Abdul-Ahmad Rashid in seinem Büro
Abdul-Ahmad Rashid in seinem Büro

Morgen abend werden wir in das Flugzeug in Frankfurt steigen, das uns nach Saudi-Arabien bringen soll. Die Anspannung steigt langsam, und genauso stetig werden die Gedanken klarer und konzentrierter und richten sich auf die Reise. Noch sind viele Dinge zu erledigen, auch wenn die To-do-Liste immer kleiner wird. Letzte Bespechungen in der Redaktion vor der Abfahrt, und am Donnerstag dann Koffer packen. Heute konnte ich bereits im ZDF-Fundus einige Dinge ausleihen, die der Pilgerfahrer nach Mekka benötigt: einen Rucksack, eine Iso-Matte und einen Schlafsack, denn die meiste Zeit werden wir in der Wüste verbringen und dort übernachten. Andere Dinge habe ich auch schon besorgt, wie eine Trinkflasche und eine Taschenlampe. Nur das Pilgergewand, die beiden weißen, ungenähten Tücher, die der Pilger anlegt, wenn er sich in den Weihezustand begibt, muss ich mir noch vor Ort beschaffen.

Meine Freunde, Bekannten und Kollegen verfolgen gespannt die Reisevorbereitungen. Nicht selten höre ich den Satz: "Da würde ich auch gerne mitkommen!" Unter denjenigen, die das sagen, sind auch viele Nichtmuslime. Ich finde es interessant, wie viel Faszination die arabische Welt - bei allem Schrecken, der momentan von ihr auf den ersten Blick auszugehen scheint  - auf viele Menschen im Westen immer noch ausübt. Mich selber beschäftigen derzeit viele Fragen. Denn eine Reise nach Mekka ist für jeden Muslim keine gewöhnliche Reise. Sie ist zunächst eine Reise hin zu der Wirkungsstätte des von allen Muslimen verehrten Propheten Muhammad. Egal, wie hoch der Grad der Religiosität eines Muslims ist, der Person des Propheten bringt er in jedem Fall hohen Respekt und Wertschätzung entgegen. Dorthin zu reisen, wo die Geschichte des Islam vor rund 1400 Jahren begann, ist ein faszinierender Gedanke. Doch was wird diese Reise bei mir selbst auslösen? Die meisten Muslime, die aus Mekka zurückkehren, sagen, die Reise habe sie verändert. Kann man diese Veränderung überhaupt beeinflussen, oder wird die intensive spirituelle Atmosphäre an diesem Ort mit mehr als zwei Millionen Menschen mich überwältigen und verwandeln? Und was ist mit den vielen Gefahren, die an diesem überfüllten Ort auf die Pilger lauern? In den vergangenen Jahren ist es immer wieder zu Massenpaniken mit Todesopfern gekommen; erst im vergangenen Jahr starben bei einem solchem Unglück 362 Menschen. Ein Mensch, der während der Pilgerreise stirbt, stirbt als Märtyrer und kommt direkt ins Paradies, so die muslimische Überzeugung. Doch auch wenn es hoffentlich nicht zu diesen tragischen Zwischenfällen kommt, so ist mir vor dem riesigen Menschengedränge etwas mulmig. Wahrscheinlich wird es so sein wie am Tag vor Heiligabend in den Einkaufsstraßen der Großstädte, wenn alle noch hetzen, um die letzten Geschenke zu besorgen …

Doch in Mekka versammeln sich die Menschen aus viel höheren Gründen, und so habe ich auch immer wieder von der wunderbaren, von Harmonie und Brüderlichkeit durchtränkten Atmosphäre gehört, die unter den Pilgern in dieser Zeit herrscht. Gestern am Flughafen habe ich schon einen Vorgeschmack davon bekommen, als wir unsere Pilgergruppe aus Hamburg beim Abflug drehten: Wie wunderbar freundlich die Menschen miteinander umgingen, wie warmherzig und rücksichtsvoll sie sich gegenseitig ansprachen! Wenn dies ein erster Vorgeschmack auf das war, was mich in Mekka erwartet, so freue ich mich schon sehr auf diese Reise in das Herz des Islam!