Michael Wollny und sein Trio <em>
von Gerald Giesecke
Seit einigen Monaten wird debattiert in deutschen Jazzer-Kreisen. Losgetreten von einer Initiative der Union Deutscher Jazzmusiker UDJ fordern zahlreiche Musiker unter anderem Mindest-Gagen, neue Spielstätten, forcierte Jazz-Ausbildung und eine deutlichere Präsenz der Gattung in den Medien. Verbunden ist diese Debatte mit Fragen nach dem vertretbaren Anteil an "Kulturbürokratie" - in dem Genre der Improvisation schlechthin - sowie zum mehr oder weniger ambivalenten Verhältnis von Kreativität und Geld oder auch nach zeitgemäßer Kulturförderung. All dies vor dem Hintergrund schwindender Verkaufszahlen und Popularität: der Anteil an Jazz im Musikmarkt liegt mittlerweile unter zwei Prozent und - ob berechtigt oder nicht - bei vielen potentiellen Fans löst "Jazz" fast schon reflexartige Skepsis aus.Hat der Jazz ein Vermittlungsproblem?
Michael Wollny, 33, sieht in der Debatte in erster Linie eine Frage des Images: "Ja, es gibt so etwas wie ein Vermittlungs-Problem, wenn es um 'Jazz' geht. Aber da ist wirklich grad 'ne ganz besondere Energie im Raum. Ich würde sagen, es steht um den deutschen Jazz wahnsinnig gut, weil einfach unglaublich viel kreatives Potential da ist. Und man überall interessante, verrückte, junge, ältere, traditionellere, weniger traditionellere … alle Pluralität, die man irgendwie dem Jazz zuordnen kann, finden kann."Der "wildromantische" (ZEIT) Michael Wollny, im Trio symbiotisch mit Eva Kruse am Bass und Eric Schäfer an den drums, hält sich dabei an alles andere als an das, was man gemeinhin mit "Jazz" verbindet - oder auch das, was Eingefleischte vom "Jazz" erwarten. Dies ist auch ein Grund für ihren Erfolg. Auf seiner neuen Scheibe "Wasted & Wanted" rocken, hämmern, säuseln, winseln, tschirpen und tuscheln sich die drei Musiker denn auch munter durch Genres und Zeiten. Ob Mahler, Schubert oder auch Kraftwerk - niemand ist vor ihrer Bearbeitung sicher. Was er sucht, so Wollny zum Beispiel über "Das Model" von Kraftwerk, ist das Unerwartete: "Wichtig war der Gedanke, wir machen etwas, das über das normale Maß hinausgeht, wir machen eine infernale Steigerung dieses Songs und seiner Bestandteile."Neue CD
Wasted & Wanted
von Wollny, Kruse und Schaefer
Audio CD - 2012
ACT Music
Horror und Fantasie
Es ist schon erstaunlich – wo der Pianist Wollny seine Musen findet.Darunter: Horror- und Fantasiestreifen, bevorzugt japanischer Herkunft. Seine Lieblingsregisseure von dort sind Takashi Miike und Kiyoshi Kurosawa. Derartige Streifen und Jazz - für Wollny gibt's da einige Gemeinsamkeiten: "Ich glaube, für mich ist die Spannung an diesem grenzübergreifenden Kino, diesem grenzübergreifenden Genre das Unerwartete. Dass also Leute Strategien finden, wie man den Zuschauer aus der Reserve lockt. Dass man nicht so richtig weiß, was zu erwarten ist, dass man auch mit scheinbar einfachen Erzählmethoden ganz komplexe Löcher, Falltüren öffnet, in die man dann als Zuschauer reinfallen kann. Und das ist durchaus auch musikalische Strategie. Im Rahmen dieser Band muss ich allerdings sagen, dass jeder von uns ein eigenes Koordinatensystem aufrufen würde, was für uns wichtig ist. Und ich bin da mit meinem Horrorfilm-Hobby ein bisschen alleine. Aber das macht ja auch nichts.""Es ist ein wenig wie ein Tanz", sagt Michael Wollny über sein intimes Verhältnis zu den Tasten des Flügels. Man tanzt um eine feste Achse, der Flügel ist ja nicht sehr mobil. Er steht einfach auf der Bühne, aber man hat so das Gefühl, als ob dort verschiedene Energieströme rausfließen, an denen man sich dann entlang bewegen muss."Tourdaten
30.06. Krefeld (D) | Jazz an einem Sommerabend
18.07. Altenhof (D) | Kuhhaus
18.09. Pullach (D) | Bürgerhaus
19.09. Fürstenfeldbruck (D) | Veranstaltungsforum
20.09. Gauting (D) | Bosco
21.09. Lüdinghausen (D) | Burg Vischering
22.09. Hamburg (D) | Mojo
23.09. Altensteig (D) | Bürgerhaus Altensteig


