Santiago
Santiago
"In meinem Reiseführer steht, Nieselregen sei das typische Wetter in Santiago", hatte mir ein junger Mann gesagt, gestern, als ich mich durch die Vorstadt von Santiago schleppte, die Kapuze des Regencapes bis zur Nase heruntergezogen (nur die Pfeife schaute heraus), und mich, den Stock schwingend, als Pilger fühlte und wahrscheinlich aussah, wie eine Mischung aus Obi-Wan Kenobi und dem Weihnachtsmann.

Und so nieselt es in Santiago, was bei den warmen Temperaturen nicht unangenehm ist. Es ist leicht, in der Menge der Menschen in der Altstadt die Ex-Pilger zu erkennen. Jeden Tag kommen neue an. Sie bewegen sich ein wenig unsicher, staunend, wie frisch geschlüpft aus den Rucksäcken, von denen sie sich endlich befreit haben und das fehlende Gewicht verleiht ihren Bewegungen etwas Schwebendes.

Ich treffe zufällig George, den Opernsänger aus New York, den ich zuletzt nach ein paar Bier in einem Gasthof am Camino vor Portomarin mit zwei Gitarrenspielern zurückgelassen hatte. Er habe die Nacht dort verbringen müssen, erzählt er. Das Gespräch verplänkelt sich, endet unverbindlich mit "See ya" und wir wissen beide, dass das nicht stimmt. Ein New York City-, kein Camino-Gespräch.

"Der Camino war unser Thema" bringt es Gianlucca später auf den Punkt, der Freund von Andrea, dem Italiener, mit dem ich von Santa Irene nach Amenal gelaufen bin. "Jetzt wird es allmählich wieder so, als träfe man sich als Fremde in irgendeiner Stadt, Rom, Madrid, und das Gespräch muss sich erst über konventionellere Themen entwickeln: Politik, Beruf, Geld." Gianlucca ist Archäologe von Beruf. Auf dem Camino brachte er es zu großer Geschicklichkeit in der Behandlung von Blasen, was ihm den Titel eines "Archäologen der Füße" bescherte.

Mit Andrea war ich tagsüber noch einmal in der Kathedrale von Santiago de Compostela, wo wir geduldig in der Schlange standen, um in Pilgertradition den Heiligen Jakobus zu umarmen. Die Büste besteht aus Gold mit Edelsteinbesatz; die Umarmung ist hart und kalt. Andrea ist enttäuscht über die Pilgermesse. "Da hat der Priester gesagt: 'Ich begrüße soundsoviele Pilger, darunter soundsoviele Italiener'. Er hat mich und meine Reise zu einer Nummer gemacht!" Ich hätte die Messe ganz schön gefunden, sage ich. "Aber ich habe ja auch kein Wort verstanden." Er und ich einigen uns darauf, dass es manchmal besser ist, nichts zu verstehen. Die Umarmung zum Abschied ist warm und herzlich.

Ich sitze in der Bar Platerias in der Nähe der Kathedrale. Sie spielen die Red Hot Chili Peppers, die Musik ist laut und spült die letzten Reste des Pilgergefühls ab. "Regen gilt hier in Santiago als Kunstwerk," hatte eine spanische Bekannte von Andrea bei dem Treffen am Mittag gesagt. Die Ärztin wohnt hier seit einigen Jahren. Ich bitte Andrea, noch mal nachzufragen, wie sie das meint. "Heißt das, das Pflaster, die Architektur, die von Moos und Salzablagerungen bedeckte Kathedrale wird durch den Regen besonders schön?"

"Nein," übersetzt er die Frau aus Santiago. "Der Regen selbst ist hier Kunst."


Ulrich Hansen am 21.08.2007 .
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Mit Hans am Ende der Welt
Mit Hans am Ende der Welt

Vor ein paar Tagen hat mich unser Aufnahmeleiter Axel gefragt, ob ich denn überhaupt wüsste, was der Name Compostela bedeutet. Darüber hatte ich noch gar nicht nachgedacht und staune umso mehr, als ich die Erklärung höre: Natürlich! Santiago de Compostela heißt übersetzt "der heilige Jakob vom Sternenfeld". Campus stellae. Da ist sie wieder, die alte Wurzel des Camino, der entlang der Milchstraße verläuft und deshalb ja auch via lactea genannt wird.

Traditionell endete dieser Weg, wie bereits festgestellt, gar nicht in Santiago, sondern am Kap von Finisterre, dem Ende der Welt. Für die Römer lag vor Finis Terrae das Mare Tenebrosum, das Meer der Finsternis, wie sie den Atlantik nannten. Für die Menschen im Mittelalter war hier der Rand der Weltscheibe, wo die Fluten des Meeres sich in die Unterwelt ergossen. Schiffe vermieden es deshalb, zu weit hinauszufahren.

