Vier Wochen Deutschland - ein Land vor der Wahl: blogtour.heute.de

Vier Wochen Deutschland - ein Land vor der Wahl: blogtour.heute.de

Die heute.de-Blogtour
Die heute.de-Blogtour

Der tägliche Wahlkampf

In der heißen Phase des Bundestagswahlkampfes sind die Spitzenleute der Parteien dauerpräsent. Der Wettbewerb um die Wählergunst findet jedoch auch täglich an ganz unspektakulären Orten statt: in Fußgängerzonen, in Kneipenhinterzimmern und an Haustüren. heute.de berichtet darüber in diesem Weblog - jeden Tag von einem anderen Ort in Deutschland.

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18.09.2005 | veröffentlicht: 14:15 Uhr
von: Mario Sixtus

Tag X


So, liebe Zuschauer daheim an den Empfangsgeräten, das wars von dieser Stelle. Die letzten Tapeziertische sind zusammen geklappt, die Kugelschreiber verschenkt und die Luftballons vom Winde verweht: Der Wahlkampf ist gelaufen, der Souverän hat das Wort.

Über die aktuellen Wahlprognosen, Hochrechnungen, Wählerwanderungen (nein, nicht solche) und Koalitionsspekulationen informieren Sie gewohnt kompetent die Kollegen von heute.de. Wir geben zurück ins Studio.

Ihr heute.de-Blogteam wird heute Abend den Kontakt zur Blogger-Basis pflegen: Auf Einladung von Spreeblick nehmen wir an einer kleinen Wahlparty teil. Blogtour-Leser sind natürlich herzlich willkommen.

Heute ist nicht alle Tage, wer hat an der Uhr gedreht und die nächste Wahl ist immer die schwerste. Oder um es mit Paul Breitner zu sagen: Wir haben unsere Finger in Wunden gelegt, die sonst unter den Teppich gekehrt worden wären.

Bleiben Sie uns gewogen und schalten Sie auch das nächste Mal wieder ein, wenn es heißt: Mit dem Zweiten bloggt man besser.

17.09.2005 | veröffentlicht: 16:03 Uhr
von: Mario Sixtus

Langsam ausrollen lassen


"Bis zur letzten Minute", wollen sie "um jede Stimme kämpfen", haben die Parteioberen landauf landab verkündet. Tatsächlich sind für heute noch einige Großveranstaltungen angekündigt. Und wie sieht es auf den Straßen und Plätzen der Hauptstadt aus? Am Hackeschen Markt entdecken wir neben einem Bienenhonigverkäufer einen gut versteckten Stand der Grünen. Ein einsamer Wahlkämpfer bietet dort Infoschriften feil. Das ist alles? Am Pariser Platz sei heute mehr los, erklärt der Grüne uns mit entschuldigendem Tonfall. Na, das lässt sich überprüfen.

Auf dem Weg zum Brandenburger Tor kommen wir an einem winzigen SPD-Stand vorbei. Nach einem letzten großen Kraftakt in Sichtweite der Ziellinie sieht das nicht aus, eher nach einer Pflichtveranstaltung. Zwei Sozialdemokraten verteilen die Reste ihrer Streuartikel. Ausverkauf.

Auf dem Pariser Platz finden wir tatsächlich wahlkämpfende Grüne. Emsige Parteiarbeiter verteilen gasgefüllte Lufballons an quengelnde Kinder amerikanischer Touristen. Parteichef Reinhard Bütikofer stapft in der ihm eigenen Antidynamik über den Platz und hält Wahlkampfzeitungen in die Luft. Die personifizierte Zeitlupe. Das ist kein Endspurt, das ist ein langsames Ausrollen lassen. Der Schwung muss reichen, bloß nicht nochmal Gas geben.

Eigentlich sollte auch Renate Künast hier sein, doch von der Ministerin ist nichts zu sehen. Fast nichts: Ihr Vorname ist schon da. Stapelweise prangt er auf T-Shirts in Girlie-Größen. Gestern haben sich die Grünen auf einer Party zum "Wahlkampfhöhepunkt" (Bütikofer: "Höhepunkt, nicht Abschluss") selbst gefeiert. Vielleicht hat es die Frau Verbraucherschutzministerin ja ein klitzekleinwenig übertrieben und findet nun nicht den Weg aus dem Bett? "Keine Ahnung", ich bin früher gegangen", sagt der Bundesvorsitzende. Rainhard Bütikofer wirkt müde und muffelig. Vielleicht hätte er ja auch lieber ein wenig länger gefeiert, anstatt heute den Papierverteiler zu mimen?

Bütikofer sei im Wahlkampf "viel rumgekommen" und habe "interessante Gespräche mit den Menschen" geführt, sagt er. Sollte das stimmen, muss er in den letzten Woche entschieden weniger maulfaul gewesen sein, als heute.

Aber an "Bütti", wie ihn seine Parteifreunde rufen, hat es sowieso nicht gelegen, sollte am Sonntag die rot-grüne Regierungszeit zu Ende gehen. Er hat eine gänzliche andere Ursache für eine eventuelle Wahlschlappe ausgemacht: die Medien. "Im letzten halben Jahr hatten wir einen Anteil von fünf Prozent an der Berichterstattung, seit August ist der auf unter drei Prozent gefallen", nörgelt er. Ob es den Grünen gut getan hätte, wenn ihr schlecht gelaunter Chef häufiger auf der Mattscheibe zu sehen gewesen wäre, ist hingegen eine ganz andere Frage.

Wie auch immer: Auch wir beschließen, dass der Schwung der letzten vier Wochen mehr als ausreicht, um uns ins Ziel zu bringen. Die Blogtour rollt aus. Ganz langsam.

17.09.2005 | veröffentlicht: 15:56 Uhr
von: Christof Wolff

Tag X-1, Berlin, km 5101

 

16.09.2005 | veröffentlicht: 16:38 Uhr
von: Mario Sixtus

Satz mit X: FDP ist wasserscheu


"Nein zu 18 Prozent" fordert die FDP auf zahllosen Aushängen in Sachsen. Erst auf den zweiten Blick wird klar, dass es sich bei diesem Postulat nicht etwa um eine verspätete Spitze der Landespartei gegen ihren Bundeschef und ehemaligen Kanzlerkandidaten handelt: Die sächsische FDP klebt vielmehr Plakate gegen die geplante Mehrwertsteuererhöhung. Auch sonst unterscheiden sich die liberalen Parolen im Südosten der Republik von den üblichen FDP-Forderungen. "Stoppt die Öko-Steuer" kann man da lesen, und mit "Freie Kitas für alle" fischen die Liberalen sogar in eher linken Gewässern.

In Coswig im Raum Meißen soll heute die so genannte "Sommertour" der FDP Station machen. "Mit Jan Mücke, blau-gelber Hüpfburg und Kinderschminken", heißt es in der Ankündigung. Na, das klingt doch putzig: Nichts wie hin.

Zur angekündigten Mittagsstunde findet sich allerdings kein Hinweis auf eine Hüpfburg und auch geschminkte Kinder laufen uns nicht über den Weg. Erst nach geraumer Zeit rollt  wenigstens ein Transporter mit liberalem Parteilogo auf den Platz. Unseren vorsichtigen Hinweis darauf, dass der Beginn der Veranstaltung wohl ein wenig in die Unpünktlichkeit abgeglitten ist, quittieren die Jungliberalen mit Unverständnis.

