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sonntags  Die Würde des Menschen zählt auch bei Wettkämpfen

Interview mit Olympiapfarrer Thomas Weber

Der evangelische Pfarrer Thomas Weber begleitet die deutschen Olympioniken nach London. Als Olympiapfarrer betreut er die Sportler bei Sieg und Niederlage. Im Interview kritisiert Weber, wie Medien und Offizielle bei den Spielen mit den Sportlern umgehen. 

Der Zauber des Sports

sonntags vom 22. Juli beschäftigt sich mit Sport und Bewegung. Wir besuchen eine Luftakrobatin, einen Seniorenmeister im Bodybuilding und den ehemaligen Langstreckenläufer Dieter Baumann.

(22.07.2012)

Interview von Ulrich Hansen

ZDFOnline: Sie sind als Olympiapfarrer bei den Olympischen Spielen in London dabei. Welche Aufgaben kommen auf Sie zu?

Thomas Weber: Unsere Aufgabe in London besteht zunächst darin, Kontakt zur Mannschaft aufzunehmen. Ebenso werden wir Andachten und Gottesdienste im religiösen Zentrum des Athletendorfes anbieten. Und wir stehen als Ansprechpartner zur Verfügung. Da ist auch manchmal so etwas wie Notfallseelsorgeeinsatz erforderlich, wie auch in einer Gemeinde, wenn etwas Schlimmes passiert und ich als Pfarrer gebeten werde, die Nachricht zu überbringen. Also eine Art Feuerwehr, aber ich hoffe, dass das in London nicht nötig sein wird. Ich hoffe auch, dass die Sicherheit der Olympischen Spiele gewährleistet ist und es kein Attentat geben wird.

ZDFOnline: Wie haben Sie die Situation der Sportler bei den Wettkämpfen erlebt?

Weber: Ich habe oft erlebt, dass Sportler enttäuscht sind, wenn sie bei Olympia ihr Bestes geben, der Gegner aber vielleicht noch besser war. Unter dem Strich zählt dann am Ende eines Tages nur die Platzierung, dann heißt es, jemand ist nur siebter oder nur achter geworden. Dann frag ich mich, ob der Sport und auch die Medien nicht sehr unbarmherzig sind, die das vorher hochspielen und von "unseren Goldhoffnungen" sprechen. Niemand spricht von unseren Silber- oder Bronzehoffnungen.
Olympiapfarrer Thomas Weber
Olympiapfarrer Thomas Weber (Quelle: imago)

Wenn aber alles andere als der Platz auf dem Siegerpodest nichts mehr zählt, dann merke ich auch, wie den Sportlern das wehtut. Denn was die jungen Leute im Laufe ihres bisherigen Lebens alles für ihren Sport geleistet haben, ist enorm, allein vom Zeitpensum her, was Training und Wettkämpfe angeht. Hinzu kommt das ganze familiäre Umfeld, wie oft die Eltern ihre Kinder in den frühen Jahren zu Wettkämpfen oder zu Stützpunkttrainingslagern gefahren haben. All das kann man sich als Außenstehender gar nicht vorstellen.

ZDFOnline: Was bedeutet es, ein Leben als Leistungssportler zu führen?

Weber: Ständig unterwegs zu sein, ständig unter Druck zu stehen, ständig auch eine Planung vor Augen zu haben und dann zu merken, ich gerate da in ein Loch rein, ob ich da wieder rauskomme bis zum nächsten Wettkampf. Das ist mit einem normalen Leben zuhause nicht zu vergleichen. Auch in Bezug auf Familienkontakte und Freundschaften, die oft schwierig aus der Entfernung aufrechtzuhalten sind.

ZDFOnline: Wird den Sportlern nicht genug Wertschätzung entgegengebracht?