Auch ohne diese Geschichte ist das Kap beeindruckend. Wir kommen zusammen mit Hans, der keine Zeit mehr gehabt hätte für die Busfahrt, geschweige denn für die dreitägige Wanderung nach Finisterre. Ein Bad im Meer, das Verbrennen der Pilgerkleidung oder eines Teiles davon und das Betrachten des Sonnenuntergangs sollen bewirken, dass man am nächsten Tag als neuer Mensch erwacht.

Seine Kleidung verbrennt Hans nicht, aber ein Bad im eiskalten Atlantik lässt er sich nicht nehmen. Als wir den Sonnenuntergang beobachten wird klar, dass das alte Feuerritual ein Symbol ist für die Erneuerung, die der Camino längst bewirkt hat. "Ich habe vor allem gelernt, dass ich nicht alleine auf dem Weg bin", sagt Hans. "Wenn ich nach Hause komme, will ich die Dinge anders angehen. Nicht mehr so viel alleine machen. Mehr mit anderen zusammen." 

Ich lasse Hans alleine seinen Camino Revue passieren und gehe in Gedanken noch einmal unseren kleinen ZDF-Camino nach. Ich denke an die Menschen, die wir hier getroffen haben, mit denen wir ein Stück gegangen sind und gesprochen haben. Gespräche, die auf unseren Aufnahmen gar nicht zu sehen sind und die man auch hier im Blog nicht nachlesen kann, weil sie viel zu privat und einfach nicht für die Öffentlichkeit bestimmt sind.

Und irgendwie denke ich dabei auch - versöhnt - an die Kritiker, die meinen, wir hätten hier nur an der Oberfläche gekratzt und wären gar nicht an "den" Camino herangekommen. Das klingt für mich ein bisschen wie die Predigt gestern in der Pilgermesse, in der der Priester den Touristen eingeschärft hat, dass sie hier als Pilger eine Begegnung mit Jesus zu vollziehen hätten. Ich weiß nicht, ob irgendjemand aufgrund dieser Worte tatsächlich Jesus begegnet ist. 

Es gibt doch gar nicht den "einen" Camino und auch nicht die "eine" richtige Art und Weise, diesen Weg zu gehen. Es gibt auch nicht die eine richtige Art und Weise, das Leben zu leben. Wir können uns nur Tipps geben, wie es "gut gehen(!)" kann, und wir können Erfahrungen austauschen.

Und beim Fernsehen können wir jetzt aus dem, was wir auf rund 30 Drehkassetten mit nach Hause bringen, sowieso nur einen Eindruck schaffen vom Jakobsweg. Einen Eindruck, der die, die den Weg gegangen sind, an ihren Camino erinnert und die, die ihn noch nicht kennen, ahnen lässt, worum es hier geht. Mehr wollen wir gar nicht.

P.S.: Ich habe mir vorsichtshalber am Ende der Welt eine schöne Jakobsmuschel besorgt, die mich daran erinnert, dass ich eines Tages wiederkommen will - ohne Kamera und ohne Internet-Blog. 


Jan Frerichs am 20.08.2007 .
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Meine Ankunft in Santiago

20.08.2007 19:08
Jean Pierre mit Söhnen
Jean Pierre mit Söhnen

Meine Achillessehnenprobleme haben mich zuletzt gezwungen, in kleinen Etappen weiter zu machen. Ich folge der ärztlichen Anordnung und gehe nicht mehr als zehn Kilometer, den Rest fahre ich und beschließe, am letzten Tag nicht gleich nach Santiago zu laufen, sondern auf dem Monte do Gozo eine Zwischenstation einzuschieben. Der Berg der Seufzer liegt etwa fünf Kilometer außerhalb der Stadt und verdankt seinen Namen den Freudenseufzern der Pilger, die hier zum ersten Mal die Türme der Kathedrale von Santiago erblicken, sofern ihnen das zwischen Bäumen und Industrieanlagen gelingt.

Auf dem Monte do Gozo liegt heute die größte Herberge des Jakobsweges mit fast 2000 Betten. Die ist zwar besonders hässlich, gleicht sie doch eher einem Feriendorf, gibt aber vor allem im Sommer den vielen Pilgern eine kostenlose Unterkunft, die im überfüllten Santiago nichts mehr finden. Es gibt aber noch einen zweiten Grund, warum die Herberge auf dem Monte do Gozo so groß ist, und ich entdecke ihn, weil ich - gezwungenermaßen - nicht mit den meisten Pilgern in die Stadt hetzen kann.