Die Parteijugend lädt ein Zelt und ein paar Tische aus -- und direkt wieder ein, nachdem sich ein leichter Nieselregen eingestellt hat. Wie jetzt: Das wars? "Bei dem Wetter hat das doch keinen Sinn", meint einer der Schönwetterwahlkämpfer und wuchtet eine Kiste mit FDP-Feuerzeugen zurück in den Wagen, "da gehen wir doch lieber irgendwo hin, wo wir mehr Menschen erreichen." Ach, der Stand wird also woanders wieder aufgebaut? "Nein", sagt der Juli bestimmt, "heute nicht mehr." Klar, denke ich, wozu auch. Die Wahl ist ja erst übermorgen.

Wir halten fest: Den sächsischen Vertretern jener Partei, die so gerne Sprachrohr der Leistungsträger in diesem Lande wäre, reicht ein wenig Feuchtigkeit in der Luft, um geplante und angekündigte Projekte in die Tonne zu kloppen. Huch! Regen! Dann lassen wir das mal mit dem Wahlkampf.

Wir haben für diese verweichlichten Verhaltensweisen der heutigen Jugend keinerlei Verständnis. Als wir jung waren, haben unsere Mütter die Wahlplakate noch aus Kartoffelschalen gehäkelt. Bei Kerzenlicht. Nächtelang. Wir hatten ja nichts.

16.09.2005 | veröffentlicht: 16:11 Uhr
von: Christof Wolff

Tag X-2, Coswig, irgendwo bei Meißen, km 4893

 

15.09.2005 | veröffentlicht: 23:09 Uhr
von: Mario Sixtus

"Die" und "du"


Gregor Gysi hat es eilig. Als er quer über die Bühne zum Rednerpult eilt, kommen seine beiden Anzug tragenden Gorillas, die ihn mit Regenschirmen gegen eventuellen Keimzellenwurf schützen sollen, kaum hinterher. Doch heute ist kein Hühnerprodukt-Bombardement zu befürchten: Die anwesenden Sachsen lieben den kleinen Mann aus Berlin und der tut das, wofür sie ihn lieben: Heil predigen.

Etwa eine halbe Stunde drischt Gysi auf sämtliche im Bundestag vertretenen Parteien ein. Die "Neoliberalen" sind für ihn: "CDUCSUSPDunddieGrünen", denn: "Über die FDP brauche ich gar nicht zu reden." Sein Vokabular umfasst "Scharlatanerie", "unanständig" und "unverschämt". Gysi agiert trickreich: Die Tatsache, dass Rot-Grün der US-Armee während des Irakkrieges die Überflugrechte nicht verweigerte, genügt ihm, um die Regierung doch noch in die Nähe der Kriegstreiber-Ecke zu manövrieren -- zumindest ein wenig und irgendwie. Noch schlimmer sei nur Merkel gewesen: "Die ist bei Bush unter dem roten Teppich durchgekrochen und hat sich dadurch unwählbar gemacht."

Gysis Trumpfkarte trägt jedoch die Aufschrift "Neid", und hier und heute kann er sie gar nicht oft genug ausspielen. Er spricht von Millionären und von Milliardären, rechnet vor, was Josef Ackermann durch die Senkung des Spitzensteuersatzes mehr in der Tasche hat und schreit ins Mikro: "Sich zu beschweren, dass der Staat arm ist, ist eine Unverschämtheit, wenn man Geschenke an die Industrie verteilt hat." Das kommt an. Neid ist geil.

Geschickt spielt Gysi das Personalpronomen-Spiel: Die Reichen, die Vorstandsvorsitzenden, die Industrie, diese "die" haben den Schlüssel zum Wohlstand aller in der Tasche, so sein Duktus. Sie wollen den Türöffner zum sorglosen Leben zwar nicht herausrücken, aber Gysi wird ihn "denen" schon abnehmen. Die Anwesenden spricht er hingegen stets im Singular an: "Wenn du weniger als 80.000 Euro im Jahr hast, zahlst du bei der PDS weniger Steuern." Das ist der Kumpel Gregor, der da spricht, der "dir" schon geben wird, was "die" sich zusammengerafft haben.

Halt Stopp: Nicht alle Reichen sind finstere Raffkes. Einer ist ein Guter: Oskar Lafontaine. Um den Spitzengenossen aus einer möglichen Schusslinie heraus zu reißen, reicht Gysi ein einziger Satz: "Links sein, heißt nicht arm zu sein, es heißt gegen die Armut zu sein." Alle böse außer Oskar.

Edmund Stoiber ist zweifellos der Meister des Versprechers, aber auch Gregor Gysi verspricht gerne, zwar nicht sich, dafür aber seinen Zuhörern eine Menge. Das kann er auch, denn -- um die gerade in Wahlkampfzeiten allseits beliebte Fußball-Metapher zu bemühen -- er bewirbt sich nicht um den Job des Bundestrainers, er will Chefkommentator werden. Er will sich beschweren, er will nörgeln, er will alles besser wissen. Gregor Gysi will der Günter Netzer des Deutschen Bundestages werden.

15.09.2005 | veröffentlicht: 22:02 Uhr
von: Mario Sixtus

Müssen statt wollen


Der Platz füllt sich langsam, überwiegend mit schlechter Laune. Bier fließt literweise in Plastikbecher und hie und da auf glänzende Jogging-Anzüge. Die Stimmung schwankt zwischen muffelig und aggressiv. Es sind die Beladenen und die Geprüften, die hierher gekommen sind -- und einige von ihnen haben ganz schön geladen (zwei Euro ins Kalauer-Schwein).

Endlich lässt der Clown von unseren Nerven ab. Aus den Lautsprechern tönt eine Collage aus Stoibers mittlerweile berühmt gewordenen Frustrierten-, Dümmste-Schafe- und Klügsten-Bevölkerungsteile-Sätzen, unterlegt mit bayerischem Humtata. Volker Külow schnappt sich das Mikrofon. Er ist Direktkandidat im Wahlkreis Leipzig-Süd und redet ein wenig wie Sam Hawkins aus den deutschen Winnetou-Filmproduktionen. Irgendwie wartet man permanent darauf, dass er einen Satz beendet mit: "Wenn ich mich nicht irre, hihihi."

Nachdem Külow die Tonlage der heutigen Veranstaltung justiert hat ("Merkel und Stoiber sind auch nur Räuber" und "Diese Stadt hat Merkel satt.") holt er Barbara Höll auf die Rampe, seine Kandidatenkollegin aus dem Leipziger Norden. Es entspinnt sich ein leicht bizarrer, wahrscheinlich weitgehend einstudierter Dialog über politische Ziele und Richtungen. Ich kann nicht anders: Ich muss an zwei Darsteller in einem Shopping-TV-Kanal denken, die sich gegenseitig bestätigen, wie unerhört glänzend doch der neue Metallreiniger Metall reinigt ("Und schau, ganz ohne Kratzer, unglaaauuublich.").

War auf dem Stadtfest der Linken in Offenbach die Hauptbeschäftigung noch das Wollen, so wird hier gemusst, was das Zeug hält. "Die Löhne müssen steigen", spricht das Kandidatenduo im Chor, ein Mindestlohn von 1.400 Euro muss her und die Millionäre müssen endlich zur Kasse gebeten werden.

Für Katja Kipping, Spitzen-Sächsin der PDS muss es gleich eine "Individualsicherung" von 750 Euro pro Bürgernase sein. "Das ist das Mindeste, was jeder haben muss, in diesem Land." Nicht ein Ruck, ein Muss geht durch Deutschland.

