Berliner Gedächtniskirche. Quelle: ZDF
Als Symbol gegen den Krieg weltberühmt: Die Berliner Gedächtniskirche.

Ausflug

Gedächtniskirche droht zu Verfallen

Eine Kampagne soll Berlins Wahrzeichen retten

von Regina Kusch/Andreas Beckmann

"Der hohle Zahn", wie die Berliner Gedächtniskirche im Volksmund genannt wird, bröckelt. Die Sanierung ist dringend notwendig, sonst drohen irreparable Schäden. Aber von den benötigten vier Millionen Euro sind erst 500.000 zusammengekommen. Ein weiteres Drama in der ereignisreichen Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche kündigt sich an.

 
 
 

Am 1. September 1895 wurde sie eingeweiht als "nationales Denkmal, das alle zukünftigen Geschlechter erinnern soll an das unermessliche, weltgeschichtliche Verdienst des ersten deutschen Kaisers". Doch schon gut 20 Jahre später zerfiel das Kaiserreich. Das damit zur normalen Char-lottenburger Gemeindekirche degradierte Gotteshaus aber erlebte eine erste Blütezeit, wurde zu einem Sinnbild des quirligen Berlins der zwanziger Jahre. "Bei uns um die Gedächtniskir-che" nannte Friedrich Hollaender eine seiner bekanntesten Revuen.

Gottesdienst in Berliner Gedächtniskirche nach dem Krieg. Quelle: Stiftung/ Gemeinde Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Stiftung/ Gemeinde Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche
Gottesdienst unter freiem Himmel: Gedächtniskirche nach dem Krieg

Symbol gegen den Krieg

1943 wurde die Gedächtniskirche bei einem Fliegerangriff schwer getroffen. Nur ein kleiner Teil des Kirchenschiffs blieb stehen - und der Westturm, der allerdings von der Bombe fast um die Hälfte verkürzt worden war und jetzt wie ein riesiger, abgebrochener Zahn aussah. Selbst Gemeindemitglieder wie Gisela Beckendorf, die hier 1934 eingesegnet worden war, nahmen die Zerstörung kaum zur Kenntnis. "Die Kirche war nur eines von vielen Häusern, das damals in Flammen aufging. Viel schlimmer war der Verlust von so vielen Menschen, die einem nahestanden."

Blick von der Gedächtniskirche auf Berlin. Quelle: ZDF
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Blick vom Turm aus

Als aber in den fünfziger Jahren die Diskussion um Erhalt oder Neubau einsetzte, plädierte Gisela Beckendorf ebenso wie 90 Prozent der Berliner für die Rettung des "hohlen Zahns". Für sie war und ist die zerstörte Kirche ein Zeichen für die Sinnlosigkeit des Krieges. Auch der Architekt Egon Eiermann erkannte schließlich, dass das "Bauwerk für Millionen Menschen Glanz und Elend ihres Lebens widerspiegelt" und verwarf seine ursprünglichen Abrisspläne. Stattdessen integrierte er den Turmstumpf in sein Neubauensemble aus Stahl, Beton und blauem Glas.

Langsamer Verfall

Die Turmruine wurde gesichert und von einem neuen Turm und dem Kirchenschiff in die Mitte genommen. Kaum war die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am 17. Dezember 1961 - nur vier Monate nach dem Mauerbau - wieder eröffnet, galt sie auch schon als Wahrzeichen West-Berlins. Auch nach der Wiedervereinigung ist sie einer der Touristenmagnete der Stadt geblieben.

Doch jetzt ist sie wieder bedroht. Die Mörtelfugen sind rissig, an vielen Stellen ist der Zement zwischen den Steinen schon vollständig weggebröselt. Steine und Platten beginnen sich vom Mauerwerk zu lösen. Schon mehrfach mussten Fassadenkletterer aufsteigen, um wacklige Teile abzuschlagen, bevor sie herunterfielen. Wind und Wetter, Autoabgase und Erschütte-rungen durch die U-Bahn setzen dem Turm weiter zu. Fugen mit einer Gesamtlänge von sechs Kilometern müssen dringend neu verfüllt werden.

Martin Germer der Berliner Gedächtniskirche. Quelle: ZDF
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Gemeindepfarrer Martin Germer

Paten zur Rettung des Turms gesucht

Gemeindepfarrer Martin Germer versucht seit einem Jahr, die dafür notwendigen vier Millionen Euro zu sammeln. Er sitzt im Kuratorium der Stiftung, der die Kirche gehört. Germer hofft, dass Land und Bund am Ende 1,5 Millionen zuschießen werden. Diese Summen fließen aber nur, wenn vorher im Rahmen der Aktion "Rettet den Turm" zahlreiche Bürger und Sponsoren Geld geben. Für Germer ist das in Ordnung so. "Es war immer Sache der Bürger, ihre Kirchen zu erhalten."

Interessierte können ab 100 Euro aufwärts eine Fugenpatenschaft übernehmen. Auf einer Karte des Turms wird dann eingezeichnet, welche Fuge mit ihrem Betrag saniert wurde. Gisela Beckendorf hat als eine der erste gespendet und Paten unter ihren Freunden geworben. Doch bisher ist gerade eine halbe Million Euro zusammengekommen, so dass die Stiftung ab dem 31. August eine neue Spendenkampagne startet.

Emily Pütter. Quelle: ZDF
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Emily Pütter koordiniert die Aktion der Künstler für den Erhalt der Gedächtniskirche.

Wie Künstler die Aktion unterstützen

Für großzügige Unterstützer wird es eine Turmbesteigung mit dem Kabarettisten Eckart von Hirschhausen geben. Künstler aus dem In- und Ausland haben zwölf Bilder gemalt, die versteigert werden. Vernissagen und Klanginstallationen sind im September rund um die Kirche geplant. "Der Turm ist ein Sinnbild für die Wunden dieser Stadt und für ihren Lebenswillen", sagt die Malerin Emily Pütter, die die Kunstaktion koordiniert. "Deshalb muss er erhalten bleiben."