Olympiapfarrer

Bei den 30. Olympischen Sommerspiele in London, vom 27. Juli bis zum 12. August 2012, ist auch in diesem Jahr ein Team aus evangelischen und katholischen Sportpfarrern dabei. Für die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) wird Pfarrer Thomas Weber, Vorstandsmitglied des Arbeitskreises Kirche und Sport, die Wettkämpfe begleiten. Für den 52jährigen, der Gemeindepfarrer im westfälischen Gevelsberg nahe Wuppertal ist, ist es bereits der vierte Einsatz bei Olympischen Spielen.

Weber: Als Pfarrer bin ich der festen Überzeugung, dass wir als Menschen Geschöpfe Gottes sind, dass Gott uns das Leben geschenkt hat und ich in der Verantwortung gegen Gott und meinen Mitmenschen mein Leben führe. Wenn ich das übertrage auch auf die Olympiamannschaft, dann muss ich sagen, die Menschen, die da nach London kommen und die da versuchen ihre beste Leistung abzugeben, die haben eine ganz andere Würde, als die Resultate, die sie wieder mit nach Hause nehmen. Das trifft genauso auf die Trainer und Funktionsträger zu. Und deswegen tut es mir als Pfarrer ehrlich gesagt weh, wenn ich sehe, dass jemand ausschließlich nach dem bewertet wird, was er abliefert.

ZDFOnline: Wie sehen Sie das Streben nach Rekorden und den Trend, dass viele Wettkämpfe immer anspruchsvoller werden?

Weber: Wir reden immer von schneller, höher, weiter, irgendwann kommen wir aber an eine Grenze. Diese Frage wurde besonders nach dem tödlichen Unfall auf der Rodelbahn bei den Olympischen Winterspielen in Vancouver deutlich. Denn wir müssen auch an die Gesundheit der Sportlerinnen und Sportler denken. Deswegen bin ich der Meinung, dass auch die Funktionsträger die Verantwortung haben, ihre schützende Hand über die Sportler zu legen. Und zwar so, dass man nachher nicht den Eindruck hat, die Fernsehzuschauer warten drauf, dass beim Ski-Abfahrtsrennen jemand nach 70 Metern brutal stürzt, damit die Sensationslust befriedigt wird.

ZDFOnline: Befürchten Sie, dass junge Sportler auch künftig zu Dopingmitteln greifen werden?

Weber: Ich war erschrocken, als ich eine Untersuchung aus den USA las, bei der junge Leute gefragt wurden " wenn ihr wüsstest, dass ihr damit ganz oben aufs Podest kommt, wärt ihr bereit, leistungsfördernde Mittel einzunehmen, auch wenn ihr zugleich wüsstet, dass das eure Lebenszeit um zehn Jahre verkürzen wird?" Ein großer Prozentsatz antwortete, ja, wir wollen einmal ganz oben stehen und wenn wir danach rückwärts umfallen, ist uns das egal. Was das Menschsein anbelangt, ist das eine äußerst kurzfristige Einstellung, denn der Ruhm im Sport ist so schnell vergänglich. Jesus Christus hat in der Bergpredigt gesagt, was hilft es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt und doch Schaden an seiner Seele nimmt.

ZDFOnline: Worum geht es in den Gottesdiensten mit den Sportlern?

Weber: In Peking haben wir so gegen Ende der Spiele einen sehr schönen Gottesdienst mit dem Schwimmteam gefeiert. Da waren fröhliche Sportlerinnen und Sportler dabei, die Medaillen geholt hatten, andere wiederum haben gesagt, die Spiele waren eine Enttäuschung. Der Gottesdienst hatte dann das Thema: "Blickt nicht zurück, auf das was gewesen ist, richtet Euren Blick nach vorne auf das, was kommen wird“. Da können wir als Olympiapfarrer eben auch eine Hilfestellung geben: Über das zu sprechen, was gewesen ist, aber dann auch zu sagen, jetzt beginnt was Neues, die olympischen Spiele sind vorbei, es geht auch weiter, wie sehen die nächsten Ziele aus und wie kann man dann mit Gottvertrauen und Glauben die Sachen anpacken.

20.07.2012

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