15.09.2005 | veröffentlicht: 20:45 Uhr
von: Mario Sixtus

Purer Terror


Die Blogtour rollt langsam und unaufhaltsam ihrem Ende entgegen. Leichtsinnigerweise hatten wir angenommen, uns könne nicht mehr viel passieren, wir wären jetzt langsam ausreichend abgehärtet gegen die Unbill der Wahlkampffrontberichterstattung. Diese Annahme war aus Übermut geboren und natürlich rächte sie sich prompt. Jetzt wissen wir: Es kann immer noch härter kommen als hart.

Heute will uns die Linkspartei wirklich fertig machen. Aber so richtig. Die Sozialisten hatten wohl geahnt, dass wir zur Zeit in Leipzig sind. Daher haben sie gleich die allergrößten Kaliber an Massenhirnvernichtungswaffen auf den Burgplatz gekarrt. Es ist die Hölle.

Da ist zunächst dieser gefühlt tagelange Soundcheck einer Deutsch-Reggae-Kapelle, die so geistlos-naive Texte in ihre Mikros krähte wie "Sag nein zu [hier etwas Böses einsetzen: Krieg, Ungerechtigkeit usw.] und sag ja zu [hier etwas Gutes einsetzen: Liebe, Freundschaft, etc.]!" Ich sage lieber ja zu einem Steuersystem, das Deutsch-Reggae doppelt und vierfach besteuert. Und zwar nach Minuten. Dem Land würde es besser gehen.

Die Herren mit den blonden Dreadlocks sollten unsere Hirne aber nur langsam vorköcheln. Die Hauptattacke gegen alles was noch denken kann, reitet schließlich ein selbsternannter Clown namens "Charly" vom "Kinderzirkus Fantastikus". Unglaublich unlustig nervt er mit verstellt hoher Stimme, stolpert über seine Füße oder schlägt sich selbst in lausig gespielter Tollpatschigkeit den Hut vom Kopf. Ich kann mir nicht vorstellen, dass irgendein Kind darüber lachen würde -- wenn denn eines hier wäre. Der Leipziger Burgplatz ist heute eine nachwuchsfreie Zone, was der Szene etwas besonders Bizarres verleiht.

Neben mir liest eine Leipzigerin in einer so genannten Frauenillustrierten einen Artikel aus der Rubrik "Lebenshilfe". Die Überschrift lautet: "Mein Mann weigert sich, die Katzen meiner pflegebedürftigen Mutter zu übernehmen." Deutschland am Abgrund.

15.09.2005 | veröffentlicht: 20:35 Uhr
von: Christof Wolff

Tag X-3, Leipzig, km 4691

 

14.09.2005 | veröffentlicht: 17:19 Uhr
von: Mario Sixtus

Ordnung muss sein

"Wir sind hier, um uns zu zeigen"
"Wir sind hier, um uns zu zeigen"


Das Örtchen Kahla besitzt gerüchtweise über 7.000 Einwohner. Wo die sich heute alle verstecken, besagen diese Gerüchte allerdings nicht. Der Bahnhofstraße in der Innenstadt fehlen nur noch ein paar umherwehende Tumbleweeds, um den Eindruck einer Geisterstadt perfekt zu machen. Volker Blumentritt ist SPD-Direktkandidat im Wahlkreis Gera-Jena-Saale-Holzland und die Ödnis dieses Ortes hat ihn nicht abhalten können gemeinsam mit drei jungen Genossen einen Wahlstand aufzubauen.

"Das ist ein kleines Städtchen hier, verschlafen, aber schön", entschuldigt sich Blumentritt für die Friedhofsruhe. Gestern sei er in Jena am Info-Stand gewesen, "da war natürlich mehr los." Blumentritt ist trainierter Kampfsprecher und da ihm heute das Wahlvolk abhanden gekommen ist, muss das Blogtour-Team als Sparringspartner herhalten. Nach einer Viertelstunde vergewissern wir uns insgeheim, dass uns kein Blut aus den Ohren läuft. "Wir sind hier, um uns zu zeigen", sagt Blumentritt. Fragt sich nur, wem.

Die Genossen haben sich einen Trick ausgedacht, um ihre Druckwerke loszuwerden: Kugelschreiber gibt es nur im Paket, gemeinsam mit ein paar Flyern und dem Wahlmanifest. Zwangsinformationen sozusagen. "Das ist eine Art positive Erpressung", versucht Blumentritt zu witzeln. Schade eigentlich, dass die Bürger sich noch nicht einmal für Kugelschreiber interessieren. Eine Passantin prüft das Gebinde aus Schreibgerät und Parteipropaganda gründlich und reicht es dann entschieden an den Wahlkämpfer zurück. 

Während der vergangenen Wochen haben wir ein gleichsam merkwürdiges wie parteiübergreifendes Phänomen in Deutschland beobachtet: Die Parteisoldaten an den Info-Ständen berichten uns einhellig über "lebhafte Diskussionen", "interessierte Bürger" und über Wahlprogramme, die ihnen quasi "aus den Händen gerissen" werden. Allein: Live beobachten konnten wir solcherlei intensive Bürgerkontakte bislang äußerst selten. Wahrscheinlich waren wir einfach stets zur falschen Zeit an den Ständen. So ein Pech.

Wie die Chancen für Rot-Grün stehen, will ich vom Kandidaten wissen. "Eine Mehrheit ist im Moment sicher unrealistisch", sagt Blumentritt erstaunlich offen. Eine große Koalition wünsche er sich zwar nicht, findet aber, man müsse sich "alle demokratischen Optionen" offenhalten und vor allem "auch über eine Ampel nachdenken." "Aber ohne Westerwelle", schallt der Chor der Wahlhelfer unter dem roten Sonnenschirm hervor.

Volker Blumentritt zeigt uns stolz ein Lokalblättchen, in dem er Erwähnung findet. Der Grund: Eine Berufsschule in Jena hat ihr Gelände zur rauchfreien Zone erklärt, mit dem Ergebnis, dass die Schüler in den Pausen ein benachbartes Wohngebiet aufsuchen und dort die stummeligen Reste ihres Nikotingenusses zurücklassen. "Das geht natürlich nicht", sagt Blumentritt entrüstet. Da habe er erstmal "für Ordnung gesorgt." Ich verstehe: Was soll das Gerede über Arbeitsplätze, die nach China abwandern oder ganz verschwinden; warum sich Sorgen machen über eine nahezu zahlungsunfähige Rentenkasse, über den Osten, der zum Altenheim mutiert und über ein unbezahlbares Gesundheitsystem: Volker Blumentritt kümmert sich um herumliegende Zigarettenkippen. Die Nation kann aufatmen.

14.09.2005 | veröffentlicht: 15:40 Uhr
von: Christof Wolff

Tag X-4, Kahla, km 4578

 

13.09.2005 | veröffentlicht: 20:17 Uhr
von: Mario Sixtus

Ganz modern mit Diskette


Die anschließende Werksbesichtigung findet annähernd im Dauerlauftempo statt: Das Sendungsbewustsein der liberalen Kandidaten hat den Zeitplan ein wenig durcheinander gebracht. Wo wir auf Belegschaft stoßen, grüßt sie uns stets freundlich mit einem "Gott", offenbar die regionale Kurzform von "Grüß Gott". Der blitzeblank polierte Hallenboden lässt erahnen, womit ein Großteil der Beschäftigten in den letzten Tagen beschäftigt war.

Automatische Webstühle spucken zentimeterweise bunt gemusterte Stoffe aus, die später zu hübschen Fensterkleidern werden sollen. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Wer hier nicht taub wird, ist es schon. "Dort hinten, die alten Maschinen werden noch mit Lochkarten programmiert", brüllt ein Mitarbeiter. Die neueren Webstühle sind hingegen bereits computergesteuert, schreit er stolz: "Da kommt einfach eine Diskette rein." An einer Hallenwand befielt ein Schild: "Kein Bier vor vier!"