Wer die letzte Nacht hier oben verbringt, kann am nächsten Morgen nach dem Frühstück feierlich die letzten fünf Kilometer in die Stadt einziehen, frisch geduscht und herausgeputzt für die Pilgermesse in der Kathedrale um 12 Uhr und den Empfang der Pilgerurkunde. So ist das Ende der Pilgerreise nach Santiago eigentlich gedacht, und genau so macht es Jean Pierre aus Belgien. Ich treffe ihn auf dem Monte do Gozo mit seinen beiden Söhnen, die ihn in den letzten drei Tagen begleitet haben.

Jean Pierre ist schon seit drei Monaten unterwegs, mehr als 2000 km hat er auf dem Jakobsweg von Belgien zurückgelegt. Eigentlich wollte er seinen Lebensabend nach seinem 65. Geburtstag zusammen mit seiner Frau verbringen, aber dann ist sie gestorben. Er verlor die Orientierung und fand sie wieder auf dem Jakobsweg. Jetzt weiß er, dass es weiter geht, weiter gehen muss. "Auf dem Weg bin ich Gott begegnet. Gott ist mit mir gegangen", sagt Jean Pierre und zeigt mir eine klitzekleine silberne Medaille, die er an seinem Pilgerstab befestigt hat. "Das ist Maria, die Mutter Gottes. Und Maria hieß auch meine Frau. Sie hat mich die ganze Zeit begleitet. Das habe ich gespürt."

Der Weg in die Stadt verläuft durch unspektakuläre Wohnsiedlungen, aber bei Jean Pierre habe ich den Eindruck, dass sein Weg längst irgendwo ganz tief drinnen verläuft. Als wir die Altstadt von Santiago erreichen und die Türme der Kathedrale erblicken, bleibt er stehen und nimmt seine Söhne in den Arm. "Das war's", sagt er. "Glückwunsch, Papa", sagen sie. Ein paar Schritte weiter erreichen wir die Kathedrale. Was für ein Gefühl muss das sein nach so einem langen Weg, frage ich Jean Pierre, und wir haben beide Tränen in den Augen. "Es ist ein bisschen wie sterben. Etwas geht zu Ende, aber Du weißt genau, dass es trotzdem weiter geht, wenn auch anders", sagt er, und ich ahne, was er meint.

Und dann passiert, was ich nie erwartet hätte: Nach und nach füllt sich der Platz vor der Kathedrale, und es gibt ein Wiedersehen mit den meisten Pilgern, die wir in den vergangenen elf Tagen getroffen haben. Hans aus Landshut, Agnes und Gerrie aus Holland, Stephanie und Caroline von der schwäbischen Herberge, die Holländer mit der einjährigen Mare, Martin aus Bielefeld, Maren aus Kiel. Sie alle sind Teil unseres Films geworden, der ja erst noch entstehen muss, und ich ahne, dass nicht wir diesen Film "machen" werden, sondern der Camino selbst, schließlich hat er auch das Drehbuch geschrieben. 

 


Jan Frerichs am 20.08.2007 .
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Sonnenuntergang am Ende der Welt.

Die Pilgersocken brennen unerwartet lange und gut.

Stefan und Carolin aus Gentin setzen mit ihrem Feuer am Finisterre die alte Tradition fort, dass Pilger ihre Kleidung verbrennen, wenn sie hier ihre Reise beenden.

Auf den Felsen am Ende der Welt kann man den eigenen Camino noch einmal Revue passieren lassen.

Der Felsen des Finisterre ragte für die Menschen des Mittelalters in den Scheibenrand und war somit das Ende der Welt.

Gegen ein kleines Trinkgeld, lässt sich Sankt Jakobus gerne ablichten.

... und verbreitet dann, mit vereinten Kräften in Bewegung versetzt, seinen Weihrauchduft.

Das berühmte Weihrauchfass in der Kathedrale von Santiago wird an einem Seil befestigt ...

Jean Pierre aus Belgien erreicht nach mehr als 2000km zu Fuß Santiago. Seine Söhne haben ihn die letzten drei Tage begleitet.

Massenabfertigung auf dem Monte do Gozo - fast 2000 Betten hat die Riesenherberge.

Das Denkmal auf dem Monte do Gozo im Morgenlicht.

... um Mäuse und andere Nager vom Mais fernzuhalten. Ich bezweifle, dass das so funktioniert.

Die galicischen Kornspeicher hat man auf Stelzen gebaut, ...

Überall in Galicien findet man diese eigenartigen Gebilde am Weg. Es sind aber keine Kirchen oder Kapellchen am Weg, sondern Kornspeicher.

Jan Frerichs am 20.08.2007 .
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