannover berät Männer, die Opfer von Gewalt wurden. Die Liste der Gewalttaten an Männern, allein im vergangenen Jahr und nur in Hannover, ist lang und sicher nicht vollständig, denn die Dunkelziffer ist noch viel höher. ML mona lisa hat mit ihm gesprochen:

 

Interview mit Georg Fiedeler

Welche Gewalt erfahren Männer in Beziehungen?

Männer erleben alle Formen von Gewalt, die man sich vorstellen kann: Physische Gewalt, psychische Gewalt, soziale und ökonomische Gewalt. Das Spektrum geht von Kratzen, Beißen, Schlagen, Treten, Würgen, mit Messern bedrohen oder auch verletzen bis hin zu Totschlägen. Gewalt in Beziehungen kommt bei beiden Geschlechtern vor. Gewalt hat kein Geschlecht.

Gehen misshandelte Männer zur Polizei?

Es gibt kein gesellschaftliches Rollenvorbild für Männer als Opfer von häuslicher Gewalt. Man kennt Frauen, die von Gewalt betroffen sind; dass Männer die größte Opfergruppe bei allgemeiner Gewalt darstellen, steht nicht im Fokus der Öffentlichkeit. Das macht es den Männern besonders schwer, sich dementsprechend zu verhalten: Wenn sie selbst von Gewalt betroffen sind, zögern sie, zur Polizei zu gehen. Vor allem, weil sie befürchten, als unmännlich zu gelten, aber auch, weil sie vor der Reaktion der Polizei Angst haben, dass nämlich ihre Gewalterfahrung dort nicht ernst genommen wird. Männer haben Probleme zu realisieren, dass sie zum Opfer geworden sind. Sie blenden das häufig aus, nehmen es nicht wahr und haben das Gefühl, sie hätten alles im Griff. Es sei ja nicht so schlimm und es werde schon weitergehen. Sie haben ebenfalls Angst, ihre Beziehung durch eine Anzeige zu gefährden. Das ist häufig eine große Motivation, die Probleme im häuslichen Umfeld zu belassen. Für Frauen gilt das im gleichen Maß.

Warum wehren sich stärkere Männer nicht?

Viele Menschen glauben, dass Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt geworden sind, Opfertypen sind; dass es kleine, schmächtige Männer sind oder Männer mit wenig Selbstbewusstsein. Ich mache häufig die gegenteilige Erfahrung. Es kommen Männer her, die sind Iron Men, Sportler, sind groß, kräftig und werden dennoch von ihren Frauen geschlagen. Sie haben Hemmungen, Frauen Gewalt anzutun; es sind häufig Männer, die in ihrem Leben gar keine Gewalt haben wollen und nach friedlichen Wegen suchen. Aber jeder trägt die Verantwortung für sein eigenes Handeln. Es gibt immer andere Möglichkeiten: Wenn mir jemand beispielsweise nicht antwortet, kann ich mich abwenden und das Zimmer verlassen. Ich kann mich im ruhigen Gespräch so äußern, dass ich eine Kommunikation einfordern kann oder ich kann mich trennen. Es gibt immer andere Möglichkeiten und es besteht keine Notwendigkeit zur Gewalt.

Wann suchen Männer Hilfe, welche Ängste haben sie?

Männer brauchen lange, sogar länger als Frauen, um sich Unterstützung und Beratung zu holen. Sie kommen schließlich, wenn der Leidensdruck besonders groß wird und es für sie unaushaltbar geworden ist. Spätestens dann, wenn eine aktuelle Gewalttat vorgefallen ist und sie mit den psychischen Folgen zu kämpfen haben, wenn Bilder wieder auftauchen oder Ängste plötzlich wahrgenommen werden. Diese Männer sind der Situation ohnmächtig ausgeliefert und haben kein Handlungsrepertoire, darauf zu reagieren; sie sorgen nicht gut für sich.

Einerseits lieben sie den Partner noch und möchten die Beziehung aufrecht erhalten, andererseits erfahren sie Gewalt. Wenn sie aus der Gewalt aussteigen würden, würden sie eventuell die Existenz der Beziehung gefährden und davor haben viele Männer Angst. Und ebenso häufig haben Männer, die nie gewalttätig geworden sind, Angst, Konsequenzen zu ziehen bei einer Trennung keinen Zugang zu den Kindern mehr zu haben. Außerdem haben sie Angst, dass die Kinder eventuell gefährdet sein könnten und das ist immer eine doppelte, ambivalente Bindung.

Wie Frauen zu Tätern werden

Sarah (Name geändert) ist Mitte zwanzig, sie wurde als Kind und später auch im Heim Opfer massiver Gewalt. Mit zwölf Jahren schlug sie dann das erste Mal selbst zu. Und sie gibt zu: „Es hat mir dann auch Spaß gemacht, leider, die Leute auch mal zu quälen. Ich wollte das einfach mal weiter geben, was ich gelernt habe und was ich abbekommen habe. Es war ein schönes Gefühl, mal zu sehen, denen geht es jetzt auch mal dreckig, nicht nur mir.“ Oft reichten schon geringste Anlässe und Sarah flippte aus, besonders wenn Alkohol im Spiel war. Später richtete sie ihre Aggressionen auch gegen sich selbst; noch heute fügt sie sich selbst Wunden zu. Hilfe fasst sie schließlich bei einer Opferberatungsstelle. Heute geht sie nicht mehr auf andere los und lebt in einer festen Beziehung. Weil sie um die Konsequenzen weiß, schlägt sie nicht mehr zu, hat gelernt, sich zurückzuhalten. Doch ihr Fall ist nur ein Beispiel dafür, wie auch Frauen zu Tätern werden.

14.07.2012

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