Die Kandidaten müssen weiter und verabschieden sich hastig. Auch wir verlassen zügig den Ort, den man auf keiner Landkarte findet. Der Termin hinterlässt einen merkwürdigen Nachgeschmack, nicht nur aufgrund der leicht unangenehmen Anbiederei der Liberalen. Auch die Weberei selbst verstrahlt eine merkwürdige Melancholie. Bei allem Respekt für die wackeren Stoffhersteller wird uns klar: Wir waren heute nicht in einer Fabrik, sondern in einem Museum. Nur halt ein paar Jahre zu früh.

13.09.2005 | veröffentlicht: 19:23 Uhr
von: Mario Sixtus

Wintereisräumdienst

Thomas Nagel und Horst Friedrich
Thomas Nagel und Horst Friedrich


Grafengehaig, irgendwo im Niemandsland der Münchberger Hochfläche, einer vergessenen Region im südlichen Frankenwald. Die beiden FDP-Kandidaten Horst Friedrich und Thomas Nagel kämpfen hier um ein paar Stimmen für sich und um ein wenig Sympathie für ihre Partei.

Die Liberalen gerieren sich bekanntlich gerne als Mittelstandspartei. Was läge also näher, als den Wahlkampf in die Chefetagen der örtlichen Betriebe zu verlagern? Gemeinsam mit einer Hand voll fränkischem Polit- und Parteivolk wollen Friedrich und Nagel heute eine Weberei für Dekostoffe besichtigen. Doch vor der anstrengenden Tour durch die Werkshallen ist eine kleine Stärkung bei Schnittchen und Sekt angesagt, man ist schließlich nicht zum Spaß hier.

Ein Stoffkollektionspräsentator präsentiert Stoffkollektionen: "... in vielen Varianten ... hier Taft mit Schuss ... Trevira CS ... schwer entflammbar..." Horst Friedrich will sich als Mann vom Fach präsentieren und klagt darüber, dass heutzutage "kaum noch eine Frau ein hübsches Fensterkleid besitzt." Was bitte ist ein Fensterkleid, denke ich und warte insgeheim darauf, dass irgendjemand im Raum diese Frage stellt. Aber offenbar bin ich der einzige Begriffsstutzige hier. Drei Sätze später wird mir klar, dass die Herren sich über ganz banale Vorhänge unterhalten. Fensterkleid, so ein Quatsch. Was ist dann bitte ein Teppich? Ein Bodenmantel?

Horst Friedrich sitzt auf Platz zwei der Landesliste seiner Partei in Bayern, direkt hinter Sabine Leutheusser-Schnarrenberger. Er ist verkehrspolitischer Sprecher der FDP und steht -- laut Eigenauskunft -- für "klare Gegenkonzepte zur Verkehrspolitik der jetzigen Bundesregierung." Damit will er heute offenbar punkten und so referiert er über die Notwendigkeit einer "ausgebauten Verkehrsinfrastruktur" in der fränkischen Provinz. Bei den Stoffproduzenten kann Friedrich so allerdings nicht landen. "Wenn man gute Produkte hat, ist es egal, wo das Unternehmen sitzt", muss Friedrich sich belehren lassen.

Thomas Nagel, der zweite Kandidat, der von seiner Partei auf einen aussichtslosen 23-ten Listenplatz verfrachtet wurde, wirkt neben Friedrich wie ein Lehrling und wahrscheinlich ist er das auch. Einmal ergreift Nagel das Wort und beklagt, dass "die Oberfranken nicht mit so viel Selbstbewusstsein auftreten, wie die Münchener." Die Anwesenden nicken höflich und ein älterer Herr (der Bürgermeister, wie ich später erfahre) antwortet mit einem Dutzend Sätze in der regionalen Mundart. Ich verstehe nur ein einziges Wort und bei dem bin ich mir auch nicht ganz sicher: "Wintereisräumdienst". Vielleicht sollte man sich in diesem Landstrich vor dem Selbstvertrauen über ein allgemeinverständliches Idiom Gedanken machen.

Horst Friedrich war dereinst Handelsvertreter, wie er gerne erzählt. Heute ist er allerdings nicht als Verkäufer hier, sondern als Verschenker. Aus seinem Gabensack fischt er pausenlos mittelstandsfreundliche Allgemeinplätzchen und streut sie garniert mit ein paar liberalen Plattitüden in die Runde. So richtig zünden will das nicht. Wer es schafft, in der fränkischen Provinz einen Produktionsbetrieb am Leben zu erhalten, hat das Niveau der Kalenderweisheiten wahrscheinlich schon etwas länger hinter sich gelassen.

13.09.2005 | veröffentlicht: 18:17 Uhr
von: Christof Wolff

Tag X-5, Grafengehaig, Kreis Kulmbach, km 4477

 

13.09.2005 | veröffentlicht: 01:44 Uhr
von: Mario Sixtus

"Halb so groß von der Zahl"


Zahlen sind die große Liebe des bayerischen Ministerpräsidenten. Er rechnet öffentliche Subventionen, Steuereinnahmen und Sozialversicherungsbeiträge gegeneinander auf, jongliert vorwärts und rückwärts mit Millionen, Milliarden und Prozentpunkten, als würde er den Jahresabschluss der Kreissparkasse Wolfratshausen erläutern. Bei aller Vorschusssympathie, welche die Anwesenden ihrem Ministerpräsidenten mitgebracht haben: Sein buchhalterischer Vortrag kann nicht mitreißen, der Funke will nicht überspringen. Im Publikum kommt Gemurmel auf.

Hinzu kommen seine manchmal mehr als unverständlichen Äußerungen. Die Generationengerechtigkeit ist für Edmund Stoiber "eine Frage der Schöpfungslehre",  denn, "die, die in den 80-ern, 90-ern geborenen sind, sind in etwa halb so groß, wie die 50-er, 60-er, vor allem die 60-er, halb so groß von der Zahl."

Es dauert über eine Stunde, bis er erstmals in einem Nebensatz den Namen Angela Merkel fallen lässt. In den mehr als eineinhalb Stunden seiner Ansprache erwähnt er die Unionskanzlerkandidatin ganze drei Mal. Das Steuerkonzept des designierten Finanzministers Kirchhof, relativiert er deutlich: "Wir haben uns nicht für eine Flattax entschieden, wer mehr Steuern verdient, zahlt auch mehr Steuern." Und überhaupt: "Wir haben eine Situation und deshalb müssen wir Dinge ändern."

Gegen Ende seiner Rede schafft er es dann doch noch, die Anwesenden mitzureißen, er schwenkt zum Thema EU-Beitritt der Türkei: Es gehe um eine "kulturelle Angelegenheit", sagt Stoiber und frühstückt danach die Geschichte dieses Kontinents vom antiken Athen über "das frühe Mittelalter, das Hochmittelalter" bis zur Christianisierung und der französischen Revolution in sieben Halbsätzen ab. Was will er uns damit sagen? "Sie entscheiden am Sonntag nicht nur über die Arbeitslosen", auch der Beitritt der Türkei stehe angeblich auf dem Stimmzettel, sagt Stoiber. Hier wacht das Publikum auf und applaudiert begeistert.

