13.09.2005 | veröffentlicht: 01:44 Uhr
von: Mario Sixtus
Zahlen sind die große Liebe des bayerischen Ministerpräsidenten.
Er rechnet öffentliche Subventionen, Steuereinnahmen und
Sozialversicherungsbeiträge gegeneinander auf, jongliert vorwärts und
rückwärts mit Millionen, Milliarden und Prozentpunkten, als würde er
den Jahresabschluss der Kreissparkasse Wolfratshausen erläutern. Bei
aller Vorschusssympathie, welche die Anwesenden ihrem
Ministerpräsidenten mitgebracht haben: Sein buchhalterischer Vortrag
kann nicht mitreißen, der Funke will nicht überspringen. Im Publikum
kommt Gemurmel auf.
Hinzu kommen seine manchmal mehr als unverständlichen Äußerungen.
Die Generationengerechtigkeit ist für Edmund Stoiber "eine Frage der
Schöpfungslehre", denn, "die, die in den 80-ern, 90-ern geborenen
sind, sind in etwa halb so groß, wie die 50-er, 60-er, vor allem die
60-er, halb so groß von der Zahl."
Es dauert über eine Stunde,
bis er erstmals in einem Nebensatz den Namen Angela Merkel fallen
lässt. In den mehr als eineinhalb Stunden seiner Ansprache erwähnt er
die Unionskanzlerkandidatin ganze drei Mal. Das Steuerkonzept des
designierten Finanzministers Kirchhof, relativiert er deutlich: "Wir
haben uns nicht für eine Flattax entschieden, wer mehr Steuern
verdient, zahlt auch mehr Steuern." Und überhaupt: "Wir haben eine
Situation und deshalb müssen wir Dinge ändern."
Gegen Ende
seiner Rede schafft er es dann doch noch, die Anwesenden mitzureißen,
er schwenkt zum Thema EU-Beitritt der Türkei: Es gehe um eine
"kulturelle Angelegenheit", sagt Stoiber und frühstückt danach die
Geschichte dieses Kontinents vom antiken Athen über "das frühe
Mittelalter, das Hochmittelalter" bis zur Christianisierung und der
französischen Revolution in sieben Halbsätzen ab. Was will er uns damit
sagen? "Sie entscheiden am Sonntag nicht nur über die Arbeitslosen",
auch der Beitritt der Türkei stehe angeblich auf dem Stimmzettel, sagt
Stoiber. Hier wacht das Publikum auf und applaudiert begeistert.
Aber
Stoibers Ideen stoßen nicht nur auf Zustimmung. Seine wichtigste
Maßnahme im "Kampf gegen den Terror" lautet: Videokameras an
"neuralgischen Punkten". Die ersten vereinzelten Buhs schallen aus dem
Publikum. Edmund Stoiber erzählt, dass er "den allergrößten Respekt"
vor den Polizisten in London habe, die nach den Terrorattacken "in
allerkürzester Zeit die Schuldigen identifizieren konnten." Das
Gemurmel im Publikum macht ihm offenbar klar, dass er sich gerade auf
äußerst dünnes Eis begeben hat. Da war doch was? Richtig, ein
Unschuldiger, der von übereifrigen Londonder Polizisten erschossen
wurde. "Natürlich haben sie auch Fehler gemacht", versucht Stoiber
schnell seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. Irgendwie gelingt ihm
das. Das Eis knirscht, aber bricht nicht.
Am Ende feiern die
meisten der Anwesenden ihren Ministerpräsidenten mit Standing Ovations
und singen mit ihm die Bayernhymne und das Deutschlandlied.
"Aus
is, Gerd!", wiederholt beim Herausgehen ein Bayer gedankenverloren das
Motto auf den blauen Pappschildern. "A geh", antwortet ihm ein anderer
Bayer mürrisch, "irgendwann is aus mit uns allen."