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ZDFzoom  | 11.07.2011  Burnout ist (leider) kein Beinbruch

Ambulante Unterversorgung psychisch Kranker in Deutschland

Die "Angeklagten" freuen sich. "Danke, dass Sie dieses Thema einmal aufgreifen!" Diesen Satz höre ich oft bei meinen Recherchen - von Psychotherapeuten, von Psychiatern, von Hausärzten. Dabei greift mein Film sie alle in gewisser Weise an, denn er prangert die ungenügende ärztliche Versorgung psychisch kranker Menschen in Deutschland an.  

von Annette Hoth

zdf.de
Noch spät abends im Büro (Quelle: ZDF)

Die einen haben nicht genug Zeit für Patienten mit Burnout, weil diese lange Gespräche bräuchten. Ein niedergelassener Arzt aber verdient sein Geld dadurch, dass er möglichst viele Menschen in möglichst kurzer Zeit durch seine Praxis schleust.

Die anderen nehmen sich die nötige Zeit, doch dadurch sind ihre Praxen verstopft und die Wartezeiten schier unendlich: Eineinhalb Jahre bei einem Psychotherapeuten, mit dem ich sprach. So lange kann ein kranker Mensch nicht warten. Jemand, der sich ein Bein gebrochen hat, dringt innerhalb von Minuten zu einem Notarzt durch, der ihm hilft. Doch ein Burnout ist kein Beinbruch. Leider. Schnelle Hilfe für wunde Seelen? Keine Chance in Deutschland.

Verhinderter Helfer

Leiden verschlimmert sich

Und das schmerzt auch die verhinderten Helfer, wie Psychotherapeut Rolf Wachendorf aus Esslingen. "Wir haben einen wachsenden Bedarf an Leuten, die Hilfe brauchen, und ein System, das eine zeitnahe Versorgung systematisch gegen die Wand fährt", sagt Wachendorf. Es ist Mitte des Quartals und sein Budget schon ausgeschöpft. Für jeden weiteren Patienten, den er über dieses Budget hinaus behandelt, wird sein Honorar gekürzt.

ZITAT

Wir tun zu wenig, um die Menschen davor zu schützen, krank zu werden. ”

Kilian Mehl, Chefarzt der Klinik Wollmarshöhe

"Wenn mich jetzt ein Patient anruft und sagt: 'Ich will morgen einen Termin' - selbst wenn ich einen Termin frei hab, dann weiß ich: Wenn Du den machst, dann bekommst Du 40 Prozent weniger Honorar. Mindestens. Eventuell auch mal gar nichts. Das ist - wenn man Angestellte hat, die davon bezahlt werden sollen - einfach nicht wirtschaftlich zu tragen. Das kann ich nur in Ausnahmefällen machen. Schnelle Hilfe wird wirtschaftlich bestraft. Das ist eine deutliche Fehlsteuerung in Richtung Langzeitversorgung."
Und so landen viele Burnout-Patienten in Kliniken. Sechs bis acht Wochen oft, weil sich ihr Leiden während der langen Wartezeit auf einen freien Psychotherapieplatz verschlimmert. Ein Drittel seiner Patienten, schätzt Kilian Mehl, Chefarzt der psychosomatischen Klinik Wollmarshöhe in Bodnegg, "müsste nicht hier sein, wenn die Menschen früher aufgefangen würden". Traurig für die Betroffenen, teuer fürs Gesundheitssystem.

"Obwohl wir alle wissen, dass Depression, Burnout, all diese Dinge zunehmen und bald an Platz 1 sein werden - auch nach den Statistiken der Weltgesundheitsorganisation -, tun wir zu wenig in der Prävention. Wir tun zu wenig, um die Menschen davor zu schützen, krank zu werden. Ich bin vielleicht auch Unternehmer, aber in erster Linie Mediziner, und ich denke, die Zeiten müssen vorbei sein, wo Mediziner ausschließlich warten, bis Menschen krank werden, und daran verdienen. Auch in der Prävention, in der Vorsorge, sollten Ärzte verdienen können. Das ist sicherlich eine fast schon höherwertigere Aufgabe, als sich nur um die Krankheit zu kümmern, und würde dem gesamten Gesundheitssystem gut tun."

Ein Anruf genügt

ZITAT

Wir tun zu wenig, um die Menschen davor zu schützen, krank zu werden. ”

Kilian Mehl, Chefarzt der Klinik Wollmarshöhe

Mancherorts findet sich aber doch schnelle, ambulante Hilfe, die im besten Fall sogar den Gang in die Klinik überflüssig machen kann. Bei "Gapsy" in Bremen beispielsweise: Ein Anruf genügt, und schon kommt Hilfe nach Hause. Oder es wird ein sogenannter Rückzugsraum zur Verfügung gestellt, wenn man dringend mal raus muss aus der Welt. Dennis North hat Gapsy erst nach einem Klinikaufenthalt entdeckt, und das bekümmert ihn bis heute. Hätte er diese Hilfe früher gefunden, sagt der gebürtige Engländer, der seit über 30 Jahren in Deutschland lebt, "es ginge mir bedeutend besser. Von Anfang an diese Unterstützung - Begleitung zu Ärzten oder zum Arbeitsamt - dann wäre ich nicht so tief gefallen, bis ich fast verbuddelt war. Und dann dieser weite Weg wieder raus aus diesem Loch, der wäre mir erspart geblieben. Das war schlimm."

Doch es leiden nicht nur die psychisch Kranken unter unserem Gesundheitssystem. Es leiden auch die Ärzte und Therapeuten, die helfen könnten und wollten, wenn dieses System sie nur ließe. Rolf Wachendorf bringt es auf den Punkt: "Das ist eine Schweinerei, das ganze System."

11.07.2011

ZDFmediathek: ZDFzoom

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