Aber Stoibers Ideen stoßen nicht nur auf Zustimmung. Seine wichtigste Maßnahme im "Kampf gegen den Terror" lautet: Videokameras an "neuralgischen Punkten". Die ersten vereinzelten Buhs schallen aus dem Publikum. Edmund Stoiber erzählt, dass er "den allergrößten Respekt" vor den Polizisten in London habe, die nach den Terrorattacken "in allerkürzester Zeit die Schuldigen identifizieren konnten." Das Gemurmel im Publikum macht ihm offenbar klar, dass er sich gerade auf äußerst dünnes Eis begeben hat. Da war doch was? Richtig, ein Unschuldiger, der von übereifrigen Londonder Polizisten erschossen wurde. "Natürlich haben sie auch Fehler gemacht", versucht Stoiber schnell seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Irgendwie gelingt ihm das. Das Eis knirscht, aber bricht nicht.

Am Ende feiern die meisten der Anwesenden ihren Ministerpräsidenten mit Standing Ovations und singen mit ihm die Bayernhymne und das Deutschlandlied.

"Aus is, Gerd!", wiederholt beim Herausgehen ein Bayer gedankenverloren das Motto auf den blauen Pappschildern. "A geh", antwortet ihm ein anderer Bayer mürrisch, "irgendwann is aus mit uns allen."

13.09.2005 | veröffentlicht: 01:37 Uhr
von: Mario Sixtus

Letztendlich, im Grunde genommen, sozusagen


Nach einigen lokalen, regionalen und sonstigen, in jedem Fall aber bayerischen Vorrednern, auf die man nicht näher eingehen muss, sowie nach der Begrüßung gefühlter 100, ausnahmslos männlicher Ehrengäste, marschiert endlich der große Vorsitzende in den Saal, begleitet von Marschmusik, den üblich finster dreinschauenden Leibwächtern und applaudierenden Bürgern. Kurz winkt Stoiber sein typisches Stoiber-Winken, bei dem er einen Arm steif in die Höhe reckt und die Gliedmaße am Ende allein durch Kraftausübung am Handgelenk in Schwingungen bringt.

Stoiber gilt gemeinhin nicht als als besonders guter Redner. Das ist ein Vorurteil, das so nicht stimmt: Er ist eine Katastrophe. Ein einziger Satz zur gleichen Zeit reicht Edmund Stoiber nicht aus. Er beginnt stets drei oder vier Wörterwürmer gleichzeitig und versucht dann hastig, mit allen gleichzeitig fertig zu werden. Ein Unterfangen, dass natürlich scheitern muss.

Das klingt dann ungefähr so: "Es kommt nicht darauf an, leztendlich kommt es nicht an, es geht darum, am 18. September, um die Bilanz nach sieben Jahren, heißt sozusagen, wir haben in den letzten sieben Jahren, und wir sind nun 25 Länder in der Europäischen Union, in den letzten sieben Jahren, nun stehen wir auf dieser Tabelle ganz unten, und diese Bilanz kann man nicht bestreiten." Alles klar?

Politik ist kein Schönheitswettbewerb und kein Rednerwettstreit. Natürlich kann auch ein rhetorisch unbedarfter Politiker großartige Politik machen. Im Wahlkampf geht es jedoch primär um die Vermittlung von Ideen, um das Erklären von Konzepten. Wer in dieser Sportart antritt, muss sich an anderen Sportlern in dieser Liga messen lassen. So auch Herr Stoiber.

13.09.2005 | veröffentlicht: 00:02 Uhr
von: Mario Sixtus

Humtata

Es mag ja durchaus sein, dass in Bayern auch High-Tech eine Heimstatt hat. Die Musik wird hier allerdings noch handgeklöppelt und mundgeblasen. Eine schwäbische Trachtenkapelle aus Hilblingen namens "Schwäbische Trachtenkapelle Hilblingen" kämpft sich wacker von einem Dreivierteltakt zum nächsten.

Einmal taucht ein junger Mann in Kniebund-Lederkluft auf. Offenbar besitzt er eine latent masochistische Veranlagung, denn er schlägt sich unentwegt auf die eigenen Körperteile. Das tut ihm so sehr weh, dass er ständig gellend hohe Schreie ausstößt. Schön, dass eine Volkspartei wie die CSU auch Platz für Menschen mit eher ungewöhnlichen Neigungen hat.

12.09.2005 | veröffentlicht: 23:41 Uhr
von: Mario Sixtus

"Hochhalten und emotional mitgehen!"


"Plärrer" nennt sich Schwabens größtes Volksfest. Zweimal jährlich vergnügt man sich hier mit einem "Unterhaltungsangebot für alle Altersklassen", wie es in der Eigenwerbung heißt. Gestern war der letzte Tag des Herbstplärrers. Die Karussells sind abgebaut, die Bierstände zusammengeklappt und die Neon-Reklamen erloschen. Im Minutentakt verlassen die schweren Trucks der Schausteller das Gelände. Wenn eine Amüsiereinrichtung einpackt, ist die Atmosphäre stets ausgesprochen unamüsant. Ein einziges Festzelt auf dem Platz wagt es jedoch, der tristen Stimmung Widerstand zu leisten: Im Binswangerzelt hat sich Edmund Stoiber angekündigt und so stapfen einige hundert Bürger quer durch die Abbaustelle auf die Schankstelle zu.

Im Zelt leberkäst, maßt und dirndlt es, dass es nur so krachledert. Ein Conferencier müht sich, die mampfende und schlürfende Masse auf den CSU-Parteivorsitzenden einzustimmen. "Heute schaltet das ZDF live zu uns", lockt er mit ein wenig kurzem Ruhm und erklärt, wie man seiner Meinung nach am besten mit den blauen Pappen umgeht, auf denen "Aus is, Gerd!" steht: "Hochhalten und emotional mitgehen!"

Links von der Bühne sitzt eine Gruppe junger Leute, das so genannte Unterstützerteam, die den Vorsitzenden durch das Tragen weiß-blauer T-Shirts unterstützt. "Gemeinsam für den Wechsel" kann man darauf lesen. Der Moderator hält einem von ihnen ein Mikrofon unter die Nase und fragt ihn, was er von diesem Abend erwartet. "A Mordsgaudi" lautet die Antwort. Ob der junge Mann ein Angehöriger der "intelligenten Bevölkerungsteile" ist, von denen Stoiber gerne schwärmt, entzieht sich meiner Kenntnis.

So viel Mitmachen ist natürlich anstrengend: Zur Entspannung flimmert daher erstmal ein zehnminütiges Video namens "Mythos Bayern" über die Großbildleinwand. Wir sehen Burgen, Berge und Bierhumpen, dazwischen ein paar High-Tech-Versatzstücke. Ein Film, so kitschig wie eine Walt-Disney-Produktion, und so aufregend, als wollte sich Augsburg damit als Austragungsort für die Minigolf-Weltmeisterschaft bewerben.

12.09.2005 | veröffentlicht: 17:57 Uhr
von: Christof Wolff

Tag X-6, Augsburg, km 4201

 

11.09.2005 | veröffentlicht: 23:08 Uhr
von: Mario Sixtus

Avantgarde in Alpennähe


Eine Aussicht wie eine Postkarte, strahlende Sonne und ein leckeres Bier. Eine Situation, die eigentlich zu schön ist, um noch Wahlkampf heißen zu dürfen. Aber die Seeligkeit ist nur von kurzer Dauer, denn ganz ohne Musik will uns Klaus Barthel heute nicht davon kommen lassen. Eine Trachtengruppe hat der 49-Jährige nicht gemietet, im Gegenteil: Was uns nun erwartet, hätte man an einem anderen Aufführungsort problemlos mit dem Etikett "Avantgarde" bekleben können.

