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Unsere Geschichte

 
Massenflucht von Ungarn nach Österreich. Quelle: dpa
DDR-Bürger überqueren die grüne Grenze: 19. August 1989

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Massenflucht über Ungarn

Sommer 1989: Der erste Schritt zur Wende

Der Fall der Mauer - er beginnt schon im März 1989: Michail Gorbatschow empfängt im Kreml den neuen ungarischen Ministerpräsidenten Miklos Németh und erklärt Ungeheuerliches: Das Ende der "Breschnew-Doktrin", derzufolge alle Ostblock-Staaten notfalls mit Gewalt unter Moskaus Joch gezwungen werden. Die Ungarn nehmen Gorbatschow beim Wort und beginnen am 2. Mai 1989, die Grenzbefestigungen zu Österreich abzubauen. Mehr als 50.000 DDR-Bürger strömen daraufhin nach Ungarn, um über die "grüne Grenze" nach Österreich in den Westen zu fliehen.

 
 
 

Zu diesem Zeitpunkt ist der Glaube an die Reformfähigkeit der DDR bei vielen Ostdeutschen erschöpft. Kaum jemand erwartet noch, dass die vergreiste SED-Führung sich Gorbatschows "Glasnost"-Politik zum Vorbild nehmen würde. Eine Art Torschlusspanik breitet sich aus: Es scheint nur eine Frage der Zeit zu sein, wann die guten Chancen für Veränderung - oder Flucht - wieder vorbei sein würden.

 

Eine ungeahnte Möglichkeit zur Ausreise eröffnet sich am 2. Mai 1989: Ungarische Grenzer beginnen, die 350 Kilometer langen Sperranlagen zwischen Ungarn und Österreich abzubauen.

Ungarische Soldaten durchtrennen einen Grenzzaun. Quelle: ap
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Ungarn: Soldaten öffnen die Grenze.

Visum in die Freiheit

Anders als das DDR-Fernsehen berichten das ZDF und andere Westsender ausführlich darüber. So erfahren auch die DDR-Bürger von der Sensation im sozialistischen Bruderland. Noch im selben Monat beantragen ungewöhnlich viele ein Visum für "Urlaub" in Ungarn.

Nur einen Monat später, am 27. Juni, zerschneiden der ungarische Außenminister Gyulan Horn und sein österreichischer Kollege Alois Mock demonstrativ den Grenzzaun bei Sopron. Das Tor zur Freiheit. Mit Beginn der DDR-Sommerferien setzt die Massenflucht ein. An unbesetzten Wachtürmen vorbei überqueren viele Menschen - auch dank österreichischer Fluchthelfer - die "grüne Grenze". Die Bundesrepublik muss sich auf eine regelrechte "Flüchtlingsflut" einstellen.

 

Frühstück von Sopron

Weitere DDR-Bürger suchen Zuflucht in Botschaften der Bundesrepublik. Mitte August müssen die westdeutschen Diplomaten in Budapest, Prag und Warschau ihre Häuser wegen Überfüllung abriegeln, ebenso die Ständige Vertretung der Bundesrepublik in Ost-Berlin. Allein in der Prager Botschaft warten tausende DDR-Flüchtlinge auf ihre Ausreise. Und auf grenznahen ungarischen Zeltplätzen campieren über 200.000 Ostdeutsche: Per Mundpropaganda informieren sie sich, wie und wo die Grenze am gefahrlosesten zu überqueren ist.

 
Massenflucht von DDR-Bürgern nach Österreich. Quelle: pa/dpa-archivreport
pa/dpa-archivreport
Die Ungarn machen den "Eisernen Vorhang" auf - und lassen DDR-Bürger massenhaft nach Österreich ausreisen.
 

Eine günstige Gelegenheit zur Flucht bietet sich am 19. August 1989. Die "Paneuropa-Union" und das "Ungarische Demokratische Forum" (MDF) laden für diesen Tag in das Grenzstädtchen Sopron ein - zum so genannten "Paneuropäischen Picknick". Schirmherren sind der Europa-Parlamentsabgeordnete Otto von Habsburg und der ungarische Staatsminister Imre Pozsgay.

 

Auf der Flucht erschossen

Im Vorfeld verteilen Helfer Tausende von Flugblättern, um auf die Veranstaltung aufmerksam zu machen. Sie enthalten präzise Angaben über den Grenzabschnitt bei Sopron und darüber, wo die Grenze zu Österreich am leichtesten zu passieren ist. Fast 700 DDR-Bürger nutzen die Gunst des Augenblicks, als sich die Grenze für ein paar Stunden öffnet, und fliehen nach Österreich: Ein Fanal für noch unentschlossene DDR-Bürger daheim. Viele machen sich ebenfalls auf den Weg nach Ungarn. Gleichzeitig schickt die Staatssicherheit ganze Einsatztruppen auf die ungarischen Campingplätze.

Die Flucht über die "grüne Grenze" ist trotz allem noch gefährlich: Der Architekt Kurt-Werner Schulz wird bei einem Fluchtversuch von einem Mitglied der ungarischen "Arbeitermilizen" erschossen. Er wird das letzte Opfer des Eisernen Vorhangs sein. Am folgenden Tag dürfen 108 Flüchtlinge aus der deutschen Botschaft in Budapest ausgeflogen werden.

 

Die Grenze ist offen

Nach den Zwischenfällen an der Grenze treffen sich Ministerpräsident Miklos Németh und Bundeskanzler Helmuth Kohl auf Schloss Gymnich bei Köln. Ihr Gesprächsthema: Entgegen dem Wunsch Ost-Berlins will Ungarn die beim Grenzübertritt gefassten DDR-Bürger nicht mehr in ihr Heimatland abschieben. Überdies verspricht Németh, sämtliche DDR-Bürger bis September ausreisen zu lassen.

 
DDR-Flüchtlinge mit neuem deutschen Pass, 11. September 1989. Quelle: sven simon
sven simon
DDR-Flüchtlinge präsentieren am 11. September 1989 stolz ihren neuen, bundesdeutschen Pass.
 

In der Nacht vom 10. auf den 11. September 1989 ist es so weit: Ungarn öffnet seine Grenzen. Der Eiserne Vorhang, der Europa seit über 40 Jahren geteilt hat, ist damit zerrissen. Nach nur 72 Stunden nutzen 15.000 Ostdeutsche die Chance zur Ausreise, bis Monatsende fliehen 30.000 auf diesem Wege, am Ende werden es über Hunderttausend sein.

 

Überforderte DDR-Führung

Die Flüchtlinge werden von vielen Einheimischen im österreichischen Burgenland unterstützt und vom Roten Kreuz versorgt. In der Bundesrepublik werden die Landsleute in provisorischen Notquartieren untergebracht. Die DDR-Führung dagegen verschläft die sich überstürzenden Ereignisse: Erich Honecker ist schwer krank und lässt sich von Günter Mittag vertreten, der offenbar völlig überfordert ist.

Erst am 14. September wird die Massenflucht im DDR-Ministerrat überhaupt thematisiert. Die Nomenklatura spricht stur von einem "Großangriff des Gegners" und weigert sich, die Beweggründe der Flüchtlinge auch nur zu untersuchen. DDR-Außenminister Oskar Fischer bemüht sich bei den Ungarn darum, die Grenze wieder zu schließen - ohne Erfolg.

 
 
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