Der frühere SPD-Außenpolitiker Egon Bahr bezeichnete Europa als Lachnummer. In der ZDF-Sendung "maybrit illner" zeigte er Verständnis für die wachsende Distanz der Vereinigten Staaten zu Europa. Würde er Europa als Amerikaner beobachten, wüsste er auch nicht, an wen er sich wenden sollte.
"Drei Telefonnummern für Obama in Europa"
US-Präsident Barack Obama habe in der EU schlicht keinen Ansprechpartner, der für die Staatengemeinschaft sprechen könne. Statt wie einst von Präsident Henry Kissinger gefordert, habe der Mann im Weißen Haus nicht eine, sondern drei europäische Telefonnummern. "Mit wem soll er reden?", fragte Bahr und fügte hinzu: "Es gibt doch gar kein Europa!" Niemand sei derzeit in der Lage vorauszusagen, wann die Gemeinschaft endlich mit einer Stimme sprechen werde. Das sei aber für die Stellung Europas in der Welt unerlässlich.Der frühere CDU-Wirtschaftsexperte Friedrich Merz warnte vor "Wehklagen" darüber, dass Europa in den USA auf relativ wenig Interesse stoße. Amerika sei immer innenpolitisch ausgerichtet gewesen. Mit der US-Präsidentenwahl sei nun "ein neues Spiel eröffnet", in dem die Europäer mit möglichst einiger Stimme ihre Positionen formulieren müssten. Die "entscheidende Figur in Europa" sei der Präsident der EU-Kommission. Die Besetzung dieses Amtes mit José Manuel Barroso lasse allerdings den Schluss zu, die EU-Staats- und Regierungschefs wollten "eigentlich gar keinen starken Kommissionspräsidenten haben". Gäbe es den, gäbe es auch eine Telefonnummer für Obama, sagte der Chef des Vereins Atlantik-Brücke."Die USA wird sich unabhängiger machen"
Merz sagte zwei Entwicklungen für die USA und die Welt für die nahe Zukunft voraus. Zum einen werde Obama weiter versuchen die Energieversorgung seines Landes unabhängig von der arabischen Welt zu gestalten. Damit werde Energie in den USA im Vergleich zu Europa und Deutschland wesentlich günstiger und damit die schon jetzt steigende Industriequote weiter befördert. Zum anderen werde diese Unabhängigkeit dazu führen, dass der Mittlere Osten für die Amerikaner uninteressant werde und die Verantwortung für diese Region von anderen übernommen werden müsse."Fiscal Cliff" – fiskalische Klippe – nennen Experten das, was den USA am 1. Januar bevorsteht. Finanzexpertin Silivia Wadhwa zeigte sich im Verlauf der Sendung jedoch optimistisch, dass es vor dem Desaster zu einer Einigung zwischen Obama und den Republikaner geben werde. Wie so oft in solchen Fällen, würden einfach wieder die Geld-Druckmaschinen angeworfen. Grundsätzlich seien die Probleme der USA durchaus vergleichbar mit denen in Europa: hohe Staatsverschuldung und zu wenig Arbeitsplätze. Ihrer Ansicht nach müssten die Republikaner unter Obama lernen, dass in der Krise aber mehr Staat auch ein guter Wirtschaftsfaktor sein könne, so Wadhwa."Obama hat es schlecht gemacht"
Auf Mitt Romney als neuen US-Präsident hatte Martin Richenhagen, Vorstandsvorsitzender des drittgrößten Landmaschinenherstellers der Welt AGCO, gehofft. Am Ende habe er sich "gut geschlagen". Er wissen zwar nicht, ob Romney es besser machen würde, so Richenhagen, "aber ich weiß, dass Obama es schlecht gemacht hat". Richenhage vermutete, dass Obama nun, da er nicht noch einmal wiedergewählt werden kann, kompromissbereiter auf die Republikaner zugehen und die eigenen Anhänger in manchen Punkten enttäuschen werde, um dem Land weiteren Stillstand zu ersparen.Scharfe Kritik am Agieren Israels gegenüber den USA übte Bahr im späteren Verlauf der Sendung. "Ich halte es auf Dauer für schwer erträglich für die Vereinigten Staaten, in Israel eine Regierung zu haben, die sich ganz offensichtlich lustig macht über die Amerikaner", so Bahr bei Maybrit Illner. Die Israelis könnten "machen, was sie wollen, sie können mit dem Feuer spielen". US-Präsident Barack Obama hingegen habe praktisch keinen Spielraum. "Der muss die ja schützen", sagte Bahr. Das sei "eine Situation, in der die Amerikaner nicht verharren können, wenn sie Selbstachtung haben". Er hoffe, dass Obama in seiner zweiten Amtszeit außenpolitisch weniger Kompromisse als bisher machen werde. "Er ist jetzt frei, auch außenpolitisch mutiger zu sein", betonte der SPD-Politiker.