Klaus Barthel hat gemeinsam mit Freunden eine Drehorgel von den Ausmaßen eines Kleiderschrankes restauriert und brennt nun darauf, sie seinen Parteigenossen vorzuführen. Forsch dreht er die Kurbel und entlockt dem Kasten Melodien, die wahrscheinlich noch nie ein Mensch zuvor gehört hat. Irgendetwas muß schief gelaufen sein während der Reparaturarbeiten: Die Tonfolgen erklingen mal rückwärts, mal seitwärts, mal klingen sie wie die Persiflage eines Walzers und mal erinnern sie an das Zwölftonwerk eines zeitgenössischen Komponisten.

Barthel delegiert die Kurbelarbeit an einen Halbwüchsigen. Am Klangerlebnis ändert das freilich nichts. Vielleicht hat Barthel die Lochwalzen falsch herum eingelegt, vielleicht hat er aber auch eine Vorliebe für klingonische Opern. Das kakophonische Getröte verleiht der Situation jedenfalls endlich das notwendige Maß an Absurdität. Ansonsten hätte etwas gefehlt, schließlich haben wir Wahlkampf.

11.09.2005 | veröffentlicht: 22:45 Uhr
von: Mario Sixtus

Gesellige Genossen


Auf dem Gipfel angekommen, beschließen die Genossen wortlos, dass man dem elften September wohl auch problemlos im Biergarten der Klosterbrauerei gedenken kann, eine Idee, die ich nach dem Bergaufmarsch nicht ganz abwegig finde. Vor zweieinhalb Wochen haben wir eine andere Sektion der Genossen besucht, wie treue Leser dieses Blogs wissen. Ob es am Nord-Süd-Mentalitäts-Gefälle liegt, an der Trendwende in den Meinungsumfragen oder einfach am guten Wetter: Bei Anblick dieser munteren Meute ist es schwer, sich vorzustellen, dass es sich bei beiden Gruppierungen um ein und den selben Verein handelt.

Trotz Maßbier und Leberkäs: Politisiert wird natürlich trotzdem. Ein Genosse glaubt, die Neuwahlentscheidung des Kanzlers, werde sich "als historisch richtig" herausstellen. Ein anderer meint, eine Zeit in der Opposition könne auch der "Regeneration der Partei" dienen. Und langsam wird mir klar, warum hier so eine gute Laune herrscht: Die bayerische SPD hat gelernt, auch ohne Wahlsiege heiter zu bleiben -- etwas anderes bleibt ihr auch nicht übrig: Im Starnberger Wahlkreis sammelten die Genossen bei der Bundestagswahl 2002 noch nicht einmal 20 Prozent der Zweitstimmen ein und im Landtag haben sie es sich in den vergangenen 39 Jahren auf den Oppositionsbänken gemütlich gemacht. Man ist genügsam geworden.

11.09.2005 | veröffentlicht: 21:38 Uhr
von: Mario Sixtus

Brüder zum Lichte empor...


Die Genossen sind gut zu Fuß und bester Laune, obschon ein durch den Wald spazierendes Trüppchen mit wehenden roten Fahnen kein alltäglicher Anblick ist -- erst recht nicht in Bayern. Andere Wanderer grinsen kopfschüttelnd und rufen Sätze herüber, die "wohl verlaufen" enthalten, oder sie lästern in Hinblick auf das nahe Kloster: "Beten wird euch auch nicht helfen." Als Sozialdemokrat in Bayern ist man Spott gewohnt, erklärt mir eine Sozialdemokratin lächelnd, "da entwickelt man eine Hornhaut."

Die Sonne sengt und der Weg wird steiler. An manchen Bäumen finden sich kleine Kruzifixe nebst Gedenkinschriften. Das Andechser Kloster ist nicht nur ein Ort der stillen Einkehr, man kehrt dort auch aus wesentlich profaneren Gründen ein: Das Doppelbock der Klosterbrauerei gilt nicht nur als Spezialität sondern raubt so manchem Zecher bisweilen die Orientierungs- und Gleichgewichtssinne. Die kleinen hölzernen Kreuze am Weg markieren die Orte solcher zweifachen Abstürze.

Auf dem letzten Teilstück kommt uns ein kleiner Junge mit seinem Vater im Schlepptau entgegen. Neugierig staunt der Filius über die rote Fahnenpracht. "Papa, was sind das für Leute?", will er wissen. Der Erzeuger wirft einen kurzen Blick auf die wehenden SPD-Schriftzüge und antwortet knapp: "Das sind FC-Bayern-Fans." A bissl Hornhaut brauchts scho.

11.09.2005 | veröffentlicht: 20:57 Uhr
von: Mario Sixtus

Besonders steil bergauf


"Die Stimmung kippt, das ist überall ganz deutlich zu spüren", freut sich Tim Weidner, Kreisvorstand der Starnberger SPD. Seit fünf Wochen mache er nun Straßenwahlkampf, sagt er und gibt zu: "Anfangs war es schwer, die eigenen Leute zu motivieren, an den Info-Ständen zu arbeiten." Seit einer Woche, seit TV-Duell und steigenden Umfragewerten, habe sich die Lage grundlegend geändert: "Vor zwei Wochen kam es noch vor, dass uns Passanten beschimpften, jetzt kommen sie zu den Ständen und wollen Informationen."

Heute werden keine Kugelschreiber, Feuerzeuge und Wahlprogramme ans Volk verteilt, heute findet eine "Wahlfahrt" statt, wie es im Terminkalender mit hölzerner Wortakrobatik heißt. Handgezählte 33 Genossen nebst Sympathisanten wollen den heiligen Berg am Ostufer des Ammersees erklimmen, um dort im Kloster Andechs ein "kurzes Gedenken" an den elften September 2001 und einen "gemütlichen Ausklang im Klostergasthof" zu zelebrieren. In Bayern kommen offenbar selbst Sozialdemokraten im Wahlkampfstress nicht an der katholischen Kirche vorbei.

Klaus Barthel, Direktkandidat für den Starnberger Wahlkreis witzelt: "Keine Frage, es geht bergauf -- und heute besonders steil." Barthel ist je nach Standpunkt ein Mann mit Gewissen, ein Dissident, ein Abweichler oder ein Kanzlermörder. Im Jahre 2003 hat er ein Mitgliederbegehren gegen Schröders Reformpolitik ins Leben gerufen, er gehörte zum so genannten "Dreckigen Dutzend", die damals das Reformpaket im Bundestag kippen wollten -- bekanntlich ohne Erfolg.

Das ist lange her und darüber verliert Barthel heute kein Wort. Es ist Wahlkampf, da redet er lieber über den politischen Gegner: "Wir in Bayern spüren den Aufwind, weil die CSU immer unglaubwürdiger wird." Mal sei sie für die Kopfpauschale und Kirchhofs Steuerpläne, dann wieder dagegen. Bei den Bürgern merke er: "Was uns an Verbiesterung engegenschlug, ist wie weggeblasen."

Geschadet hat Klaus Barthel das Opponieren gegen Schröder nicht: Auf der bayerischen Landesliste tritt er mit der Startnummer elf an. "Die soziale Karte zu spielen kommt bei der bayerischen SPD an", wird mir später ein Genosse stecken, "die müssen hier ja nicht regieren."    

