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Beitrag  | 24.04.2012  Und wieder hat keiner was bemerkt

Leben wir in einer Wegsehgesellschaft?

Geht es Ihnen auch so wie mir, dass Ihnen manchmal der Satz über die Lippen kommt: "Ja, haben die denn immer noch nicht dazu gelernt?!". Da passiert etwas, und alle schwören: Nie wieder, jetzt passen wir auf, so etwas darf nie wieder vorkommen.  

von Peter Hahne

Kind wird geschlagen
Kind wird geschlagen (Quelle: imago)
Und dann geht man irgendwie zur Tagesordnung über, vergisst alle guten Vorsätze und lebt so weiter wie bisher. Wütend bin ich, wenn durch solche Leichtfertigkeit Leben aufs Spiel gesetzt wird. So wie jetzt bei der vierjährigen Clara in Berlin. Auch an dieser Stelle hatte ich schon einmal mit deutlichen Worten angemahnt: Wir dürfen uns als Gesellschaft nicht aus der Verantwortung stehlen, wenn Kinder misshandelt und missbraucht werden oder durch Verwahrlosung sterben müssen. Und die Jugendämter müssten zur Rechenschaft gezogen werden, wenn die Hilfeschreie ungehört bleiben.

Zuletzt haben sich beim Tod der kleinen Chantal alle geschworen - und mit den Verantwortlichen saß ich zusammen in der Talkshow meines Kollegen Günther Jauch: So etwas darf nicht mehr vorkommen, die Jugendämter sind sensibilisiert, aber auch Nachbarn und Verwandte sind bereit, lieber einmal zu viel als zu wenig die Polizei oder die Ämter zu verständigen, wenn sie Verdächtiges beobachten.

Hat das Jugendamt versagt?

Tief erschüttert bin ich über den Tod der kleinen Clara. Das Mädchen könnte noch leben, wenn sich alle an die Vorsätze gehalten hätten. Alles lief wieder so ab wie immer, bis es dann zu spät und wieder ein kleines Leben ausgelöscht war. Die 20-jährige Mutter zog zu ihrem Freund, doch das Paar wurde mit der kleinen Tochter nicht fertig. Dazu kam, dass die Mutter - bei der Geburt von Clara selbst noch ein Kind - manisch-depressiv ist, also extrem schwankende Hochs und Tiefs erlebt. Deren Vater verständigte das Jugendamt, weil er sich Sorgen um seine Enkelin machte. Doch das Amt reagierte erst sechs Tage später und schickte eine Sozialarbeiterin zur Wohnung. Die klingelte vergeblich, denn niemand öffnete. Also gab's eine schriftliche "Ladung" der Eltern, die sich im Jugendamt melden sollten. Drei Wochen später! Claras Mutter sagte diesen Termin dann kurzfristig ab. Zwei Tage später war das Mädchen tot, erstickt mit einem Kissen.

Und wieder meine Frage: Haben wir denn aus den anderen schrecklichen Fällen wirklich nichts gelernt? Warum ruft der Großvater das Jugendamt an, statt sich erstmal selbst zu kümmern? Warum macht er sein Anliegen nicht eilig, damit sofort reagiert werden kann? Oder redet mal mit den Nachbarn. Die scheinen ja auch nichts bemerkt zu haben, obwohl die junge Familie in einem Mehrfamilienhaus wohnte. Ja, wo leben wir denn??!! Sieht denn jeder nur noch auf sich und seine Sache? Wir scheinen zu einer Wegsehgesellschaft geworden zu sein, die sich immer erst aufregt, wenn's zu spät ist.

Alle sind zuständig

Wieder musste ein Kleinkind mit dem Leben bezahlen, weil nichts in seiner Umgebung funktionierte. Eine Kette von (Mit-)Menschen hatte mit der kleinen Clara zu tun, doch jeder schob die Verantwortung auf andere nach dem Motto: Ich bin ja nicht zuständig. Doch! Zuständig sind wir alle, Nachbarn, Verwandte, Freunde. Und ein Amt, das extra für solche Fälle eingerichtet und ausgestattet wurde, erst recht.

Dass in letzter Zeit auch immer die Jugendämter eine Rolle spielten, wenn Kinder ermordet oder tot aufgefunden wurden, ist ein Skandal. Dann wird schnell von unglücklichen Verwicklungen gesprochen und von menschlichen Fehlern. Doch dazugelernt haben wir offenbar nichts in unseren Behörden. Dabei geht es um Menschenleben, um die Schwächsten unserer Gesellschaft: die Kinder.

24.04.2012

ZDFmediathek: Peter Hahne

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