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aspekte  | Sendung vom 20.01.2012 [Archiv] Vorbild oder pure Legende?

Die mediale Wiederauferstehung des alten Fritz

Wenn er Geburtstag feierte, musste man früh aufstehen: Punkt 4.00 Uhr morgens nahm Friedrich der Große die Gratulationen seiner Generäle entgegen - vier Stunden vor Sonnenaufgang. Seit Jahrhunderten steht er so für die preußischen Tugenden: Disziplin, Fleiß und Sparsamkeit. Wäre sein 300. Geburtstag nicht ein Anlass, sich im hochverschuldeten Europa wieder auf den alten Fritz zu besinnen?  

von Frank Vorpahl

Friedrich dem Großen
Friedrich dem Großen (Quelle: ZDF)

Besser nicht, meint Jens Bisky in seinem erfrischendem Friedrich-Lesebuch "Unser König": "Er ist ein Mann, der Geld ausgibt", sagt Bisky, "der gerne seinen persönlichen Steckenpferden folgt - und etwa für Kirschen, seine Hunde, Flöten und Tabakdosen sehr viel mehr Geld ausgibt, als uns vernünftig erscheinen mag. Ja soll er, er ist König. Er ist auch nicht der zähe, allein seine Pflicht erfüllende Beamte oder Offizier. Das ist spätere Legendenbildung."

"Man war froh, dass er weg war"

Mehr als 200 Jahre nach seinem Tod geht Friedrichs letzter Wunsch im Jahr 1991 in Erfüllung: Endlich wird er in Sanssouci begraben, an der Seite seiner Windhunde. Und natürlich wird der alte Fritz dabei als Symbolgestalt für die deutsche Einheit bemüht. So viel Pathos allerdings brachten die Preußen bei Friedrichs Tod 1786 nicht auf - wie Tillmann Bendikowski jetzt in seiner Friedrich-Biografie verrät: "Die Trauer war nicht groß, sie hat lange gedauert die Regentschaft, die Menschen, die Preußen waren des Königs überdrüssig. Man war froh, dass er weg war."

Friedrich der Große-Buchtipps von Redaktionsleiter Christhard Läpple

Seine Wiederauferstehung erlebt der alte Fritz erst 50 Jahre nach seinem Tod, durch die Bilder Adolph Menzels. Friedrich wird zum frühen Comic-Held - von der Wiege bis zur Bahre. Und so lernt ihn jedes Kind in Preußen kennen: Als Bauherrn von Sanssouci und begabten Flötisten, als klugen Freund Voltaires und draufgängerischen Feldherrn. Die Macht der Bilder macht Friedrich groß. "Wenn Sie so wollen, wurde aus Friedrich dem Großen nun der 'alte Fritz' - diese plüschige Inszenierung des alten Königs", sagt Bendikowski. "Man kam ihm eigentümlich nahe, er wurde vertraut, auch emotional vertraut. Und Menzels Bilder sind ein bisschen der nötige Geschichtskitsch, der Friedrich den Großen den Preußen und den Deutschen so nahe brachte."

Inszenierte Flucht vor dem Vater

Den vielschichtigen Charakter hinter Menzels Bildern hat der Historiker Johannes Kunisch erkundet - in einem profunden Psychogramm. Friedrichs qualvolle Kindheit: Kunisch sieht sie als Drama des begabten Kindes, das vom Vater kujoniert wird. Muss der Junge immer lesen? Kann er nicht zur Büchse greifen? Soll dem Soldatenkönig ein Weichling auf dem Thron folgen? Das will er ihm schon austreiben. Doch Kronprinz Friedrich verschanzt sich in Rheinsberg - seinem Musenhof. Die Flöte zieht er der Büchse allemal vor. Hier schreibt er seinen Anti-Machiavelli. Ein Gegenentwurf zum despotischen Vater. Es ist ein Vater-Sohn-Konflikt, der sich ständig zuspitzt. Schließlich will der junge Kronprinz aus Preußen flüchten.

zdf.de
Friedrich II. der Große - Gemälde (Quelle: Ullstein/Lombard)
Doch warum macht der hochintelligente Friedrich dabei so dilletantische Fehler macht? Kunisch vermutet, Friedrich wollte gar nicht fliehen, sondern den Konflikt mit dem Vater zur Entscheidung treiben. Die inszenierte Flucht scheitert: Friedrich wird festgenommen und auf der Festung Küstrin eingekerkert. Jetzt droht der Vater ihm mit der Todesstrafe. "Er wird festgenommen, verhört als Deserteur - auf Desertion steht die Todesstrafe", so Jens Bisky. "Es ist lange nicht klar, wie der Vater entscheiden wird, Friedrichs Leichtmut und Hochmut, den er am Anfang hatte, verfliegt relativ rasch und dann ist er mit sich und der Bibel allein."

Kleiner Salon statt Protzerei

Das Schlimmste: Anstelle Friedrichs wird Katte, sein Freund und Fluchthelfer, hingerichtet. So wird Küstrin für Friedrich zum Trauma. Ein Trauma, das ihn lebenslang verfolgt? Wie unter Zwang sucht Friedrich von nun an immer das höchste Risiko. Kurz nach seiner Krönung greift er Österreich an - ein Gegner so übermächtig wie einst sein Vater. Friedrich reitet selbst in die riskantesten Schlachten - immer hautnah am Abgrund. Und die Aufklärung - war sie für Friedrich nur eine Schwärmerei? Er sei der erste Diener seines Staates, erklärt er dem Philosophen Voltaire. Doch rangiere die Staatsräson schließlich vor der Moral.

Dennoch schafft Friedrich die Folter ab und setzt eine epochale Rechtsreform in Gang: Vor dem Gesetz sollen fortan alle Preußen gleich sein. Anstelle höfischer Protzerei setzt er den kleinen Salon. Doch auch von den Untertanen erwartet er Genügsamkeit.

Sehnsucht nach Helden

"Wenn ein lang gedienter Beamter um Beförderung nachsucht und er dann sagt, er hätte ja auch alte Maulesel im Stall, ohne dass die befördert werden müssten, dann ist das schon kränkender, als es nötig ist", so Jens Bisky. "Und wenn man das in der Summe immer wieder liest, dann überrascht einen das und auf der anderen Seite überrascht einen dann auch, mit welcher ungeheuren Demut die Heroen der deutschen Aufklärung nach 1786 Friedrich auf den Sockel stellen." Auf hohem Sockel aber thront der alte Fritz auch heute wieder - als sei die Sehnsucht nach Helden noch größer als der große Friedrich selbst.

20.01.2012

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