11.09.2005 | veröffentlicht: 20:46 Uhr
von: Christof Wolff

Tag X-7, Andechs, km 4084

 

10.09.2005 | veröffentlicht: 19:42 Uhr
von: Mario Sixtus

Im hölzernen Saal


Dann war da noch die WASG, die bekanntlich mit der Linkspartei.PDS eine chemische Verbindung eingegangen ist und die sich nun anschickt, sich selbst aufzulösen, beziehungsweise mit der Linken zu fusionieren, ähnlich, wie eine Aspirintablette mit der Nordsee fusioniert, wenn man sie in Cuxhaven ins Meer wirft.

Bevor die WASG also den Weg aller Aspirintabletten geht, wollen wir uns diesen Verein wenigstens noch ein einziges Mal anschauen. Im kleinen Saal des Stuttgarter Gewerkschaftshauses hat die WASG gemeinsam mit ihrem künftigen Fusionspartner zur Kandidatenschau geladen. Heidi Scharf und Karin Binder, beide mit gewerkschaftlicher Vergangenheit, kandidieren für Die Linke, Verdi-Wirtschaftsexperte Michael Schlecht, sowie Verdi-Geschäftsführer Bernd Riexinger sind für die WASG hier.

Gut fünfzig Interessierte haben sich als Zuhörer eingefunden und lauschen Michael Schlechts Einführungsrede. Es herrscht eine Stimmung wie bei einem Weiterbildungsseminar für Angestellte des Finanzamts. Zu dieser Atmosphäre trägt sicherlich auch der düstere Raum bei, dessen Wände irgendjemand vor geschätzten dreißig Jahren mit lackierten Holzplatten verkleidet hat. Die Uhr an der Wand geht fünfdreiviertel Stunden nach. Ich fühle mich wie in einer Zeitblase.

Michael Schlecht redet über eine "drohende schwarz-gelbe Revolution", die das "Betriebsvertragsgesetz zerschlagen" wolle. Einige der Anwesenden nicken ebenso zustimmend wie stumm. Schlecht will eine "Stärkung der Lohnfront" um der "viel zu schwachen Binnennachfrage" entgegenzuwirken. Die Rede wird wohl noch länger dauern. Ich mache es mir so bequem wie möglich und schließe kurz die Augen. Schlecht fordert derweil "öffentliche Investitionsprogramme" und ein "anderes Steuersystem", sowie "einen Mindestlohn von wenigstens 1.400 Euro."

Neben Schlecht sitzt die Linksparteikandidatin Heidi Scharf. Langsam und bedächtig fummelt sie ein Plätzchen aus einer Keksdose, die auf dem Tisch steht. Sie betrachtet das Backerzeugnis einen Moment und lässt es dann auf den Parkettboden fallen. Michael Schlecht redet über eine Steuer für Reiche. Frau Scharf greift sich einen zweiten Keks und wirft ihn ebenfalls auf den Boden. Dann einen dritten und einen vierten.

Ein Mann zu meiner Rechten fummelt einen Flachmann aus der Innentasche seines Jackets und nimmt einen tiefen Schluck. Ich tue so, als würde ich nichts bemerken. Auf dem Boden vor Frau Scharf hat sich derweil ein kleiner Plätzchenberg gebildet. Der Mann neben mir reicht mir mit einer auffordernden Geste seinen Flachmann herüber. Ich lehne ab. Die Tür öffnet sich kurz und ein grauhariger Mann wirft einen Blick in den Raum. "'Tschuldigung", krächtzt er, "ich suche die Dusche", und weg ist er wieder.

Der Mann neben mir wird in seinen Bemühungen, mich zu einem Schluck aus seiner Pulle zu verleiten langsam aufdringlich. "Trink", sagt er laut, "oder bist du etwa keiner von uns?" Um nicht aufzufallen, tue ich ihm den den Gefallen und greife mir die Flasche. Der Inhalt schmeckt klebrig-süß und steigt sofort in den Kopf. "Na also", sagt der Mann zufrieden, "das ist Solidarität."

Heidi Scharf wirft weiterhin Kekse vom Tisch auf den Boden. "Es geht um eine Umverteilung von oben nach unten", sagt sie dabei streng. Einige der Anwesenden klatschen. Gregor Gysi und Oskar Lafontaine gehen durch die Reihen und stecken den Anwesenden rote Clownsnasen ins Gesicht. Wieder reißt der durchgeschwitzte Joschka Fischer die Tür auf. Diesmal ist er schon ein wenig wütender: "Wo sind denn die verdammten Duschen", knarzt er in den Saal und verschwindet, ohne auf eine Antwort zu warten.

Franz Gaydosch schlägt wie ein besessener auf seine Gitarre ein und singt dabei "Aaageenda, Hoho", zur Melodie von "Volare". Das gefällt dem Publikum, nichts hält die Leute mehr auf ihren Plätzen. Flugs formen sie eine Polonaise und tänzeln knirschend durch Heidi Scharfs Gebäckberg. Bernd Riexinger ist auf den Tisch gesprungen und verfällt in einen deutschen Rap, von dem ich leider kaum etwas verstehe. Nur die Worte "Rückvergesellschaftung" und "Enteignung" meine ich zu erkennen.

Eine Windböe erfasst all die Kekskrümel und wirbelt sie quer durch den Raum: Guido Westerwelle steht vor den offenen Fenstern und rudert mit den Armen. Die Tür springt auf und Walter Altherr kommt im Laufschritt herein. Hinter ihm quetscht sich ein ganzes Heimatschutzbatallion der Bundeswehr durch die Türöffnung. Die Stiefel der Soldaten klingen auf dem Parkettboden wie Trommelfeuer.

Ich schrecke hoch. Michael Schlecht hat seine Ansprache beendet und die Wahlbürger bekunden ihre Zustimmung, indem sie mit den Fingerknöcheln auf die Tische klopfen. Puh, denke ich, vielleicht sollte ich demnächst wirklich ein paar Stunden mehr pro Nacht schlafen. Die Anwesenden sitzen immer noch weitgehend regungslos an ihren Plätzen. Nun soll Heidi Scharf sprechen, doch die lässt sich Zeit. Langsam und bedächtig fummelt sie ein Plätzchen aus einer Keksdose, die auf dem Tisch steht...

(Und ab morgen wird es hier wieder ernst, versprochen ;-))

10.09.2005 | veröffentlicht: 17:55 Uhr
von: Christof Wolff

Tag X-8, Stuttgart, km 3847

 

10.09.2005 | veröffentlicht: 03:58 Uhr
von: Christof Wolff

Fast vergessen: Freiburg, km 3630

 

10.09.2005 | veröffentlicht: 03:43 Uhr
von: Mario Sixtus

"Wenn jemand Visionen hat, muss man vorsichtig sein"


Der Außenminister-Popstar betritt in Begleitung von drei Bodyguards die Szenerie. Links und rechts vor der Rampe postieren sich zwei weitere Gorillas in Anzügen. Die Bühne ist nahezu leer, bis auf das, wahrscheinlich aus den siebziger Jahren stammende und billig furnierte Rednerpult, auf dem peinlicherweise ein Plakat aus dem Wahlkampf 2002 klebt. Die Basis blamiert einmal mehr ihren Chef.

Fischer absolviert zwei bis drei Wahlkampftermine täglich. Das macht sich bemerkbar: Aus dem bekannt knarzigen Organ mit Reibeisen-Timbre ist mittlerweile ein tonloses Kratzen Marke Grobkorn-Sandpapier geworden. "Macht euch keine Sorgen um die Stimme", schabt es aus Fischers Rachen, "die wird schon wieder, wenn ich in Fahrt komme."

In der Tat: Je mehr Fischers Motor auf Touren kommt, um so mehr Ton kehrt in seine Stimme zurück. Ich frage mich, was der Mann wohl in einem Restaurant macht, wenn er etwas bestellen will. Sich erst einmal richtig aufregen, damit der Kellner seine Order versteht?

Wie immer redet Fischer ohne Manunskript. Ein Insider verrät mir, das könne er problemlos stundenlang. Daher hat man sich grünenintern einen kleinen Trick ausgedacht: Sollte der Minister noch Termine haben und während einer Ansprache in Zeitnot geraten, stellt man ihm irgendwann unauffällig ein Glas Wasser aufs Pult. Dieses Zeichen signalisiert: Komm zum Ende, wir müssen weiter. Heute hat er keine weiteren Termine mehr, kein Wasserglas droht.

Fischer hat offenbar gute Laune. Die neuen Umfragewerte seien ein Beleg dafür, dass "alles noch drin ist." Er hat Rückenwind und nutzt den Schwung für ein paar Handkantenschläge gegen den politischen Gegner: "Guido Westerwelle macht immer den gleichen Fehler: Er bestellt die Möbel, obwohl die Wahl noch gar nicht stattgefunden hat", lästert er und verunstaltet den Vornamen des FDP-Chefs dabei durch ein laut ausgespruchenes "u" vor dem "i". Angela Mekel (Fischer: eine politische Fahrschülerin) glaube wohl, um Umweltkompetenz zu beweisen, reiche "die Wiederverwendungsquote von Kabinettsmitgliedern aus der Kohl-Zeit."

Wie kein anderer dreht sich dieser Wahlkampf um ein einziges Thema: Arbeitsplätze. Nach den Sticheleien zum Aufwärmen, betritt auch Joschka Fischer dieses Terrain. Er wirft der Industrie vor, die Zeichen der Zeit nicht erkannt, und wichtige Techniken verschlafen zu haben: "Nirgendwo steht geschrieben, dass wir in der Automobiltechnik auf ewig führend sein werden." Der Hybridmotor für Toyota sei beispielsweise an der Technischen Universität Aachen entwickelt worden. Anders als die Japaner, hätten deutsche Unternehmen sich jedoch nicht getraut, diese Entwicklung in Serie zu bauen.

Auch für Professor Kirchhof, Merkels designiertem Finanzminister, hat Fischer eine Packung Hohn mitgebracht: "Der entschuldigt sich jetzt für seine Wahlkampfauftritte, ich finde, er sollte weiter machen." Und: "Ich weiß aus den siebziger Jahren: wenn jemand Visionen hat, muss man vorsichtig sein."

Fischers Rede behandelt alternative Energien, steuert das Gesundheitssystem an, verweilt kurz bei der Arbeitslosenversicherung, wo er sich offenbar ein paar Zwischenrufer wünscht ("Jemand von der PDS da? Come on! Ich verhaue niemand."), streift dann die Familienpolitik und führt schließlich über die innere Sicherheit zur Außenpolitik.

Länger als eine Stunde redet Fischer und am Ende ist er durchgeschwitzt, als hätte er die ganze Zeit Holz gehackt. Das Publikum ist begeistert, es gibt Standing Ovation.

Wie diese Partei jemals ohne diesen Mann klarkommen könnte, ist schwer vorzustellen. Einer der Wünsch-dir-was-von-Joschka-Wünsche auf der Liste der Grünen Jugend lautet: "Um einen Nachfolger kümmern."

10.09.2005 | veröffentlicht: 02:24 Uhr
von: Mario Sixtus

"Der Türke will mehr"

Stimmenimitator Florian Schroeder
Stimmenimitator Florian Schroeder


Bei Grüns ist bekanntlich einiges anders als bei anderen Parteien. Beispielsweise können oder wollen sie offenbar nicht die Lichtbilder ihrer Kandidaten durch die Photoshop-Aufhübschungsmühle drehen: Kerstin Andreae, die örtliche Wahlkreisbewerberin, ist in Natura tatsächlich hübscher, als auf den örtlichen Faltblättern zur Wahl. Eine Premiere: So etwas haben wir auf dieser Tour bislang noch nicht erlebt.

Und noch etwas ist neu: Die Grünen verzichten tatsächlich auf ein musikalisches Rahmenprogramm. Für diese Maßnahme müsste man ihnen eigentlich mindestens den großen Kulturpreis der Nation am Bande verleihen, wenn es so etwas denn gebe.

Statt Musik steht Comedy auf dem Programm: Florian Schroeder ist ein junger Stimmenimitator und beweist, dass dieser Berufsstand durch den omnipräsenten Elmar Brand zu Unrecht in Verruf geraten ist. Schroeder persifliert sich gekonnt durch die Sprachorgane Ulrich Wickerts ("das Wetter"), Horst Köhlers ("ich liebe dieses Land") und lässt Angela Merkel (Schroeder: die Perle der Uckermark) einer Fernsehpsychologin ihre Probleme mit "dem Türken" schildern, zu dem sie doch nur "eine priviligierte Partnerschaft" haben wolle, er aber bedränge sie zu "mehr".

Die Stimmung ist locker, die Anwesenden lachen und applaudieren trotz Wassernotstand und tropischer Luftfeuchtigkeitsverhältnisse. Das heutige Publikum hat neben guter Laune auch noch eindeutig den jüngsten Altersdurchschnitt der von uns besuchten Veranstaltungen mitgebracht. Da kommt selbst die FDP nicht mit.

Nach dem Spaßvogel darf Kerstin Andreae noch ein wenig wahlkämpfen und auch Oberbürgermeister Salomon darf stolz verkünden, dass die industrie- und arbeitgeberfreundliche Initiative "Neue soziale Marktwirtschaft" Freiburg zur "dynamischsten Stadt Deutschlands" gewählt habe. Weit kommt er allerdings nicht mit seiner Rede: Der Außenminister betritt die Bühne und Salomons Worte gehen in Jubeln und Jauchzen unter.

10.09.2005 | veröffentlicht: 01:34 Uhr
von: Mario Sixtus

"Wünsch dir was!"

Wo Joschka Fischer auftritt, sind in der Regel Leute nicht fern, die ihm lautstark "Verrat", "Kriegshetze" und -- für viele wohl noch schlimmer -- die Einführung des Arbeitslosengeldes II vorwerfen. Vor dem Paulus-Saal sucht man Protestler allerdings vergebens. Lediglich der Vertreter einer Organisation namens "Pöbel Uni" verteilt doppelseitig bedruckte Flugblätter, in denen von Fischer als "Ekelpaket" und "Diktator der Grünen" die Rede ist.

Die Grüne Jugend Freiburg hat sich hingegen etwas ausgesprochen putziges ausgedacht. Freiburger BürgerInnen (man achte auf das große "I") hatten am vergangenen Samstag die Möglichkeit, sich von Joschka etwas zu wünschen. Auf einem großen Transparent durften sie all ihre Hoffnungen aufschreiben, in der Hoffnung, der Außenminister würde in seiner heutigen Ansprache darauf eingehen. Um es vorab zu verraten: Er ging natürlich nicht.

Trotzdem oder gerade deshalb, hier ein paar Anliegen der FreiburgerInnen (man achte auf das große "I"):

  • Politiker sollen in Weltläden kaufen
  • Mehr Fahrradwege
  • Solarzellen auf den Bundestag
  • Merkel nach Bayern
  • Tabaksteuer hoch
  • Rauchen auf öffentlichen Plätzen verbieten
  • Hanf freigeben
Dass Joschka Fischer diese Liste in seiner Rede nicht mit einer einzigen Silbe erwähnt, hat wahrscheinlich nichts mit Ignoranz zu tun, sondern mit Intelligenz.